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Interview:"Deutschland war gut zu mir"

DEU, Deutschland, Mannheim/Waldorf, 15.05.2019 - Bill McDermott, Vorstandssprecher der SAP SE. // Ordentliche Hauptvers

Bill McDermott: "Jeder Chef möchte seine Mitarbeiter glücklich machen, um den Kampf um Fachkräfte zu gewinnen."

(Foto: Arnulf Hettrich/imago images)

Ex-SAP-Chef Bill McDermott spricht über seine Rückkehr in die USA, seinen neuen Chefposten beim Cloud-Unternehmen Service Now und sein Vorbild Elvis Presley. Und darüber, warum er nie in Rente gehen will.

Seit einem halben Jahr ist Bill McDermott Chef von Service Now, einem kalifornischen Cloud-Unternehmen. Kein kleiner Laden, aber bei Weitem nicht so bekannt wie McDermotts vorheriger Arbeitgeber: Der Amerikaner führte bis Ende 2019 Europas größte Softwarefirma SAP. Nun ist er zurück in seiner Heimat und arbeitet wie seine 11 200 Mitarbeiter im Home-Office in Santa Clara. Beim Videointerview fällt in seinem Arbeitszimmer noch ein zweites Gesicht auf.

SZ: Herr McDermott, wer ist denn das da auf dem großen Bild neben Ihnen?

Bill McDermott: Das ist Elvis Presley.

Sind Sie ein großer Fan?

Ich habe Elvis schon als Kind geliebt, weil er seine Mutter so liebte, wie ich meine Mutter liebe. Er wurde ein Vorbild für mich, nicht nur wegen seiner tollen Musik, sondern wegen seines guten Herzens.

Sie haben mehrere Jahre auch in Deutschland gelebt. Als Sie wieder in die USA zogen, sind Sie da in ein anderes Land zurückgekommen?

Erst mal möchte ich betonen, dass mein Herz immer zur Hälfte in Deutschland sein wird. Deutschland war gut zu mir, ich hatte eine großartige Zeit bei SAP. Ich habe oft gesagt, dass ich gesegnet bin, in den USA geboren zu sein. Amerika gab mir die Fähigkeit zu träumen und ein globaler Mensch zu sein, der globale Unternehmen aufbaut, wo wir nicht von Ländergrenzen, Ethnie oder Geschlecht definiert werden.

Wovon träumen Sie denn zurzeit?

Zunächst ist mein Ziel, einen Beitrag für die Menschheit zu leisten. Dafür sollte man ein guter Ehemann und Vater, ein guter Freund, Bruder, Sohn und Mensch sein. Das ist ein Rennen ohne Ziellinie, weil man nie fertig wird, die bestmögliche Person zu sein. Und dann strebe ich danach, Service Now zur bestimmenden Firma für Unternehmenssoftware des 21. Jahrhunderts zu machen.

Das ist aber ein sehr ehrgeiziger Traum. Service Now wird mit 73 Milliarden Dollar bewertet, etwa der Hälfte von SAPs Börsenwert. Was ist Ihre Strategie?

Ich bin um die ganze Welt gereist, habe jeden unserer Mitarbeiter getroffen, um ihnen das persönlich zu erklären: Wir müssen der Innovator des Vertrauens für die Chefebenen unserer Kunden sein. Jeder Chef möchte seine Mitarbeiter glücklich machen, um den Kampf um Fachkräfte zu gewinnen. Und er möchte seine Kunden glücklich machen, denn loyale Kunden treiben das Geschäft. Wir sagen denen: Wir verstehen deine Branche und entwickeln maßgeschneiderte Lösungen für dich.

Was haben Sie konkret umgesetzt?

In den vergangenen sechs Monaten haben wir unser Personal um 25 Prozent aufgestockt und unser Ökosystem um 33 Prozent vergrößert. Unsere Software ist einfach zu nutzen, auf dem Mobilgerät, in der Cloud, mit immer neuen Funktionen. Kunden lieben das.

Das klingt toll, aber auch ziemlich ähnlich zu den Visionen von Salesforce, Oracle und anderen Wettbewerbern.

