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Kinder leben von Hartz IV:Im Revier der Armut

Die Kinderarmut geht zurück, jubelt Arbeitsministerin von der Leyen. So simpel ist die Lage aber nicht: Während in Ostdeutschland immer weniger Kinder von Hartz IV leben müssen, steigt ihre Zahl anderswo dramatisch an - besonders im Ruhrgebiet.

Thomas Öchsner

Als die Bundesagentur für Arbeit (BA) Ende Januar von einer deutlichen Abnahme der Kinder im Hartz-IV-System berichtete, war die Freude bei Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen groß. "Die Kinderarmut sinkt", jubelte die CDU-Politikerin. Offenbar schrumpft sie aber nicht in allen Regionen Deutschlands, wie eine neue Studie des Paritätischen Gesamtverbands zeigt. Danach ist der Rückgang im Osten viel stärker als im Westen, und im Ruhrgebiet gibt es nicht eine Stadt, in der die Kinderarmut zwischen 2005 und 2010 rückläufig war. Dort hat sie teilweise dramatisch zugenommen.

Bereits Ende 2011 identifizierte der Wohlfahrtsverband das Ruhrgebiet als Deutschlands "Problemzone Nummer eins". Nun legt er in seiner neuen Untersuchung "Arme Kinder - arme Eltern: Familien in Hartz IV" nach - mit besorgniserregenden Zahlen: So liegt im Revier der Anteil der Kinder unter 15 Jahren, die von Hartz IV leben müssen, mit 25,6 Prozent sogar noch leicht über dem Wert für die ostdeutschen Länder. In Gelsenkirchen ist die Quote mit 34,4 Prozent noch höher als in Berlin. Und in Städten wie Mülheim an der Ruhr hat sich der Anteil der Hartz-IV-Kinder binnen fünf Jahren sogar um fast 50 Prozent, in Hamm um gut 30 Prozent erhöht. "Das kommt einem armutspolitischen Erdrutsch gleich", sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, bei der Vorstellung der Untersuchung in Berlin.

Der Verband bemühte sich dabei, die jüngsten Erfolgszahlen der Bundesagentur zu relativieren. Die BA hatte gemeldet, dass die Zahl der Kinder mit Hartz-IV-Leistungen zwischen 2006 und 2011 um etwa 260 000 oder 13,5 Prozent gesunken sei. Dies wird von dem Wohlfahrtsverband nicht bestritten. Hauptgeschäftsführer Schneider wies jedoch darauf hin, dass die Gesamtzahl aller Kinder wegen des Geburtenrückgangs in Deutschland im gleichen Zeitraum um etwa sieben Prozent zurückgegangen ist. Es sei deshalb keine Überraschung, dass es bei weniger Kindern auch weniger Jungen und Mädchen gebe, die von Sozialleistungen profitieren.

Selbst die Bundesagentur räumt deshalb ein, dass die Hilfequote ein besserer Indikator für die Entwicklung der Kinderarmut ist. Sie gibt den Anteil derjenigen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe an, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Hier zeigt sich ebenfalls: Die für die Kinderarmut relevante Quote geht zurück, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie die Zahl der Kinder in Hartz-IV-Haushalten. Danach lebt immer noch jedes siebte Kind unter 15 Jahren von Hartz IV, in Ostdeutschland sogar jedes vierte. "Die Zahlen geben keinen Anlass zur Entwarnung. Wir haben in Deutschland nach wie vor eine skandalös hohe Kinderarmut", sagte Schneider.

Er sieht aber auch positive Tendenzen. So verringerte sich der Anteil der armen Kinder in Hartz-IV-Haushalten in den fünf neuen Bundesländern seit 2006 von 30,5 auf 24,1 Prozent. Im Westen Deutschlands ging sie dagegen nur leicht von 13,2 auf 12,9 Prozent und bundesweit von 15,6 auf 14,9 Prozent zurück. Schlusslicht im Länderranking ist nach wie vor Berlin, wo jedes dritte Kind Sozialgeld vom Staat benötigt. Auch hier ist die Armutsquote rückläufig. Nach den Berechnungen des Wohlfahrtsverbands ist dies jedoch weniger darauf zurückzuführen, dass die Fallzahlen von Kindern in Hartz IV abgenommen haben. Vielmehr sei die Gesamtzahl der Berliner Kinder spürbar gewachsen, was den starken Einfluss der demographischen Entwicklung beweise. "Würden morgen in dem für seine Kinderfreundlichkeit bekannten Berliner Bezirk Prenzlauer Berg noch einmal 1000 Kinder mehr zur Welt kommen, würde die Armutsquote in Berlin sinken, ohne dass in Berlin-Neukölln auch nur ein Kind aus Hartz IV herausgeholt würde", sagte Schneider.

Eine Sprecherin der Bundesagentur warnte dagegen davor, den Einfluss des Geburtenrückgangs überzubewerten. Die sinkende Quote der Hilfsbedürftigen und die abnehmende Zahl der Arbeitslosen im Hartz-IV-System zeige, dass die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt verstärkt Hartz-IV-Familien zugute komme. Gerade Alleinerziehende haben es allerdings weiter schwer, aus dem Hartz-IV-System herauszukommen. Laut der Untersuchung des Gesamtverbands lebt etwa jedes zweite Kind, das von Hartz IV abhängig ist, im Haushalt einer Alleinerziehenden. Selbst im reichen Bayern ist fast jede dritte Alleinerziehende mit ihren Sprösslingen auf die staatliche Grundsicherung angewiesen.

© SZ vom 01.03.2012/jab
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