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Lufthansa:Die Rückkehr des Staates

Nach wochenlangem Stillstand des Flugverkehrs braucht die Lufthansa Milliarden, um die derzeitige Krise überstehen zu können.

(Foto: Michael Probst/AP)

Nach 23 Jahren wird der Bund wohl wieder Miteigner. Aktionärsvertreter signalisieren Zustimmung - unter Vorbehalt.

Eingeleitet hat der Lufthansa-Vorstand sein Schreiben vom Wochenende mit der Anrede "Liebe Lufthanseaten". Doch genauso gut hätte das Führungsgremium andere Adressaten einsetzen können - "Liebe Aktionäre" etwa oder "Liebe Bundesregierung", denn zumindest zwischen den Zeilen waren wichtige Botschaften aus dem Brief zur (schwierigen) Lage des Unternehmens eher an sie gerichtet. Mit der unterschwelligen Schlussfolgerung: es wird hart, aber es wird schon.

In dieser Woche geht es für die Fluggesellschaft Schlag auf Schlag. Am Montag tagte bereits der Aufsichtsrat, um sich vom Vorstand über die verheerenden Folgen der Covid-19-Krise auf das Geschäft und die möglichen Rettungsaktionen informieren zu lassen. Am Dienstag findet zum ersten Mal in virtueller Form die Hauptversammlung des Konzerns statt, auch sie steht ganz im Zeichen "der Sicherung unserer Zukunft", wie die Vorstände schreiben. Und nebenbei verhandelt die Airline mit Vertretern der Bundesregierung weiter über ein neun bis zehn Milliarden Euro schweres Rettungspaket, durch das der Staat vermutlich schon bald über eine Sperrminorität und zwei Mitglieder im 20-köpfigen Aufsichtsrat verfügen wird.

Sollte eine Einigung scheitern, droht der Konzern mit einem Schutzschirmverfahren

Vor einer guten Woche brachte das Management als Plan B ein Schutzschirmverfahren in die Diskussion, für den Fall, dass sie sich mit der Bundesregierung nicht auf die Bedingungen von Staatshilfen einigen kann - für die Investoren und Mitarbeiter wäre ein solches Insolvenzverfahren der Worst Case und auch politisch schwer vermittelbar. Nun stehen die Zeichen auf Einigung, die vielleicht aber auch erst in der nächsten Woche verkündet werden dürfte. "Nach unserer Einschätzung können diese Gespräche zu einem baldigen Abschluss geführt werden", schrieben die Vorstände. Zwar würden Alternativen "bis hin zu einem Schutzschirmverfahren" geprüft, gleichwohl sei der Vorstand aber davon überzeugt, dass er "angesichts der Gespräche mit Berlin nicht auf die Alternativen zurückgreifen müsse."

Der Durchbruch liegt also nahe, ist aber noch nicht geschafft. Unstrittig ist, dass der Bund einen großen Minderheitsanteil von mehr als 25 Prozent erhält und damit 23 Jahre nach der vollen Privatisierung der Lufthansa als Anteilseigner zurückkehrt. Er besteht offenbar auch auf zwei Posten im Aufsichtsrat. Zusätzlich wird er voraussichtlich weiteres Geld in Form einer stillen Beteiligung (angeblich zu einem Zinssatz von neun Prozent) sowie weitere Kreditbürgschaften zur Verfügung stellen. Das Volumen der Hilfen geht deutlich über die sieben Milliarden Euro hinaus, die Air France von der französischen Regierung bekommt, nachdem dies nun auch die Europäische Kommission genehmigt hat.

Es gibt aber noch strittige Punkte. Der wichtigste betrifft den Aufsichtsrat. Lufthansa will dort politisch motivierte Entscheidungen unbedingt verhindern, die etwa das Streckennetz betreffen. Berlins Vertreter könnten, so die Horrorvorstellung, in dem Gremium zum Beispiel darauf drängen, Lufthansa Langstrecken von Berlin aus fliegen zu lassen, obwohl dies wirtschaftlich immer ein Reinfall war, wenn sie es mal versucht hat. Der Berliner Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup, selbst ehemaliger Staatssekretär, hat das tatsächlich in der vorigen Woche schon einmal vorsorglich angeregt. Dem Vorstand wäre es daher am liebsten, wenn nicht Politiker entsandt würden, sondern unabhängige Wirtschaftsvertreter an deren Stelle, so wie das bei Airbus schon lange üblich ist.

Für seinen Kurs hat Lufthansa-Chef Spohr von wichtigen Aktionärsvertretern schon vor der Hauptversammlung Rückhalt bekommen. Union Investment-Portfoliomanager Michael Gierse schreibt gar, dessen Krisenmanagement sei "vorbildlich". Spohr müsse "bei den Verhandlungen um Staatshilfen hart bleiben, aber er darf den Bogen nicht überspannen", findet Gierse. "Aus der Lufthansa darf keine Commerzbank 2.0 werden. Wenn die Politik sich ins Geschäft einmischt, sehen wir das Risiko einer überdimensionierten Infrastruktur, die nicht ausreichend an die neue Normalität angepasst wird."

"Aus der Lufthansa darf keine Commerzbank 2.0 werden."

Gierse fordert allerdings auch "sinnvolle Einschnitte" und eine klare Ausrichtung auf das Premium-Produkt, nicht die Billig-Ableger, mit denen Lufthansa nicht zuletzt seit dem Ausbau von Eurowings enorme Verluste eingeflogen hat. Außerdem: "Gedankenspiele über Zukäufe schwieriger Sanierungsfälle wie Alitalia verbieten sich nach der Krise von selbst."

Auch Vanessa Golz (Deka Investment) findet, es stelle sich "die Frage nach der Größe der zukünftigen Flugkapazitäten. Das Aus für Germanwings dürfte wohl erst der Anfang gewesen sein." Die Lufthansa müsse sich für eine "Bereinigung des Marktes positionieren, denn "es könnte auch zu weiteren Zusammenschlüssen europäischer Airlines kommen". Die Diskussion, wie die Lufthansa 2.0 aussehen wird, steckt intern allerdings gerade einmal in ihren Anfängen.

© SZ vom 05.05.2020

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