Ja, aber das Besondere ist, es muss niemand schlechter sein, damit wir besser sind. Unser Erfolg ist in Teilen daran geknüpft, alle anderen erfolgreich zu machen. Wenn Unternehmen SAP für ihre Finanzen, Salesforce für ihr Kundenmanagement und Workday für ihre Personalverwaltung nutzen, ist Service Now immer noch die Plattform aller Plattformen, wo alle Anwendungen integriert werden können. Businessleute arbeiten übergreifend mit all diesen Funktionen.

Eigentlich wären Sie Anfang Mai bei Ihrer Hausmesse Knowledge 2020 in Orlando aufgetreten. Stattdessen gibt es wegen Corona ein virtuelles Event über mehrere Wochen. Wenn das gut läuft, kommen dann überhaupt noch Menschen zu Ihnen, wenn sie es wieder dürften?

Anstatt 30 000 Menschen in Orlando zu empfangen, haben wir nun eine Million Menschen online. Ich glaube schon, dass sich die Geschäftswelt durch Corona verändert, zum Beispiel bei Geschäftsreisen. Gerade für interne Meetings ist es nicht mehr zu rechtfertigen, Menschen quer durch die Welt fliegen zu lassen, wenn man mit modernen Technologien genauso gut Mitarbeiter ausbilden und vernetzen kann. Das merken die Menschen jetzt. Sie sind ja mehr physisch auf Distanz als sozial. Aber es wird auch weiter Raum für persönliche Treffen in großen Gruppen geben, um Dinge anzutreiben.

Wird das Cloud-Geschäft ein Gewinner der Krise sein?

Zweifellos! Ich habe schon ein paar Krisen während meiner Karriere erlebt. Eine war der Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001 und kurz danach die Dotcom-Pleite. Das waren auch die ersten Tage der Cloud-Technologie. 2008 kam dann die Finanzkrise, und das war der Punkt, als große Unternehmen den Schritt in die Cloud wagten.

Warum?

Lokale Server zu betreiben wurde zunehmend als komplex, teuer, zeitraubend und riskant gesehen. Geschäftsführer konnten damals nur im Rahmen ihres Budgets agieren, Eigner erwarteten einen schnellen Return of Investment. Es war eine Kostenfrage, die der Cloud zum Erfolg verhalf. Die gleichen Kunden wollen heute die digitale Transformation, ein Markt, der in den nächsten vier Jahren 7,4 Billionen Dollar einbringt.

Aber gerade der deutsche Mittelstand ist nicht so stark in der Cloud vertreten. Wie kommen Sie da ins Spiel, gerade in der Krise, wo die Sicherheitsrisiken größer sind?

Wir haben eine europäische Cloud, die allen EU-Verordnungen zur Datensicherheit entspricht. Sie müssen bedenken, unser Geschäftsmodell ist nicht, die Daten unserer Kunden zu Geld zu machen. Wir dienen den Firmen, damit sie ihren Kunden dienen, und wir respektieren den Datenschutz.

Verglichen mit dem Silicon Valley hinkt Europa bei Technologien aber ziemlich hinterher, oder?

Das Silicon Valley hat sich als technologischer Anführer in Bezug auf Risikokapital erwiesen. Und junge Menschen können dort schnell Karriere machen in Unternehmen, in denen sie gefördert und wegen ihrer Fähigkeiten und ihrem Know-how anerkannt werden. Die Schnelligkeit im Valley ist ein Wettbewerbsvorteil. Deutschland dagegen ist gut darin, Globalisierung, Industrie 4.0 und digitale Transformation im großen Maßstab zu denken.

Wo können wir besser werden?

Covid-19 hat daran erinnert, dass nur 46 Prozent der Unternehmen bereit waren, von zu Hause zu arbeiten. Wir sind digital weit genug, mit der Krise umzugehen. Die, die es nicht sind, müssen schneller werden. Normalerweise dauert es sechs bis zwölf Monate, eine Entscheidung zu treffen, jetzt musst du das in sechs bis zwölf Stunden machen. Das ist das Schöne an der Cloud: Da kann man Innovationen innerhalb von Tagen und Wochen zum Laufen bringen.

