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Künstliche Intelligenz:Vestager und die klugen Köpfe

Kretschmann und Vestager besuchen Tübingen

Big Sister: EU-Kommissarin Margrethe Vestager wurde in Tübingen erst von 50 Kameras gescannt und konnte anschließend ihren Cyber-Klon auf dem Bildschirm betrachten.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

EU-Kommissarin Margrethe Vestager fordert von den Regierungen der Mitgliedsstaaten mehr Engagement bei der Digitalisierung. Das sogenannte Cyber Valley in Baden-Württemberg gilt dabei als Vorbild.

Margrethe Vestager zögert keine Sekunde. "Ja, natürlich will ich das ausprobieren", sagt die Vizepräsidentin der EU-Kommission in der fensterlosen Laborhalle. Sie stellt sich mit ihren hellblauen Adidas-Turnschuhen auf eine Glasplatte. Das Licht geht aus und etwa 50 Kameras rundherum machen 60 Bilder von ihr pro Sekunde. "Hat überhaupt nicht wehgetan", scherzt die 51-jährige Dänin, als das Licht wieder angeht. Wenige Sekunden später sieht sie sich als dreidimensionalen Avatar auf einem Bildschirm, der auch jede ihrer Bewegungen 1:1 nachmacht.

Margrethe Vestager ist bekannt als EU-Wettbewerbskommissarin, neuerdings trägt sie zusätzlich den wuchtigen Titel "Exekutiv-Vizepräsidentin für ein Europa, das fit für das digitale Zeitalter ist". In dieser Funktion besucht sie am Donnerstag das sogenannte "Cyber Valley" in Tübingen bei Stuttgart. Einen Tag, nachdem sie in Brüssel ihr Weißbuch "Künstliche Intelligenz" vorgestellt hat, lässt sie sich von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Forschern diverse Möglichkeiten des Maschinellen Lernens zeigen. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung konkretisiert sie ihre Pläne zur Digitalisierung Europas. Dabei deutet sie auch an, dass das Cyber Valley ein Vorbild für weitere ähnliche Projekte sein könnte.

"Die Staaten und die europäischen Institutionen investieren zu wenig in KI."

"Das Cyber Valley ist ein Zukunftsmodell", sagt sie. "Besonders inspirierend" sei die Kooperation von Bundesland, Wirtschaft und Wissenschaft. Das Cyber Valley ist ein Forschungsverbund, zu dem sich mehrere Institutionen zusammengeschlossen haben: die Universitäten Stuttgart und Tübingen, das Max-Planck-Institut, die Fraunhofer-Gesellschaft, Konzerne wie Daimler, Amazon und Bosch. Sie alle forschen neben- und miteinander, angeschoben wurde das Ganze mit einer dreistelligen Millionen-Unterstützung des Bundeslandes. "Man spürt den Stolz auf das Erreichte - zu Recht", lobt Vestager. "Es ist beeindruckend, was hier schon passiert."

In vielen anderen Teilen Europas ist man mit der Förderung der KI noch nicht so weit, wie Vestager kritisiert: "Die Staaten und die europäischen Institutionen investieren zu wenig in KI." Deshalb schlägt sie in ihrem Weißbuch auch vor, pro Jahr 20 Milliarden Euro in künstliche Intelligenz zu investieren. Das ist nicht viel im Vergleich zu den Summen, die in den USA und China in den Bereich gepumpt werden, räumt Vestager ein. Aber es sei "ein Anfang". Zusätzlich müsse man versuchen, Geld von Unternehmen und Mitgliedsstaaten zu erhalten. Damit will sie Ökosysteme schaffen, die zwar weniger Geld zur Verfügung haben, aber dafür andere Qualitäten haben, um junge Talente anzulocken. Sie meint damit Dinge wie offene Gesellschaften, Freiheit der Forschung, Menschenrechte und Datenschutz. Allerdings braucht es auch: Spitzenforschung.

"Wir brauchen ein Netzwerk der Exzellenz", sagt Vestager. "Nur Exzellenz zieht die besten Talente an." Deshalb brauche es auch "mindestens einen Leuchtturm", der alle Projekte sichtbar mache. Wann, wo und wie diese Leuchttürme entstehen sollen? "Wir haben keine Zeit darauf zu warten, bis irgendetwas neu aufgebaut ist", betont Vestager. "Das Wichtigste" sei jetzt, "bestehende Strukturen, wie dieses Projekt, zu nutzen und weiter auszubauen."

"Wir sind ein europäischer Hotspot und tun nicht nur so, als wären wir einer."

Bei alldem fordert Margrethe Vestager von den Regierungen ein "Gefühl der Dringlichkeit". Es gehe darum, "unseren heutigen Status ins digitale Zeitalter zu transferieren". Sie wünscht sich etwa zeitnah einen einheitlichen europäischen Markt für KI-Produkte, mit dem Europa attraktiv für Start-ups werden könnte.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann lässt beim Rundgang durch die Labore durchblicken, dass er sich eine Unterstützung des Cyber Valley durch die EU wünscht. "Hier gibt es viele kluge Köpfe", sagt er, "und wir können auch punkten mit unserer Industrielandschaft, die ihresgleichen sucht." Hier seien große Unternehmen, mit denen Start-ups kooperieren können. "Wenn die Vizepräsidentin das mitnimmt, bin ich zufrieden." In seine Eigenwerbung verpackt er auch einen Seitenhieb auf Bayers Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der ebenfalls eine KI-Offensive ausgerufen hat. Kretschmann: "Wir sind ein europäischer Hotspot und tun nicht nur so, als wären wir einer." Ansonsten plädiert er aber für grenzübergreifende Zusammenarbeit. "Europa braucht einen KI-Airbus", fordert Kretschmann. Denn kein Nationalstaat sei alleine in der Lage, Amerika und China die Stirn zu bieten. "Wer da nicht mitkocht, steht am Schluss auf der Speisekarte."

Margrethe Vestager lauscht, lächelt und nickt. Zum Thema KI-Airbus will sie aber nichts sagen, wie auch zu einer EU-Förderung für das Cyber Valley. "Ich habe keinen Geldkoffer dabei", sagt sie. Sie sei zum Lernen hier, nicht zum Geldverteilen.

© SZ vom 21.02.2020
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