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Lobbyismus:Das Wunderkind wird Versicherungsverkäufer

FILE PHOTO: German State Secretary at the Federal Ministry of Labour and Social Affairs Asmussen attends a symposium 'Les Entretiens du Tresor' at the Bercy Finance Ministry in Paris

Mit 16 anderen Männern führt Jörg Asmussen den Verband.

(Foto: Charles Platiau/Reuters)

Ex-Staatssekretär Jörg Asmussen ist künftig Cheflobbyist der Versicherungsbranche in Berlin. Eigentlich wollten die Konzerne eine Frau für den Posten.

Banker oder Finanzbeamte kommen nicht häufig in Boulevardblättern vor. Es sei denn, sie sind so schillernd wie Jörg Asmussen. "Meist erleben nur Frauen solche Karrieredellen - doch dieses Mal trifft es einen Mann", schrieb die Bunte am Juni 2016. Ausgerechnet er schlingert auf seinem Karriereweg: der einstige Kanzlerberater, der einflussreichste deutsche Beamte in der Eurokrise, der Außenminister der Europäischen Zentralbank, das "Superhirn" unter den deutschen und europäischen Finanzpolitikern, dem sogar das Amt des Bundesfinanzministers zugetraut wurde. Weil der Wechsel zur Staatsbank KfW nicht klappt, muss Asmussen 2016 bei der Privatbank Lazard anheuern. Jetzt nimmt der berufliche Lebensweg eine weitere unerwartete Wende: Jörg Asmussen wird von Oktober 2020 an Deutschlands oberster Versicherungsverkäufer. Als Vorsitzender der Geschäftsführung des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft soll Asmussen den engen Draht in die deutsche Politik pflegen.

Mit dieser Entscheidung gehen beide Seiten ins Risiko. Asmussen, weil er bisher als politischer Beamter, Berater und Banker gearbeitet hat, nicht als Versicherer. Und die Branche, weil man nicht genau weiß, wie belastbar die Verbindungen Asmussens in das politische Berlin noch sind. Das gut gepflegte Telefonbuch, des Cheflobbyisten wichtigstes Arbeitsmittel, dürfte einige Leerstellen aufweisen. Die zahlreichen Jobwechsel des 53-Jährigen haben schließlich einiges damit zu tun, dass ihm einflussreiche Unterstützer in Union und SPD abhanden gekommen sind.

Viele Sozialdemokraten haben Probleme mit dem Karrierebeamten, der einst unter den Bundesfinanzministern Hans Eichel und Peer Steinbrück einen rasanten Aufstieg zum Staatssekretär hinlegte und zur Überraschung aller dieses Amt unter Wolfgang Schäuble (CDU) behalten durfte. Schäuble unterstützte auch den Wechsel Asmussens in das Direktorium der Europäischen Zentralbank. Doch er blieb nur zwei Jahre. Aus persönlichen Gründen, wie es offiziell hieß, habe er die Zentralbank verlassen wollen, um in Berlin mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Da hatte Asmussen Schäuble bereits aus seinem Telefonbuch streichen können, Schäuble war unter anderem darüber verärgert, dass Asmussen seinen finanzpolitischen Zielen öffentlich widersprochen hatte.

Aber die SPD-Kontakte funktionierten noch. Asmussen wurde Staatssekretär bei der damaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Es blieb kein Geheimnis, dass er nicht zu Nahles und zum Arbeitsministerium passte. Er wollte weg - und fand mithilfe des damaligen SPD-Chefs und Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel ein neues Angebot: als Vorstand der staatlichen Förderbank KfW. Bei den Verhandlungen jedoch soll Asmussen den Bogen überspannt haben; bei der KfW kamen seine Forderungen unter anderem zum Arbeitsort Berlin statt Frankfurt als so überzogen an, dass man sich gegen ihn entschied. Die politischen Kontakte waren ausgereizt; Asmussen ging als Banker zu Lazard, und die Bunte wunderte sich, wie männliche Karrieren knicken. Dass Olaf Scholz sich nicht an den einstigen Überflieger erinnerte, als er 2018 Finanzminister wurde, zeigt das schlechte Verhältnis zur SPD. Asmussen verließ die Partei.

Eigentlich wollte die Versicherungswirtschaft eine Frau für den Posten. Aber die Suche blieb vergeblich. Möglicherweise hatte das 17-köpfige rein männliche Präsidium des Verbandes nicht die richtigen Kontakte, oder in Frage kommende Frauen fanden die Aussichten auf die Arbeit in dem Boys' Club nicht sehr attraktiv.

Beim GDV ersetzt der eher schillernde Asmussen den ruhigen Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, der nach fast 25 Jahren als Hauptgeschäftsführer in den Ruhestand geht. Fürstenwerth gilt als exzellenter Lobbyist, der trotz heftigem politischen Gegenwind bei den jeweiligen Regierungen große Konzessionen für die Branche herausschlagen konnte.

Auch Asmussen muss mit großen Problemen fertig werden. Die Lebensversicherung ist unter Druck; Grüne und Teile der CDU würden lieber eine staatliche Privatrente mit niedrigen Kosten einführen. Finanzminister Scholz will die Provisionen in der Lebensversicherung begrenzen, auch das finden viele Gesellschaften nicht gut. Und die EU-Aufsicht Eiopa arbeitet an einer Neufassung der Kapitalregeln, von der Branche misstrauisch beäugt.

Asmussen muss einen Verband mit 260 Mitarbeitern führen, dessen 460 Mitgliedsunternehmen keineswegs einheitliche Interessen haben. Da sind die Großkonzerne Allianz und Munich Re auf der einen Seite und kleine Gesellschaften auf der anderen.

Doch bislang hat sich Marktführer Allianz im GDV immer durchgesetzt. Da hilft es Asmussen ungemein, dass er einen guten Draht zu Allianz-Chef Oliver Bäte hat.

© SZ vom 31.01.2020
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