Zum Beispiel?

Wir haben vier wichtige Covid-19-Anwendungen entwickelt. Darunter ist ein Notfall-Meldesystem, bei dem Menschen mitteilen können, wo und ob sie sicher sind, unabhängig davon, ob sie infiziert sind oder nicht. Und eine App für Notfalleinsätze: Ein digitaler Kontrollturm setzt die Leute mit den passenden Fähigkeiten ein, einen Vorfall zu managen. Dabei wird auch der Workflow abgebildet, also wer hat an dem Fall gearbeitet, wann und wie lange, wie kostenaufwendig war das. Das haben wir mit dem Bundesstaat Washington erarbeitet und als Open-Source-Anwendung kostenlos zur Verfügung gestellt. Nun arbeiten Unternehmen und Dienststellen weltweit damit. All das haben wir innerhalb von drei Tagen entwickelt.

Vermissen Sie Ihren Job bei SAP?

Natürlich! Ich möchte, dass es SAP und allen Leuten bei SAP gut geht. Nur weil ich eine neue Herausforderung in meinem Leben brauchte, heißt das nicht, dass ich SAP nicht immer noch liebe.

Zwischen den beiden Ankündigungen, dass Sie SAP verlassen und bei Service Now anfangen, lagen keine zwei Wochen. Wie kam das zustande?

Ich wollte etwas Neues machen und hatte andere Dinge neben Service Now, die ich hätte machen können. Aber ich habe mich erst für Service Now entschieden, nachdem ich sichergestellt hatte, dass SAP ein sehr gutes drittes Quartal abliefert und es einen Plan für meine Nachfolge gibt. Ich wollte, dass rückblickend alle sagen können, Bill hat SAP in einem besseren Zustand verlassen, als er es vorgefunden hat.

Trotzdem kam die Nachricht im Oktober überraschend ..

. Wir hatten die Wahl, es dann zu verkünden oder im Januar. Ich fand, die neuen Kollegen sollten das laufende Jahr stark beenden können, und die Übernahme nicht zu Beginn des neuen Geschäftsjahrs erleben.

Haben Sie darüber nachgedacht, sich aus der Geschäftswelt zurückzuziehen oder als Investor oder Berater zu arbeiten? Immerhin hatten Sie vor ein paar Jahren einen schlimmen Unfall, bei dem Sie ein Auge verloren und fast verbluteten.

Ich werde nie in Rente gehen. Wie man beim Militär sagt: Ich sterbe in meinen Stiefeln. Gerade nach dem schweren Unfall ist mir klar geworden, dass ich eine höhere Aufgabe in dieser Welt habe. Viele Leute haben sich davon inspirieren lassen, dass ich nach dem Unfall wieder aufgestanden bin und weiter Bill McDermott war. Ich möchte etwas als Anführer zurückgeben. So bin ich, das mache ich, und ich werde Teams führen bis zu dem Tag, an dem ich sterbe.

Anführer muss man ja nicht in einem Unternehmen sein. Sie wurden häufiger gefragt, ob Sie eine politische Karriere anstreben, und so richtig ausgeschlossen haben Sie es bisher nicht.

Sage niemals nie. Der öffentliche Dienst ist eine noble Sache. Und zu einem Zeitpunkt in der Zukunft, also nachdem Service Now die bestimmende Unternehmenssoftware-Firma des 21. Jahrhunderts geworden ist, wäre das möglich. Aber in den nächsten Jahren nicht.

Bill McDermott, 58, stammt aus New York, wo er als 16-Jähriger einen Delikatessenladen kaufte. Das Geschäft finanzierte sein Managementstudium. Danach arbeitete er 17 Jahre beim Kopierer-Hersteller Xerox. Von 2002 leitete er erst den USA-Zweig von SAP, ab 2010 dann den gesamten Software-Konzern aus Walldorf. Im Oktober 2019 gab er seinen Rücktritt bekannt.

© SZ vom 25.05.2020

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