Kampf um Äcker:Landwirte bekommen nachträglich eine Chance

Für die zuständigen Behörden ist dieser Fall beispiellos - allein schon der großen Fläche wegen. In Brandenburg wird nun geprüft, ob die Genehmigungen nachträglich entzogen werden. Eine Voraussetzung dafür wäre, dass Landwirte in den entsprechenden Gebieten 2015 einen "dringenden Aufstockungsbedarf" hatten. Zum Beispiel, weil ihr Eigenanteil an Land verglichen mit anderen Höfen zu gering war. Erste Interessenten für die Flächen hätten sich schon gemeldet, heißt es im Landwirtschaftsministerium. Selbst nutzen könnten sie das Land aber vorerst nicht. Es ist noch für 18 Jahre an ehemalige KTG-Betriebe verpachtet. Die gehören mittlerweile zur Deutschen Agrarholding, eine Tochtergesellschaft der Gustav-Zech-Stiftung mit Sitz in Liechtenstein. Die hatte nach der Pleite weite Teile der KTG übernommen.

Bisher sei er der Ansicht gewesen, das Landgrabbing - die Landnahme im großen Stil via Gesetzeslücke - in Deutschland eigentlich kein Thema sei, sagt Andreas Tietz vom Thünen-Institut, eine Forschungseinrichtung des Landwirtschaftsministeriums. Aber dieses Geschäft zwischen der KTG und der Munich Re ist seiner Einschätzung nach genau das: Landgrabbing. Tietz kennt sich da aus. Er hat erforscht, in welchem Ausmaß sich Investoren in der Landwirtschaft beteiligen.

Bodenmarkt ist hierzulande streng geregelt

Bis 2007 sei alles "wunderbar glatt" gelaufen, sagt er. Zumindest, was die Preisentwicklung für Land angeht. Doch dann habe die Treuhand-Nachfolgerin BVVG begonnen, Flächen öffentlich auszuschreiben. Zuvor war das Land der BVVG direkt verkauft worden, meist an Agrarunternehmen und Landwirte. Daneben wuchs in der Finanzkrise das Interesse von Investoren für Land, weil es Sicherheit versprach. Binnen weniger Jahre hätten sich dann in Ostdeutschland die Preise verdreifacht - "und die Bauern begannen, mit dem Finger auf die bösen Investoren zu zeigen".

In Deutschland sei der Bodenmarkt so streng geregelt, dass sich eigentlich jeder Investor mit Grausen abwenden müsse, sagt Tietz. Aber sie finden dann eben doch die Gesetzeslücken, so wie jetzt die Munich Re. Land wird dann nicht mehr direkt verkauft, sondern nur noch in Form von Anteilen an dem Unternehmen, dem das Land gehört. Darum heißen diese Geschäfte auch "Share Deals". Mit ihnen wird der nur schwer handelbare Boden wundersam mobil. Neu sind die Geschäfte nicht - neu ist aber, dass auch Finanzinvestoren auf diese Weise versuchen, an Land zu kommen. Die Politik sieht diese Share Deals als großes Problem, hat aber noch kein Rezept dagegen gefunden. Eine neue Arbeitsgruppe soll nach dem Willen der Länder-Finanzminister nun Lösungsvorschläge entwickeln.

Aber was ist so schlimm daran, wenn Firmen, die mit Landwirtschaft nichts zu tun haben, Land kaufen? Tietz kennt Beispiele, in denen solche Firmen regionsverbunden Landwirtschaft betreiben. Er bezweifelt aber, dass reine Finanzinvestoren mit ihrer klaren Renditeorientierung dies täten.

Größtes Problem ist aber: Die hohen Preise erschweren es den Bauern, die Existenz ihrer Betriebe etwa durch Kauf neuer Flächen zu sichern. Denn schon jetzt zählen die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft aufgrund des hohen Kapitaleinsatzes zu den teuersten überhaupt. Und den Neueinstieg in die Landwirtschaft wagt ohnehin fast niemand: Die Pachten können aus den Erträgen oft kaum mehr bezahlt werden. Wer Land derzeit auf Kredit kaufen will, zahlt dafür mitunter bis an sein Lebensende.

So wie Mario Reißlandt, der Jungbauer in Brandenburg. Auch er musste sich für seine knapp sechs Hektar das Geld borgen. Die Zinsen dafür könne er zwar bezahlen, sagt er, doch wie er den Kredit tilgen soll, weiß er noch nicht. Es ist ein Privatdarlehen über 30 Jahre - eine Bank würde sich nie darauf einlassen. Mit dem Gläubiger hat er einen Deal: Zahlt Reißlandt das Geld am Ende der Laufzeit nicht zurück, gibt er stattdessen sein Land ab.

Normalerweise ist das eigene Land die Alterssicherung der Bauern. Reißlandt müsste dann ohne auskommen.

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