Kalifornien Streit um die schöne, neue Apple-Welt

Apple und die Stadt Cupertino liegen im Clinch. Der Konzern plant einen gewaltigen Bau, "das beste Bürogebäude der Welt" - eine Art ziviles Pentagon. Die Einwohner der Apple-Stadt haben damit ihre ganz eigenen Probleme.

Von Jürgen Schmieder

An der Pruneridge Avenue in Cupertino steht eine zwei Meter breite und 1,50 Meter hohe Tafel. Auf ihr wird Apples geplanter Campus 2 vorgestellt. Illustriert wird der Plan mit einem Bild, das aussieht wie ein Szenenfoto aus dem neuen Star-Wars-Film, der 2015 in die Kinos kommen soll.

Es scheint, als wäre gerade ein Sternenkreuzer des galaktischen Imperiums auf dem Planten Naboo gelandet. Majestätisch wirkt dieses runde Gebilde, elegant, ein bisschen bedrohlich. Das Bürogebäude sollte zunächst - zufällig oder nicht - bis zum Filmstart fertig sein, nach derzeitigem Stand dauert es ein Jahr länger.

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Streit um einen Baum

Es lohnt, einen Moment lang nicht auf das Objekt in der Mitte zu sehen, sondern auf einen der zahlreichen Bäume rundherum. Vielleicht auf den links unten in der Ecke. Denn das könnte der Baum sein, über den die Apple-Managerin Meg Thomas in einer E-Mail an den Stadtrat von Cupertino schreibt: "Wenn wir diesen Baum 1,50 Meter nach innen verlegen, dann wird er zu einem Sicherheitsproblem für uns. Menschen könnten auf diesen Baum klettern und über den Zaun springen."

Dann könnte man prüfen, was auf dem Bild fehlt: die Pruneridge Avenue etwa. Die gibt es noch, doch das Stück zwischen der Wolf Road und der Tantau Avenue, wo die Tafel mit dem Foto steht, soll verschwinden. Es ist ein schönes Stück Straße. Wer hier spaziert, der sieht Frauen mit Kinderwagen und viele Jogger. Apple möchte diese Straße kaufen und so zwei Grundstücke verbinden, die das Unternehmen akquiriert hat, um den Campus zu errichten. Auch dazu gibt es eine E-Mail an den Stadtrat. Der Bürger Kao Lee hat sie geschrieben: "Ich und viele andere Menschen nutzen diese Straße als Jogging- und Spazierstrecke um den alten HP Campus."

Jetzt wirklich? Das klingt sehr kleinteilig: Es geht bei der Diskussion um den fünf Milliarden Dollar teuren Apple-Campus um eine Straße, auf der die Einwohner von Cupertino gerne ihre Hunde ausführen - und um einen Baum, über den Spione kraxeln könnten? Soll das ein Witz sein?

Nein, ist es nicht - genau über solche Sachen wurde in den vergangenen Wochen bei Anhörungen debattiert. Die Planungskommission von Cupertino bewilligte am 2. Oktober das Projekt und legte es dem Stadtrat zur vorläufigen Abstimmung vor. Die findet am Dienstag statt, am 19. November soll diese Vorentscheidung dann offiziell bestätigt werden.

40 Prozent aller Arbeitsplätze

Das Gebäude ist ein Symbol für die intensive Beziehung zwischen dem coolen Weltunternehmen und der 60.000-Einwohner-Stadt im Santa Clara County, besser bekannt als Silicon Valley: Cupertino ist das Putzerfischchen des Buckelwals Apple, das die Haut des großen Tieres reinigt und von Kleingeziefer befreit - und wenn Apple sterben oder wegziehen sollte, dann könnte es Cupertino ziemlich dreckig gehen. In einer Studie der Stadt heißt es schon 2011, Cupertino sollte sich dringend darum bemühen, die Steuereinkünfte zu diversifizieren. Um unabhängiger von Apple zu werden. Genau das Gegenteil ist passiert - und die Abhängigkeit wird mit dem neuen Campus noch größer.

Derzeit beschäftigt Apple 16.000 Menschen in Cupertino, das sind etwa 40 Prozent aller Arbeitsplätze in der Stadt. Für das Jahr 2016 prognostiziert das Unternehmen etwa 24 000 Arbeitnehmer. Etwa 18 Prozent zum Budget der Stadt steuert Apple bei. Im vergangenen Jahr waren es 9,2 Millionen US-Dollar und innerhalb der nächsten drei Jahre soll dieser Betrag auf 13 Millionen Dollar jährlich wachsen. Apple zahlt für knapp zehn Prozent der Grundsteuer - dieser Prozentsatz wird sich durch den Campus 2 verdreifachen. Das Unternehmen und seine Mitarbeiter geben - laut Apple - pro Jahr 4,6 Milliarden Dollar in Cupertino aus.

Den geplanten Campus selbst finden fast alle hier wunderbar. Die Menschen begeistern sich für die atemberaubende Architektur von Sir Norman Foster. Und dafür, dass Apple sein Wasser recyceln wird, ein eigenes umweltfreundliches Kraftwerk bauen, 6000 Bäume pflanzen will. Die Apple-Mitarbeiter werden nicht mehr zwischen 80 in der Stadt verteilten Bürogebäuden pendeln. Eine Flotte von Biodiesel-Bussen wird sie zur Arbeit bringen. Die Menschen in Cupertino finden es toll, dass die hässlichen alten Gebäude an der Pruneridge Avenue endlich abgerissen werden und auf 71 Hektar fast 318 000 Quadratmeter Bürofläche entsteht. Zum Vergleich: Das Pentagon gilt mit 344 000 Quadratmetern als größtes Bürogebäude der Welt.

Brutale Pleite

Hier in Cupertino mögen sie nur nicht, wofür das Gebäude steht.Vielleicht gab es deshalb aberwitzige Vorschläge wie den, dass Apple für jeden Mitarbeiter, der während der Stoßzeiten bei einer rücksichtslosen Aktion im Straßenverkehr ertappt wird, eine Strafe von 500 Dollar bezahlen muss. Darüber haben sie lange debattiert, bevor sie ablehnten.