Gebäudesanierung:Warum alte Häuser die Umwelt verpesten

Winterwetter - Bayern

Ein Großteil der Treibhausgas-Emissionen von Gebäuden geht auf das Konto von älteren Häusern.

(Foto: Matthias Balk/picture alliance/dpa)

Wenn die Koalition nun noch rasch ihr Klimagesetz nachbessern will, wird sie auch bei den Gebäuden ansetzen müssen. Eine Studie legt dar, wie leicht sich hier viel herausholen ließe.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der Bundesregierung war klar: Es muss etwas geschehen. "Energie ist teuer geworden und nicht mehr unbeschränkt verfügbar", befand sie. Gerade kostbare Heizwärme werde verschwendet. "Vordringliches Ziel" müsse "die Verbesserung der Wärmeisolierung von Gebäuden sein", schrieb die Bundesregierung - in der Fortschreibung ihres Energieprogramms 1974.

Fast 50 Jahre ist das her. Seither hat sich viel getan und doch wenig. Einerseits geht aus deutschen Häusern immer noch zu viel Energie flöten, und die Sanierungsrate dümpelt seit Jahren bei rund einem Prozent jährlich - halb so hoch wie nötig. Andererseits markierte das Energieprogramm durchaus einen Einschnitt. In der Folge erließ die alte Bundesrepublik 1977 ihre erste Wärmeschutzverordnung, seinerzeit freilich auch unter dem Eindruck der Ölkrisen. "In der Folge stieg die Energieeffizienz von neuen Gebäuden deutlich an", sagt Peter Mellwig, der sich beim Umweltforschungsinstitut Ifeu mit der Energieeffizienz befasst. Was aber im Umkehrschluss bedeutet: Häuser, die vor dieser ersten Wärmeschutzverordnung errichtet wurden, heizen noch heute ihre Umwelt mit.

Im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hat das Ifeu nun nachgerechnet, wie viel Treibhausgase sich in den "Wohngebäuden mit schlechtester Leistung" noch einsparen ließen. Die Ergebnisse sind deutlich: Denn nach den Ifeu-Erhebungen machen diese Gebäude heute 31 Prozent der deutschen Wohnfläche aus - aber zugleich die Hälfte aller Treibhausgas-Emissionen, die auf das Konto von Wohngebäuden gehen.

Die Forscher bedienten sich dazu der Effizienzklassen, die es seit 2014 gibt. Seither lassen sich Wohnungen, wie Kühlschränke oder Trockner, in Stufen von "A+" bis "H" einsortieren, je nach Energieverbrauch. Die Häuser der Stufen G und H entstanden dabei vornehmlich vor 1979. Häufig handelt es sich um Altbauten aus der Gründerzeit, Nachkriegswohnungen oder Wohnhäuser der Sechziger- und Siebzigerjahre. Unter den Ein- bis Zweifamilienhäusern fallen hierzulande rund 40 Prozent in die Stufen G und H.

Das "Effizienzhaus 55" ist einer der Standards, nach denen Fördermittel vergeben werden

Würden alle Gebäude dieser Effizienzklassen so saniert, dass sie den Standard "Effizienzhaus 55" einhalten, dann senke das die CO₂-Emissionen im Gebäudebereich um 52 bis 64 Millionen Tonnen, heißt es in der Studie. 2020 emittierte der Gebäudebereich 120 Millionen Tonnen, ein Sechstel aller Emissionen im Land. "Wenn man schnell viel erreichen will, sollte man bei diesen Gebäuden ansetzen", sagt Ifeu-Mann Mellwig.

Das "Effizienzhaus 55" ist einer der Standards, nach denen hierzulande Fördermittel vergeben werden. Es erreicht einen Energieverbrauch, der bei 55 Prozent eines konventionellen Neubaus liegt. Für die älteren Gebäude bedeutet das: gedämmte Fassaden, bessere Fenster, eine Heizungsanlage, die erneuerbare Energien nutzt. Der Standard sei "ambitioniert, aber bei Altbausanierungen in der Praxis gut zu erreichen", so die Studie. Und dies oft wirtschaftlicher als eine "mittelmäßige Sanierung".

Geschehen muss ohnehin etwas. Als das Umweltbundesamt jüngst die Emissionsdaten für das vergangene Jahr präsentierte, war der Gebäudebereich der einzige, der sein Ziel verfehlte. Im Corona-Jahr 2020 hatte die Industrie weniger produziert, Autos blieben im Carport und Flugzeuge am Boden. Aber daheim im Home-Office liefen fleißig die Heizungen. Und weil dadurch in Gebäuden zwei Millionen Tonnen mehr CO₂ entstanden, als es das Klimaschutzgesetz vorsah, muss das Bundesbauministerium nun bis zum Sommer nachlegen. "Minister Horst Seehofer muss jetzt schleunigst ein Sofortprogramm für den Gebäudebereich vorlegen, um beim Klimaschutz aufzuholen", sagt Julia Verlinden, energiepolitische Sprecherin der Grünen. Dafür liefere die Studie "den idealen Ausgangspunkt".

"Extrabonus" für die Sanierung alter Gebäude

Hinzu kommt die neue Debatte über das Klimagesetz. Seit das Verfassungsgericht mehr Verbindlichkeit im Klimaschutz angemahnt hat, wollen Union und SPD nun in Windeseile das Gesetz verschärfen. Damit müsste aber auch das CO₂-Budget für den Gebäudesektor weiter schrumpfen. Schon jetzt sinkt es Jahr für Jahr um gut vier Prozent. Das dürfte kaum noch reichen, soll Deutschland bis 2030 seine Emissionen um 65 Prozent unter den Wert von 1990 drücken.

Die Ifeu-Studie empfiehlt deshalb, gezielt diese schlechtesten 31 Prozent anzugehen. "Die Klimaziele für den Gebäudebereich können ohne eine zielgerichtete Modernisierung der Gebäude mit schlechtester Leistung nicht erreicht werden", heißt es in der Studie. Das sehen die Grünen ähnlich. Für die Sanierung der ältesten Gebäude, so schlagen sie vor, müsse es künftig einen "Extrabonus" geben.

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