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Interview mit Jonathan Meese:"Ich habe Menschen am liebsten, die mich in Ruhe lassen"

Jonathan Meese

Die Menschen müssen gar nicht unbedingt seine Kunst kaufen, findet Jonathan Meese, aber er ist sich sicher: "Die Kunst wird die Politik ersetzen." Daran arbeitet er.

(Foto: AFP)

Künstler Jonathan Meese legt sich mit jedem an. Er schimpft auf die Bayreuther Wagner-Festspiele, er provoziert Gerichtsprozesse, er verachtet Kollegen, die eine politische Agenda haben. Alles für die Kunst.

Von Malte Conradi und Caroline von Eichhorn

Berserker. Enfant Terrible. Genie. Das ist so die Erwartungshaltung vor einem Treffen mit Jonathan Meese, dem vielleicht irrsten, radikalsten, erfolgreichsten deutschen Künstler der letzten zwanzig Jahre. Und dann ist der 46-Jährige erst einmal: Verlegen. Freundlich. Schüchtern. Tritt von einem Fuß auf den anderen, führt durch sein riesiges Atelier, ein ehemaliges Pumpwerk der Berliner Wasserbetriebe. Begeistert, als sehe er all das zum ersten Mal. Bietet Tee an. So geht das, bis das Aufnahmegerät läuft.

Ab dann ist Meese genauso berserkerhaft, wie man sich ihn immer vorgestellt hat. Da sitzt ein Mann zwischen seinen grellen großformatigen Bildern, der sich auf einer Mission befindet. Erfolg will er - aber nicht für sich selbst. Die Menschen sollen ihn in Ruhe lassen, wenn es nach ihm geht, Aufmerksamkeit will er einzig und allein für die Sache der Kunst: "Das nur für mich zu machen ist mir viel zu Ich-versaut. Ich mache das, damit die Zukunft kommt. Und wenn die Zukunft teuer ist, dann muss man das bezahlen."

Für jeden, der es sich leisten kann, heißt das: Bitte kaufen. Es müssen gar nicht Meeses Bilder sein, aber bitte keine politische Kunst, denn: "Diese Menschen werden scheitern, weil sie der Kunst nicht vertrauen. Die Kunst wird die Politik ersetzen."

Denn darum geht es Meese: Das Zeitalter der Kunst einzuläuten, oder wie er es nennt: "Die Diktatur der Kunst". Dann soll es keine Parlamente mehr geben, keine Kirchen, keine Langeweile und vor allem keine Angst. Nur noch Kunst und Spiel.

Dann ist das Aufnahmegerät aus und Meese entschuldigt sich: "Ich muss aufdringlich sein. Der Freiraum der Kunst muss größer werden. Größer, größer, größer."

© SZ.de/vit

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