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Krankenkassen:Wenn Krankenkassen und Ärzte jede Scham verlieren

Arzt und Patient

Krankenkassen sollen Ärzten Geld gezahlt haben, damit die ihre Patienten auf dem Papier kränker aussehen lassen.

(Foto: dpa)

Krankenkassen sollen sich Gelder erschlichen haben, in dem sie Patienten auf dem Papier kränker machten als sie waren. Das wäre ein Skandal.

Es ist zwar nicht überliefert, ob der Chef der größten deutschen Krankenkasse regelmäßig ins Kino geht. Gleichwohl bemüht Jens Baas von der Techniker-Krankenkasse die Metapher des Kinosaals, um einen Vorgang zu schildern, der, wenn er stimmt, das Zeug zu einem gesundheitspolitischen Skandal hat. Es geht in dieser Sache um Verträge, welche diverse Krankenkassen mit niedergelassenen Ärzten geschlossen haben sollen.

Demnach sollen die Mediziner ihre Patienten auf dem Papier im Zweifel eher kränker als gesünder aussehen lassen, dafür erhalten sie ein Honorar - und die Kasse wiederum mehr Geld aus dem großen Topf der Versichertengelder. Dieses Verhalten, schrieb Baas kürzlich in einem Beitrag für eine Fachzeitschrift, sei "vergleichbar mit der Situation, wenn im Kino einer aufsteht": Um noch etwas zu sehen, müssen die Besucher dahinter sich nämlich auch erheben. Und am Ende, so Baas, "machen alle mit". Für ihn bot der Kinosaal das passende Bild, um darzustellen, warum auch seine Kasse sich dem nicht "völlig entziehen" könne.

So wird der schändliche Umgang mit Versichertengeldern zum vermeintlichen Zwang umgedeutet. Auf den ersten Blick erscheint es paradox, was der Kassenmanager der Öffentlichkeit hier auftischt. Schließlich gibt es überall Anzeichen dafür, dass Patienten in Deutschland eigentlich gar nicht gesund genug sein können - viele werden nach einer Operation im Krankenhaus schneller wieder nach Hause geschickt, als sie sich den Namen des Chirurgen merken können.

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Der Manipulationsvorwurf, den Jens Baas nun gegen seine eigene Kasse - vor allem aber gegen die rivalisierenden AOKs richtet -, hat etwas mit einem komplizierten gesundheitspolitischen Steuerungsinstrument zu tun. Dieses hat der Gesetzgeber eingeführt, um den Wettbewerb zwischen den Kassen fairer zu machen. Es geht darum, wie das Geld aus dem Gesundheitsfonds an die Krankenkassen verteilt werden soll; der Gedanke lautet: Wenn eine Kasse viele Versicherte hat, die besonders krank sind, soll sie auch mehr Geld bekommen - eben weil die Behandlung dieser Patienten sie ja auch mehr kostet.

Was klug und besonnen klingt, erzeugt im Dickicht der gesundheitspolitischen Interessen aber rasch neue Probleme. Denn plötzlich wird es für die Kasse in der Tat interessant, wenn ein Patient auf dem Papier etwas kränker ist als in Wirklichkeit. Die Differenz zwischen Schein und Sein lässt sich nämlich zu Geld machen. Nun legt aber keine Kasse selbst fest, wie schwer jemand erkrankt ist. Das macht der behandelnde Arzt. Er überträgt die Diagnose, zum Beispiel Bluthochdruck, in einen Code.

Das Manöver des Techniker-Chefs ist umstritten

Dabei bilden diese auch verschiedene Schweregrade ab - fast 4000 Codierungen sind aus Sicht der Kassen relevant, weil sie dann mehr Geld erhalten können. Im aktuellen Streit geht es daher zuvorderst um die Frage, ob Ärzte mittels Honorarverträgen dazu verleitet werden sollen, entweder möglichst präzise oder möglichst ertragreich zu diagnostizieren - es ist zweifellos ein schmaler Grat.

Womit es die Versicherten hier im Detail zu tun haben, muss nun wohl von Staatsanwälten ermittelt werden. Verdichten sich die Hinweise, dass es wirklich so ist, wie Baas behauptet, sind Gerichtsverfahren unausweichlich. Bis dahin aber leidet erneut das Vertrauen der Versicherten ins deutsche Gesundheitssystem - und der Vorgang nährt den Verdacht, dass sich Kassen und Ärzte schamlos über die hart erarbeiteten Krankenkassen-Beiträge der Arbeitnehmer hermachen.

Schließlich ist auch das jüngste Manöver des Techniker-Chefs nicht unumstritten: Dass eine führende Krankenkasse sich selbst der Übeltäterei bezichtigt, nur um das Gesundheitssystem besser und gerechter zu machen, das gibt es nun wirklich nur im Kino.

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