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Kommentar:Der Onlinehandel ist ein Segen

Schlecht für die Umwelt, schlecht für die Innenstädte? Die Kritik am Internet-Einkauf ist in vielen Fällen überzogen. Gerade jetzt zeigt sich, wie groß die Vorzüge des Online-Shoppings sind.

Von Michael Kläsgen

Keine Frage, das Leben in der Pandemie ist eine Zumutung. Mit am schlimmsten ist es, fremden Menschen nicht mehr unbekümmert begegnen zu können. Die Straßen sind nicht völlig ausgestorben, aber doch viel leerer als sonst. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, die Innenstädte wirken gespenstisch.

Das Gewusel fehlt vielen, sie vermissen das Herumstromern durch die Läden, das Ausprobieren und Einkaufen, so wie es vor Corona war. Viele, vor allem Männer, konnten schon vor der Pandemie mit dieser Art des Shoppings wenig anfangen. Sie gingen deswegen höchstens in der Innenstadt einkaufen, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ.

Doch egal, wer wie einkauft, für alle gilt: Niemand muss trotz der Pandemie materiell auf etwas verzichten. Im Internet ist alles erhältlich und das innerhalb kürzester Zeit. Wer bestellt, weiß, es kommt in der Regel rechtzeitig an. Der Onlinehandel ist deswegen ein Segen. Kaum auszudenken, was wäre, wenn es ihn in dieser schwierigen Zeit nicht gäbe.

Das gilt in erster Linie für medizinisch erforderliche Dinge. Apotheken etwa haben den Anteil der online verkauften Artikel im Corona-Jahr besonders stark gesteigert. Auch für den Unterricht an Schulen benötigte Bücher können weiterhin in Buchhandlungen bestellt und abgeholt werden. Wer aus Angst, sich anzustecken, grundsätzlich in keinen Laden gehen will, der kommt jetzt kontaktfrei an so ziemlich alles, was er will - ohne große Abstriche machen zu müssen. Auch an frisches Obst und Gemüse.

Trotz der großen Dichte an Supermärkten und Discountern kaufen auch immer mehr Menschen Lebensmittel im Internet. Zum Teil auch aus Zeitgründen, weil sich wegen Home-Office, Homeschooling und Haushalt das Alltagsleben vieler so verdichtet hat, dass sie die Fahrt zum Supermarkt auch deshalb streichen.

Das muss kein Nachteil für die Umwelt sein. Studien belegen, dass die Belieferung per Paketboten ökologisch nicht schädlicher ist als die individuelle Einkaufsfahrt. Vorausgesetzt, man fährt nicht trotzdem irgendwohin und die Retourenquote sinkt, und das tut sie.

Der Onlinehandel hat somit viele Vorzüge. Das zeigt sich besonders jetzt in der Ausnahmesituation. Er trägt dazu bei, trotz allem ein einigermaßen normales Leben weiterführen zu können. Er hilft, die Grundversorgung aufrechtzuerhalten und macht den Alltag erträglicher. Ohne ihn wäre die Krise noch viel größer. Kein Wunder also, dass er boomt.

Das Internet ist für traditionelle Händler Gefahr und Chance zugleich

Natürlich ist nicht alles gut daran. Er bedroht viele Händler, deren Geschäfte derzeit geschlossen sind, existenziell, vor allem solche, die sich nie richtig mit ihm anfreunden konnten. Gleichzeitig bietet er ihnen auch die Chance, weiter wirtschaften zu können, zumindest auf kleinem Niveau. Den größten Zuwachs erfährt der Onlinehandel im Moment auf den sogenannten Marktplätzen, auf Internet-Plattformen, die immer mehr rein stationäre Händler zum Verkauf nutzen.

Der Onlinehandel ist also Gefahr und Chance zugleich für traditionelle Händler. Er zwingt sie zum Umdenken. Frühere reine Filialisten mit angeschlossenem Onlineshop treibt er dazu an, zu Onlinehändlern mit angeschlossenen Filialen zu werden. Er bewirkt, dass Geschäfte schließen müssen und Händler etwas Neues, Digitales erschaffen müssen, um zu überleben. Corona ist nicht die Ursache dieser Entwicklung, beschleunigt sie aber.

Das wird das Gesicht der Innenstädte und Einkaufsstraßen verändern, aber nicht nur zum Schlechten. Noch herrscht dort ein Überangebot an teils austauschbarer Mode vor. Studien zufolge wird diese nur von einem kleinen Teil der jeweiligen Einwohner nachgefragt, die Gefallen am Herumstromern durch die Läden haben. Es geht jedoch am Interesse der meisten vorbei.

Der Onlinehandel hat das Potenzial, diese Überangebotswirtschaft ein Stück weit in eine Nachfragewirtschaft umzuwandeln. Im besten Fall entsteht dann etwas, was die Neugier der breiten Masse weckt. Dann könnten Innenstädte auch Menschen anziehen, die sie früher gemieden haben. An Modeläden muss es deswegen nicht mangeln. Gut gemacht, kann der Onlinehandel sogar dazu beitragen, die Innenstädte nach Corona wieder zu beleben.

© SZ
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