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Kommentar:Die Gefahr des Dilettantismus

Deutschland hat gute Voraussetzungen, die Wirtschaftskrise weit hinter sich zu lassen. Doch dafür darf die Politik keine neuen Fehler machen.

Von Alexander Hagelüken

Alexander Hagelüken verfolgt den Streit um die Globalisierung seit dem Welthandelsgipfel 1999. Illustration: Bernd Schifferdecker

Man merkt den Deutschen an, wie sehr die endlos wirkende Pandemie-Zeit an ihnen zehrt. Selbst wer nicht erkrankt, ist oft düster gestimmt. Und rechnet dann das weiterhin geschlossene Restaurant um die Ecke zur Konjunkturprognose hoch: Es geht abwärts mit Deutschland - bald bricht alles zusammen. Doch das ist viel zu pessimistisch. Die deutsche Wirtschaft wird dieses Jahr nach den meisten Anzeichen stark wachsen. Die Politik muss allerdings aufpassen, diese Erholung nicht zu konterkarieren.

Nein, das dichtgemachte Restaurant um die Ecke taugt nicht als Indikator. So bitter die Schließungen für Gastronomen und Händler sind und so sehr der Staat sie entschädigen muss: Diese Branchen stellen nur ein Zwanzigstel des Bruttoinlandsprodukts. Ihre Ausfälle halten die Erholung der Gesamtwirtschaft nicht auf. Die meisten Ökonomen erwarten dieses Jahr ein Wachstum von drei bis vier Prozent, mancher sogar mehr. Und sie haben gute Gründe dafür.

Zum einen werden die Bundesbürger deutlich mehr konsumieren, sobald die Einschränkungen auslaufen. Weil 2020 so vieles geschlossen war, haben sie 100 Milliarden Euro mehr gespart als sonst. Das war fast die Hälfte mehr als im Jahr zuvor. Dieses Geld werden die Bürger zumindest zum Teil ausgeben. Dank massiver Kurzarbeit blieben die allermeisten Jobs erhalten. Und mit der konjunkturellen Erholung machen sich weit weniger Deutsche Sorgen, ihre Arbeit zu verlieren. Dazu kommt, dass die Politik Anreize zum Konsum setzt. Der weitgehende Wegfall des Soli sowie Kinderbonus und Grundrente erhöhen richtigerweise das Einkommen jener, die nicht in Villen leben.

Nur wer die Pandemie bekämpft, hilft der Wirtschaft

Der zweite Konjunkturmotor sind die Exporte. Asien hat Corona erfolgreicher bekämpft. Die USA injizieren mehr Geld in die Wirtschaft. Jetzt hilft es der deutschen Industrie, dass sie so international ausgerichtet ist. So profitiert die Bundesrepublik übermäßig vom Aufschwung anderswo. Nicht zufällig sind gerade jene Ökonomen am zuversichtlichsten, die besonders auf die Weltwirtschaft blicken.

Konsum und Exporte beleben zusammen die Wirtschaft. Auf diese Weise lässt sich ein Großteil der Einbußen wettmachen, die vergangenes Jahr entstanden sind. Das ist in dieser dramatischen Krise eine tolle Nachricht für alle Bundesbürger. Die Politik trübt dieses positive Bild allerdings ein, wenn sie Fehler begeht - weitere Fehler.

Die Politik hinterlässt gerade einen chaotischen Eindruck. Es war falsch, im März Dienstleistungsbranchen zu öffnen, obwohl die Infektionen absehbar anstiegen. Politiker, die vor Bundestags- und Landtagswahlen stehen, gaben dem Druck von Wirtschaftsvertretern nach. Der Föderalismus mit munter durcheinanderquakenden Ministerpräsidenten erweist sich erneut als Nachteil gegenüber Staaten, in denen die Zentralregierung die Ansagen macht. Und der Wirrwarr von Angela Merkels Osterruhe verschlimmert das Chaos noch.

Die Politik muss zur Klarheit zurückfinden, die da heißt: Nur wer die Pandemie bekämpft, hilft der Wirtschaft wirklich. Es darf keine Zugeständnisse an die Tourismusbranche wie voreilige Reisen nach Mallorca mehr geben. Kontaktintensives wie Restaurants muss schließen, solange dies die Infektionszahlen verlangen. In den übrigen Branchen bedarf es das Maximale an Sicherheit und Home-Office, auch durch gesetzliche Vorgaben.

Anders, als manche gerade fordern, darf es aber nur das allerletzte Mittel sein, unabhängig von individuellen Ausbrüchen generell die Fabriken dichtzumachen. Es war das Schließen der Produktion, das die deutsche Wirtschaft im Frühjahr 2020 historisch einbrechen ließ. Statt ans Schließen von Fabriken zu denken, sollten die Politiker ihre Aufgaben erledigen. Flächendeckendes Testen etwa ermöglicht es, die Infektionen einzudämmen. Und dabei müssen die Ämter Corona-Fälle endlich professionell nachverfolgen, also digital.

Kaum noch auszuhalten sind die Patzer beim Impfen. Erst bestellte die Bundesrepublik mit Europa zu wenig. Jetzt verlangsamt sie den Impfprozess durch deutschen Formalismus, wo Tempo nottut. Und warum setzt der Staat nicht durch, dass in zusätzlichen Fabriken Impfstoff produziert wird? Gewinninteressen Einzelner dürfen nicht im Vordergrund stehen, wenn Menschenleben bedroht sind.

Deutschland hat an sich beste Voraussetzungen, die tiefe Wirtschaftskrise des Corona-Jahres 2020 weit hinter sich zu lassen. Doch seine Politiker, die zu Beginn der Pandemie konsequent reagierten, verspielen das gerade. Es wird Zeit, dass sie mehr ans Land denken und weniger auf die Einflüsterungen von Lobbyisten hören.

© SZ
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