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John Cryan:Auf diesen Mann setzt die Deutsche Bank

John Cryan ist mit allen relevanten Themen bestens vertraut: Er sitzt im Risikoausschuss des Aufsichtsrats.

(Foto: Mark Henley/Visum)
  • Die Doppelspitze bei der Deutschen Bank ist gescheitert. Nachfolger von Anshu Jain und Jürgen Fitschen wird der Brite John Cryan.
  • Cryan kennt die Belange der Deutschen Bank. Er sitzt im Aufsichtsrat und ist dort Mitglied zweier wichtiger Gremien: dem Risiko- und dem Prüfungsausschuss.
  • Cryans Berufung ist keine Überraschung. Besonderen Rückhalt bekommt der ehemalige Finanzvorstand der Schweizer Bank UBS von Aufsichtsratschef Paul Achleitner.

Dass er einmal Vorstandschef der Deutschen Bank werden würde, hatte sich John Cryan wohl kaum gedacht, als er 2013 in den Aufsichtsrat des Konzerns einzog. Als ehemaliger Finanzvorstand des Schweizer Rivalen UBS sollte er lediglich die Branchenexpertise im Kontrollgremium erhöhen. Sein damaliger Job als Europa-Chef des singapurischen Staatsfonds Temasek ließ ihm reichlich Zeit, sich um die neue Aufgabe in Frankfurt zu kümmern. Tatsächlich beschäftigte er sich regelmäßig zwei Tage in der Woche fast nur mit den Belangen der Deutschen Bank.

Kaum zwei Jahre später findet sich Cryan, der über passable Deutschkenntnisse verfügt, nun plötzlich in der Rolle des Bankchefs wieder - und ist trotz der überraschenden Entwicklung vermutlich weitaus besser vorbereitet als jeder externe Kandidat, wenn er zum 1. Juli seinen Dienst antritt. Schließlich gehört der Brite mit Wohnsitz London im Aufsichtsrat den beiden operativ wichtigsten Gremien an und ist daher mit allen relevanten Themen bestens vertraut: Als Mitglied im Risikoausschuss überwacht er, welchen Gefahren die Bank ausgesetzt ist, im Prüfungsausschuss kontrolliert er die Bilanzen. Im Vorstand ist er gefürchtet, weil er, so ein Insider, so hartnäckig nachfragt und tief in den Themen drin ist wie sonst nur noch sein Ratskollege, Wirtschaftsanwalt Georg Thoma. Auch bei seinen Kollegen im Gremium genießt Cryan großes Ansehen.

Cryan ist keine Überraschung

Kenner der Bank wundert denn auch nicht, dass die Wahl auf ihn gefallen ist. Seit gut einem Jahr schon gilt Cryan intern als Kandidat für den Fall, dass Jain oder Fitschen gehen müssen. Es war Aufsichtsratschef Paul Achleitner selbst, der in der Öffentlichkeit damit kokettiert hatte, sehr wohl darauf vorbereitet zu sein, "falls einem der beiden ein Ziegelstein auf den Kopf fällt".

Den Namen Cryan nahm Achleitner selbstredend nie in den Mund; zu sehr befürchtete er, damit Jain und Fitschen zum Abschuss freizugeben. Zuletzt jedoch hatte sich der Aufsichtsratschef demonstrativ von seinen beiden Topmanagern distanziert. Die Institution sei wichtiger als Personen, hatte er kurz vor der Hauptversammlung am 21. Mai in einem Interview sinniert. Da war allerdings noch nicht absehbar, wie verheerend die Abstimmung über die Entlastung des Vorstands ausfallen würde, mit gerade einmal 61 Prozent Zustimmung. Jetzt zieht Jain die Konsequenzen - und Achleitner seinen Joker Cryan aus der Tasche.

"Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend", sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, auf der Hauptversammlung einer der schärfsten Kritiker des scheidenden Managements, der SZ.

Der 20. Vorstandschef führt wieder im Alleingang

Cryan auf die Rolle des Erfüllungsgehilfen zu reduzieren, wäre freilich falsch. Finanziell unabhängig ist der mit einer Amerikanerin verheiratete Brite nach 20 Jahren im Sold der UBS längst, und auch an persönlicher Konsequenz mangelt es ihm nicht: Seinen ehemaligen Arbeitgeber, den er souverän durch die schwerste Krise seiner Geschichte geführt hatte, verließ er Knall auf Fall, weil ihm die Strategie des damaligen Vorstandschefs Oswald Grübel missfiel.

Dass er gekommen ist, um zu bleiben, stellte Cryan denn auch gleich klar: "Unsere Zukunft hängt davon ab, wie gut wir unsere Strategie umsetzen, unsere Kunden überzeugen und die Komplexität reduzieren. Ich freue mich darauf, meine neue Aufgabe zum 1. Juli aufzunehmen", teilte der neue starke Mann des Konzerns am Sonntag mit. Keine hohlen Worte, denn vom 19. Mai 2016 an wird Cryan - als 20. Vorstandschef der Deutschen Bank - das Geldhaus sogar im Alleingang führen, wenn auch Fitschen abtritt.

Der Niedersachse soll bis dahin den Übergang moderieren, muss aber als Angeklagter im Fall Kirch gleichzeitig einmal pro Woche vor dem Landgericht München erscheinen und sukzessive weiter an Einfluss verlieren.

© SZ vom 08.06.2015

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