bedeckt München 22°

Zum Tod von Jack Welch:Mehr als nur irgendein Unternehmenslenker

FILE PHOTO: Former CEO of General Electric, Jack Welch, speaks during the World Business Forum in New York

Der Nachfahre irischer Einwanderer, der als Golf-Caddie und Zeitungsbote sein erstes Geld verdient hatte, rückte 1981 an die Spitze bei GE.

(Foto: Lucas Jackson/Reuters)

Jack Welch war harsch, gnadenlos und extrem erfolgreich: Die Manager-Ikone führte General Electric mit einem unvergleichlichen Führungsstil. Nun ist Welch im Alter von 84 Jahren gestorben.

Nachruf von Claus Hulverscheidt, New York

Würde man Jack Welch einen Top-Manager nennen, dann wäre das in etwa so, als bezeichnete man Meryl Streep als recht talentierte Schauspielerin. So wie Streep nicht irgendeine Darstellerin ist, war Welch nie nur ein einfacher Unternehmenslenker. Er war der Mann, der aus dem Industriebetrieb General Electric (GE) den zeitweise wertvollsten Konzern der Welt formte. Den das Magazin Fortune zum "Manager des Jahrhunderts" wählte, und den man "Neutronen-Jack" nannte, weil er über die Jahrzehnte mehr als 100 000 Mitarbeiter feuerte, die sein Tempo - tatsächlich oder vermeintlich - nicht mitgehen konnten. Am Sonntag ist Welch im Alter von 84 Jahren gestorben.

Der Nachfahre irischer Einwanderer, der als Golf-Caddie und Zeitungsbote sein erstes Geld verdient hatte, rückte 1981 an die Spitze bei GE. Es war jene Zeit, als Ronald Reagan die Regierungsgeschäfte in den USA übernahm und mit seiner britischen Kollegin Margaret Thatcher den westlichen Industrienationen ein gänzlich neues Wirtschaftskonzept überstülpte: ungezügelter Kapitalismus, freie, unregulierte Märkte, pures, grenzenloses Profitstreben. Wenn der neue US-Präsident der perfekte Administrator einer solchen Politik war, war Welch der ideale Exekutor: Er setzte das, was Reagan propagierte, im praktischen Unternehmensalltag um. Während seiner 20-jährigen Regentschaft bei General Electric verfünffachte sich der Umsatz des Konzerns, der wie der deutsche Konkurrent Siemens als eine Art industrielles Kaufhaus beinahe alles anbot - von Glühbirnen über Kraftwerke bis zu Finanzdienstleistungen. Der Aktienkurs verdreißigfachte sich.

Alle Mitarbeiter wurden gedrängt, immer effizienter zu arbeiten

Der Doktor der Chemietechnik verbrachte sein ganzes Berufsleben bei General Electric, jener Industrie-Ikone, deren Anfänge bis in die Zeit von Thomas Edison zurückreichen, dem Erfinder der Glühbirne. Welch machte rasch Karriere und als er mit gerade einmal 45 Jahren die Konzernspitze erreichte, war er der jüngste Vorstandschef in der damals 90-jährigen Firmengeschichte.

Mit seinem harschen, gnadenlosen Führungsstil gilt Welch bis heute als Inbegriff jener Dominanz und Marktmacht, die GE in den Neunzigerjahren erreichte. Er gab die Parole aus, das jeder Unternehmensbereich zu einem der Weltmarktführer auf seinem Feld aufsteigen müsse. Sparten, denen das nicht gelang, wurden verkauft. Alle Mitarbeiter wurden gedrängt, immer effizienter zu arbeiten, alle Vorgesetzten waren in der Pflicht, Jahr für Jahr die am wenigsten produktiven Beschäftigten zu entlassen. Ehemalige Arbeitnehmer berichten, Welch habe trotz seiner nicht einmal 1,70 Meter Körpergröße und eines leichten Sprachfehlers selbst gestandene Manager eingeschüchtert.

2008 geriet die GE-Finanzsparte in den Sog der Bankenkrise und brachte damit den gesamten Konzern massiv ins Wanken. Später wurden weitere teure Hinterlassenschaften des 2001 ausgeschiedenen Vorstandsvorsitzenden offensichtlich. Welch jedoch machte stets seinen Nachfolger Jeffrey Immelt für die zahllosen Probleme und Umstrukturierungen verantwortlich. Gegenüber Freunden soll er gesagt haben, er gebe sich für seine Arbeit als Konzernchef die Note eins, aber eine Sechs für die Wahl seines Kronprinzen. Welch hinterlässt seine Frau und vier erwachsene Kinder.

© SZ vom 03.03.2020/vit
Jane Goodall

SZ Plus
Reden wir über Geld
:"Ich glaube, dass wir noch ein Zeitfenster haben"

Die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall kämpft seit Jahrzehnten für den Tierschutz. Ein Gespräch über die Sinnlosigkeit von Klimademos - und was man stattdessen tun kann, um den Planeten zu retten.

Interview von Thomas Fromm und Hannah Wilhelm

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite