Insolvenz bei Baumarktkette:Praktiker vor der Pleite

Praktiker Insolvenz

Die Insolvenz bei Praktiker bedroht 20.000 Arbeitsplätze

(Foto: dpa)

Statt 20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung - bot die Baumarktkette ihren Kunden zuletzt bis zu 35 Prozent Rabatt. Es waren Notrabatte. Nun erklärt sich das Unternehmen für überschuldet und zahlungsunfähig, zuletzt fehlten 35 Millionen Euro. Jetzt müssen 20.000 Mitarbeiter um ihre Jobs bangen.

Von Kristina Läsker

Die Kunden hätten es ahnen können. Bis zu 35 Prozent Rabatt hatte Praktiker in seinen Baumärkten zuletzt auf ausgewählte Produkte angeboten. Doch das waren längst keine Schnäppchen mehr, das waren Notrabatte. Jetzt steht die ganze Kette vor dem Ausverkauf. Das Unternehmen hat nicht mehr genug Geld zum Überleben, nach langem Überlebenskampf droht nun endgültig die Pleite. Das teilte die Firma aus Hamburg am Mittwochabend ihren Aktionären mit.

Der Vorstand habe die positive Fortführungsprognose für die Praktiker AG und einzelne Gesellschaften der Gruppe verneint, heißt es formal in dem einseitigen Schreiben. Neben dem Insolvenzgrund der Überschuldung sei auch die Zahlungsunfähigkeit gegeben. Jegliche Verhandlungen über weitere Finanzierungen zur Sanierung seien gescheitert, weil einzelne Gläubigergruppen nicht zugestimmt hätten. "Der Vorstand wird für die Unternehmensgruppe prüfen, bei welchen Gesellschaften der Unternehmensgruppe Insolvenzanträge zu stellen sind und wird so bald wie möglich die Ergebnisse dieser Prüfung veröffentlichen."

Dem Schreiben an die Anteilseigner war ein spontanes Krisentreffen des Aufsichtsrats am Mittwoch vorausgegangen. Dabei hatten die Kontrolleure ausgelotet, woher sie frisches Kapital für die angeschlagene Kette bekommen könnten und ob es sich überhaupt noch lohnt, die vielen Finanzlöcher zu stopfen. Zum Schluss kamen die Aufsichtsräte zu einem anderen Ergebnis. Kein Investor scheint mehr bereit zu sein, den nötigen zweistelligen Millionenbetrag nachzuschießen.

Schlechtes Wetter zehrte Finanzreserven auf

Ein Warenkreditversicherer habe bereits Anfang der Woche seine Deckung zurückgezogen, heißt es in der Branche. Über diese Firmen finanzieren Handelsunternehmen den Warenbestand vor, bis Einnahmen in die Kasse kommen. Der lange Winter und das verregnete Frühjahr hatten den meisten deutschen Baumärkten das wichtige Gartengeschäft kaputt gemacht. Auch die Finanzreserven von Praktiker wurden dadurch stärker als gewöhnlich aufgezehrt.

Der Vorstand habe sich zuletzt um eine 30 bis 35 Millionen Euro schwere Finanzspritze bemüht, erzählen Personen aus dem Umfeld der Gläubiger. Der österreichische Großaktionär Donau Invest, hinter dem der Unternehmer Alain de Krassny steht, sei angeblich bereit gewesen, weiteres Geld nachzuschießen, die Banken dagegen nicht. De Krassny wollte sich am Mittwoch nicht äußern.

Die Praktiker AG hatte kurz vor Weihnachten nach monatelangem Ringen mit Hilfe einer Kapitalerhöhung ihr Eigenkapital verdoppelt und 60 Millionen Euro eingenommen. Zuvor war die Kette wegen ihrer jahrelangen Billigstrategie ("20 Prozent auf alles") und wegen Missmanagements tief in die roten Zahlen gerutscht, hatte Insolvenz angemeldet und mehrfach die Top-Manager ausgetauscht. Die jüngste Kapitalerhöhung war die Bedingung dafür, dass weitere Kredite von Banken und üppige Darlehen anderer Investoren fließen.

430 Märkte in neun Ländern

Das Unternehmen hatte zuletzt noch etwa 20.000 Mitarbeiter beschäftigt. Sie setzten drei Milliarden Euro pro Jahr um. Doch der Schuldenberg blieb. Der Konzern, zu dem seit 2007 auch die Marke Max Bahr gehört, betreibt 430 Märkte in neun Ländern. Allein in Deutschland gibt es 300 Filialen des auf Discount ausgerichteten Praktiker und der höherwertig angesiedelten Marke Max Bahr, die von der Insolvenz nicht betroffen ist.

Um Kosten zu sparen, wurde die Zentrale vom saarländischen Kirkel nach Hamburg verlegt, an den Standort von Max Bahr. Der letzte Chef der Kette, der Ex-Aldi-Manager Armin Burger, hatte zuletzt hart durchgegriffen: Praktiker schloss etliche Läden, zog sich aus einigen Ländern zurück, und flaggte viele Märkte auf das Konzept der besser laufenden Schwester-Marke Max Bahr um. Doch das alles hat nicht verhindern können, dass das Unternehmen immer weiter in Richtung Abgrund rutschte.

Etliche Manager haben sich an der Rettung der Firma versucht. Nachdem das Unternehmen fast Insolvenz anmelden musste, leitete der Sanierungsexperte Thomas Fox die Kette. Nach dessen Rauswurf rückte Aufsichtsratsmitglied Kay Hafner als Interimsboss an die Spitze. Mitte Oktober wurde auch er geschasst und durch Burger ersetzt. Auch im Aufsichtsrat wechselten die Kontrolleure schnell. Der langjährige Chef Kersten von Schenck warf überraschend vor wenigen Monaten hin. Die Praktiker-Aktie war bereits am Mittwochnachmittag, als die ersten Gerüchte über die erneute Krise auftauchten, um fast 20 Prozent auf 37 Cent gefallen. Das Unternehmen wird damit an der Börse noch mit gut 40 Millionen Euro bewertet.

© SZ vom 11.07.2013/sebi
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