bedeckt München 20°

Indien:Abstand und Armut

NEW DELHI, INDIA SEPTEMBER 5: Volunteers set up sanitizer dispensers at Hazrat Nizamuddin Dargah ahead of its reopening

Das Hasrat-Nizamuddin-Maosoleum in Delhi, Pilgerstätte vieler Muslime, wurde am Samstag unter Sicherheitsauflagen wieder geöffnet.

(Foto: Biplov Bhuyan/imago images)

Premierminister Narendra Modi verhängte früh einen rigiden Lockdown, die Wirtschaft brach deshalb ein. Das zwingt die Regierung zu gefährlichen Lockerungen. Aber hätte es eine Alternative gegeben?

Von David Pfeifer

Social Distancing in Delhi, das ist wie Eislaufen in der Sahara. Wer zum ersten Mal nach Indien reist, kann die schiere Menge der Menschen kaum erfassen, die sich dort in den großen Städten auf sehr engem Raum zusammendrückt. Delhi hat etwa 20 Millionen Einwohner, man steht eigentlich durchgehend im Stau, schaukelt in Zeitlupe durch den Berufsverkehr und beobachtet fliegende Händler, Tuktuk-Fahrer, Kühe, die zwischen Autos stehen, Kinder, die für ein paar Rupien akrobatische Kunststücke aufführen und Bettler, die am Straßenrand auf ein besseres Leben warten.

Doch im März dieses Jahres war das alles plötzlich vorbei. Die Regierung von Narendra Modi hatte einen rigiden Lockdown verhängt, um eine Corona-Katastrophe abzuwenden. Umso tragischer, wenn in diesen Tagen bekannt wird, dass Indien zu den USA und Brasilien aufgeschlossen hat, was die Ansteckungszahlen mit dem Virus angeht. Am Dienstag wurde gemeldet, dass mittlerweile fast 4,2 Millionen Inder mit Covid-19 infiziert sind, mehr als 90 000 Ansteckungen wurden an einem Tag gezählt. Nur die USA haben noch schlimmere Zahlen, nämlich 6,2 Millionen Infizierte. Man muss diese Zahlen natürlich ins Verhältnis setzen, denn Indien hat mit 1,3 Milliarden Einwohnern ein besseres Verhältnis von Ansteckungen zur Bevölkerungsgröße als Brasilien, mit etwa 208 Millionen oder die USA mit 320 Millionen Einwohnern.

Das Bruttosozialprodukt ist bisher um fast ein Viertel zurück gegangen

Und im Gegensatz zu Donald Trump oder Jair Bolsonaro hatte Premierminister Narendra Modi mit seiner regierenden "Bharatiya Janata Party" (BJP) die Zeichen relativ früh richtig gedeutet und dem Land große Opfer abverlangt. Die indische Wirtschaft ist laut Regierungsangaben durch den Lockdown um fast 23,9 Prozent eingebrochen, meldete die Times of India vergangene Woche - ein historischer Rückgang und einer der Gründe, warum die Kontaktbeschränkungen in den vergangenen Wochen und Tagen wieder aufgehoben wurden. In Delhi, wo die täglichen Ansteckungszahlen von 1000 auf 3000 gestiegen sind, wurden die U-Bahn, die Restaurants und die Bars wieder geöffnet, wenn auch unter Sicherheitsauflagen, wie man sie aus Europa kennt.

Die BJP wollte auch die Kleinwirtschaft nicht weiter abwürgen und musste abwägen, zwischen zwei Formen von Elend. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre erlahmte schon vor Corona schleichend, gleichzeitig stieg die Arbeitslosenrate. Um als BRICS-Staat bezeichnet zu werden (neben Indien gehören Brasilien, Russland sowie China und Südafrika dazu, die ebenfalls stark von dem Virus betroffen sind) muss eine Volkswirtschaft eine Wachstumssteigerung zwischen fünf und zehn Prozent pro Jahr aufweisen. Indien tat das im Jahr 2019 mit 5,2 Prozent laut Times of India noch knapp.

Doch am Außenrand von Delhi sah man zu dieser Zeit einige Betongerippe in den Himmel ragen. Bauten, die nicht fertiggestellt wurden, weil die Wirtschaft erlahmte, die der Staat aber im Rahmen eines neu aufgelegten Konjunkturprogramms fertig bauen lassen wollte, bevor sie wertlos werden. Dann stand alles still.

Den wachsenden indischen Mittelstand, zu dem im Grunde jeder gehört, der eine Nähmaschine besitzt, jeder Schuster und Straßenkücheninhaber, traf der Lockdown besonders hart. Das wiederum ist nicht ungefährlich für die Stabilität Indiens, das nicht nur das Land mit der nach China zweitgrößten Bevölkerung ist, sondern auch die größte Demokratie weltweit.

Nun wurde prognostiziert, dass etwa vier Millionen Indern durch den Lockdown der Abstieg in die Armut droht. Unter ihnen die Tagelöhner und Wanderarbeiter, die plötzlich zu Tausenden den Weg in ihre Heimat suchten, wohin sie wiederum das Virus trugen. Dabei zahlen ohnehin nur etwa 20 Prozent der Inder Steuern, von denen der Staat vieles am Laufen halten muss, Armee, Polizei, Konjunkturprogramme, Verbesserungen der Infrastruktur sowie die staatliche Eisenbahn, die der größte Arbeitgeber im Land ist.

Von den Krankenhäusern nicht zu reden, die in der Corona-Krise überlastet waren und etwa 200 durch das Virus gestorbene Ärztinnen und Ärzte zu beklagen hatten.

Gleichzeitig sind die großen, wirtschaftlich starken indischen Konzerne darauf angewiesen, reisen und arbeiten zu können. Die Tata-Gruppe beispielsweise empfing im vergangenen Jahr eine Journalistengruppe aus Deutschland und Österreich, um sich in voller Größe zu präsentieren, nachdem sie in Europa vor allem durch "Tata Motors" bekannt wurde, die 2008 die englischen Edel-Marken Land Rover und Jaguar übernommen hatte. Doch Tata produziert neben Fahrzeugen auch Tee, Stahl, Chemie und Software. Die Tata Consultancy Services (TCS) ist ein weltweit agierender Dienstleister in der Informationstechnik. Laut eigenen Angaben mit 45 Milliarden Dollar Jahresumsatz weltweit auf der Nummer zwei der Software-Konzerne, nach IBM mit 86 Milliarden Dollar. 27 000 Mitarbeiter bevölkern normalerweise das TCS-Gelände außerhalb von Pune an 23 000 Arbeitsplätzen, im Fitnesscenter, der Kantine und im Hotel, das eigens auf dem Gelände errichtet wurde. Heute erscheint einem dieses Arbeitskonzept gefährdet, möglichst viele Menschen in einen eingegrenzten Lebens- und Arbeitsraum zu locken, mit den Angeboten, die in den USA beispielsweise auch Facebook bietet.

Dabei hat die indische Handelskammer einiges unternommen in den vergangenen Jahren, um die hochqualifizierten Kräfte im Land zu halten. Denn wenn Indien einen entscheidenden Vorteil hat gegenüber China, dem ebenfalls riesigen Land in der Nachbarschaft, dann sind es die vielen jungen, gut ausgebildeten Menschen, die mit Englisch eine Weltsprache meistens sehr gut sprechen. Sie sind der wichtigste Rohstoff des Landes. Aber nicht, solange man sie einsperrt.

© SZ vom 09.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite