Kreativwirtschaft:Flohmarkt der Scheinwelten

Kreativwirtschaft: Jens Gottschau und Petra Sommer eröffnen in Hamburg die Hanseatische Materialverwaltung.

Jens Gottschau und Petra Sommer eröffnen in Hamburg die Hanseatische Materialverwaltung.

(Foto: Christina Hansen)

Eine riesige Pappmaché-Torte für einen Werbefilm, eine Galashow mit Tausenden Sektgläsern: Oft fliegen teure Kulissen und Requisiten nach einem Hochglanzauftritt in den Müll. Gleichzeitig mangelt es Lehrern und Kleinkünstlern an Ausstattung. Da müsste man mal was machen, dachten sich zwei Unternehmensgründer.

Von Nadia Pantel, Hamburg

Wenn der gut drei Meter hohe, hölzerne Frauentorso in das mittlere Regal passt, dann könnte er direkt neben der Rikscha stehen und dafür können die mehr als 100 Lampenschirme dann bleiben, wo sie sind. Nur wo werden die Boote aus Holz, Pappmaché und Pressspan einsortiert? Tetris-Stimmung in der Lagerhalle im Hamburger Oberhafen.

Jens Gottschau manövriert mit dem Gabelstapler zwischen den Regalen hin und her, während Petra Sommer im grünen Arbeitsoverall große Kulissenbauteile aus dem Weg räumt. In wenigen Tagen wird auch der letzte Gegenstand einsortiert sein, und es wird noch mehr Platz für Skurriles, Wertvolles, Sperriges, Schönes geben. Dann wickeln Gottschau und Sommer ein paar Kilometer überdimensioniertes Geschenkband samt riesiger roter Plastikschleife ums Gebäude herum: Am kommenden Montag eröffnen sie die "Hanseatische Materialverwaltung".

"Eigentlich hatten wir nur eine ganz einfache Idee", sagt Gottschau. Nach jeder Theaterproduktion, nach jeder Fernsehshow und nach jedem Werbedreh bleiben wertvolle Materialien übrig. Von teuren, schwer entflammbaren Stoffen wie Molton über passgenau angefertige Stellwände bis zur meterhohen Pappmaché-Torte oder einem raumteilenden Vorhang aus Sektgläsern.

Oft ist der Aufwand, die Materialien einzulagern, größer, als sie einfach zu verschrotten. Und so wandern Millionenwerte nach einmaliger Benutzung in die Mülltonne. Während gleichzeitig in Schulen, Kindertagesstätten oder in der freien Kunstszene noch nicht einmal das Geld für einen vernünftigen Bühnenvorhang da ist. Das möchte die Hanseatische Materialverwaltung nun ändern. Wenn zum Beispiel ein Theater Platz in seinem Fundus schaffen möchte, bestellt es den Lieferwagen des Second-Hand-Handels. Der holt ab, was übrig ist, und sobald die Kulissenteile eingelagert sind, können sie von gemeinnützigen Einrichtungen oder anderen, die Ideen, aber kein Geld haben, für einen kleinen Preis gekauft werden. Von denen nehmen, die zu viel haben, denen geben, die zu wenig haben: Robin Hood für die Kunst, sozusagen.

So weit, so anarchisch. Nur, dass Robin Hood im Sherwood Forest nicht erst hunderte Quadratmeter Lagerfläche organisieren musste, keinen Lastwagen und Tragehelfer brauchte und sich selbst auch kein Gehalt auszahlen wollte.

Denn so simpel die Grundidee der Hanseatischen Materialverwaltung ist, so lang war der Weg zu ihrer Umsetzung. Petra Sommer arbeitet seit zwanzig Jahren als Ausstatterin. Zunächst am Hamburger Schauspielhaus, später dann in privaten Filmproduktionen und in der Werbung. Sie weiß, wie viel Energie und Geld die Branche in das Erschaffen immer neuer Welten investiert. Wie für einen einminütigen Werbeclip eines Elektromarkts 300 knallrote Jogginganzüge herangeschafft werden. Und wie dann drei Tage später niemand weiß, wohin mit den Sachen.

"Wir haben oft geflucht, was wir alles wegschmeißen mussten, weil wir keinen Platz und keine Zeit hatten, um uns über eine vernünftige Lagerung Gedanken zu machen", sagt Sommer. Da müsste mal jemand was machen - Sommer hat diesen Satz oft gesagt und oft gedacht. Es brauchte ein Treffen mit Gottschau, bis sie daran zu glauben begann, dass sie genau die Person sein könnte, die einfach mal anfangen könnte zu handeln. "Der hat die gleiche Idee wie du", stellte eine Bekannte im Januar 2012 die beiden einander vor.

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