Konjunktur Zwei Prozent Hoffnung

Europas Wirtschaft wächst wieder - sogar überraschend stark. Ein klein wenig hat dabei auch US-Präsident Donald Trump geholfen. Bringt jetzt der starke Euro den Aufschwung in Gefahr?

Von Catherine Hoffmann

Die Krise in der Euro-Zone scheint vergessen zu sein. Industrieproduktion, die Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern - viele wichtige Konjunkturindikatoren zeigen nach oben. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahresvergleich um 2,1 Prozent gewachsen. Das geht aus einer vorläufigen Schätzung der europäischen Statistikbehörde Eurostat hervor. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft um 1,9 Prozent. So geht es schon seit siebzehn Quartalen: aufwärts. Nicht spektakulär, aber stetig. Wenn die Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB), der Industrieländerorganisation OECD und anderer Experten zutreffen, dann dürfen die Europäer mit einem anhaltenden Aufschwung und Wachstumsraten von knapp zwei Prozent rechnen. Besonders optimistisch sind inzwischen die Volkswirte der Deutschen Bank: Sie erwarten für dieses Jahr nun ein BIP-Wachstum von 2,2 statt 1,9 Prozent.

Umfragen zeigen: Die Bereitschaft in Europa zu investieren wächst

So manchen mag es überraschen, dass Europas Volkswirtschaften überhaupt wachsen. Schließlich beherrschen seit Jahren Krisen und Abgründe die Schlagzeilen: Griechenlands drohende Pleite, der Brexit, ein möglicher Wahlsieg des rechtsnationalen Front National in Frankreich. Woran also liegt es, dass es nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation endlich mit neuer Dynamik vorangeht?

An erster Stelle muss die Geldpolitik genannt werden. Seit der "whatever it takes"-Rede von EZB-Chef Mario Draghi sind die Finanzierungskosten der Staaten deutlich gesunken. Das hat vor allem jenen Euro-Mitgliedern geholfen, die besonders hart von der Krise getroffen wurden. Aber auch Deutschland profitiert: Ohne die EZB wäre der haushaltspolitische Freiraum deutlich geringer. Zugleich dürfen sich Unternehmer, Verbraucher und jeder, der ein Haus bauen will, über günstige Kredite freuen. Bislang war es vor allem der Konsum, der das europäische Wachstum antrieb. Nun mehren sich die Signale, dass auch die Unternehmer bereit sind, mehr Kredite aufzunehmen und zu investieren. Sie haben lange gezögert, weil die Gewinnaussichten als unsicher galten. Wer investiert schon, wenn er nicht weiß, ob sich das auszahlt? Doch Umfragen unter Managern zeigen: Die Bereitschaft in Europa zu investieren wächst. Und auch die Kreditvergabe von Banken an Unternehmen erholt sich vom Krisentief, wie Daten der EZB zeigen. Das sind gute Voraussetzungen für mehr Wachstum.

Nicht so glänzend wie einst: Europas Stahlindustrie leidet darunter, dass Chinesen überschüssige Ware zu Schleuderpreisen verkaufen.

(Foto: Morris MacMatzen)

Zudem haben die politischen Risiken im Euro-Raum stark abgenommen: In den Niederlanden erlebte der Rechtspopulist Geert Wilders eine Niederlage, in Frankreich Front-National-Chefin Marine Le Pen, in Deutschland schrumpft der Zuspruch für die euro-skeptische AfD. Offenbar habe die Wahl des Lautsprechers Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten den einen oder anderen Wähler in Europa wachgerüttelt, schreibt Joachim Fels, Wirtschaftsberater beim Vermögensverwalter Pimco. Trump habe im Wahlkampf ja versprochen "to make America great again", tatsächlich helfe er, Europa wieder großartig zu machen. Nun weiß Fels natürlich, dass die politischen Verhältnisse in Wahrheit komplexer sind, aber ganz verkehrt ist der Gedanke nicht.

Auch am Devisenmarkt hat Trump für die Europäer Gutes erreicht: Der Euro büßte gegenüber dem Dollar zwischen der US-Wahl am 8. November und Ende Dezember 2016 fünf Prozent an Wert ein - das wirkte wie ein kleines Konjunkturprogramm für Europa, dessen Waren im Ausland plötzlich billiger wurden. Das half den Exporteuren, hob die Stimmung in den Chefetagen und trieb den Erholungskurs an.

Besonders erfreulich an den guten Aussichten für Europa ist: Sie betreffen nicht nur eine kleine Gruppe von Ländern, allen voran das glückliche Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft. Die Wirtschaft wächst nicht nur im Durchschnitt der Euro-Zone - sie wächst in ausnahmslos allen Mitgliedsstaaten, selbst in Griechenland, dessen Wirtschaft 2016 noch stagnierte. Auch für das Gesamtjahr ist in allen Euro-Staaten ein BIP-Plus zu erwarten. Überraschend gut sieht es in einigen am schlimmsten von der Krise getroffenen Ländern aus. Portugals Wirtschaft soll nach EZB-Prognosen in diesem Jahr um 2,5 Prozent wachsen, Spaniens um 3,1 Prozent, Irlands um 4,3 Prozent und Griechenlands um 1,6 Prozent. Deutschland liegt im europäischen Vergleich mit 1,9 Prozent im Mittelfeld.

Spektakulär ist weniger das Wachstum des BIP, sondern wie schnell und kontinuierlich die Arbeitslosigkeit in Deutschland zurückging. Heute liegt sie Eurostat zufolge bei nur noch 3,8 Prozent, so niedrig wie nirgendwo sonst im Euro-Raum. Dort betrug die Arbeitslosenquote im Juni 9,1 Prozent, vor einem Jahr waren es noch 10,1 Prozent. Das bedeutet, dass mehr als 1,6 Millionen Menschen, die zuvor arbeitslos waren, in den zurückliegenden zwölf Monaten einen Job gefunden haben. Das Schöne ist: In diesem Zeitraum ging die Arbeitslosenquote in allen Staaten zurück, einzige Ausnahme ist Estland. Der stärkste Rückgang wurde in Spanien gemeldet (von 19,9 auf 17,1 Prozent), vor drei Jahren waren es noch mehr als 24 Prozent.

Enttäuschend ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit bedrückend hoch bleibt

Enttäuschend ist allerdings, dass trotz der fortgesetzten Erholung die Jugendarbeitslosigkeit bedrückend hoch bleibt. 2,6 Millionen junge Menschen unter 25 Jahren sind im Euro-Raum arbeitslos. Im Vergleich zum Juni 2016 fiel die Zahl der Hoffnungslosen um 400 000, damit liegt die Jugendarbeitslosenquote bei 18,7 Prozent. Auch hier schneidet Deutschland besonders gut ab (6,7 Prozent), am schlimmsten ist die Lage für junge Menschen in Griechenland (45,5 Prozent), Spanien (39,2 Prozent) und Italien (35,4 Prozent).

Sie können nur darauf hoffen, dass Europas wirtschaft weiter wächst, nicht spektakulär aber stetig. Das wird nur gelingen, wenn der Euro, der seit Jahresanfang an Wert gewinnt, nicht noch deutlich teurer wird. Und wenn die europäischen Politiker die Zusammenarbeit vertiefen. Bisher hinkt die Entwicklung der politischen Institutionen der wirtschaftlichen Integration weit hinterher.