Hauptversammlungen:Flucht ins Digitale

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Hauptversammlungen: Würstchen und Kartoffelsalat: Solche kulinarischen Vorzüge sind nicht der einzige Grund, warum viele Aktionäre gerne wieder Hauptversammlungen in Präsenz haben möchten.

Würstchen und Kartoffelsalat: Solche kulinarischen Vorzüge sind nicht der einzige Grund, warum viele Aktionäre gerne wieder Hauptversammlungen in Präsenz haben möchten.

(Foto: Soeren Stache/picture alliance / Soeren Stache)

Schlagabtausch vor Ort oder doch lieber virtuell? Die digitale Hauptversammlung droht nach der Pandemie zum Normalzustand zu werden - zum Ärger von Aktionärsvertretern.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Sie ist kostengünstiger, vor allem aber ist sie leichter zu kontrollieren, sollten Aktionäre den Vorstand und Aufsichtsrat mit unliebsamen Fragen nerven: Kein Wunder, dass die virtuelle Hauptversammlung (HV), eingeführt in der Corona-Pandemie, wohl von der Ausnahme zum Dauerzustand mutiert. Im Ringen darum, wie Aktionärsversammlungen in Deutschland künftig ablaufen - ob in Präsenz, digital oder hybrid - hat die Unternehmenslobby nun einen weiteren Zwischensieg errungen: Die einflussreichen Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (ISS) empfehlen nicht mehr automatisch, gegen reine Online-Aktionärstreffen zu stimmen, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters. ISS werden die geplanten Satzungsänderungen der Unternehmen in jedem Einzelfall bewerten. Nach den Ratschlägen von ISS richten sich vor allem US-Fonds, wenn sie als Aktionäre auf Hauptversammlungen abstimmen.

Neben Vorstand und Aufsichtsrat ist die Hauptversammlung das wichtigste Entscheidungsgremium einer Aktiengesellschaft. Nur einmal im Jahr haben Aktionäre die Gelegenheit, der Führung ihres Unternehmens auch persönlich die Meinung zu sagen sowie Fragen zu stellen, die der Vorstand beantworten muss. Es geht oft um zentrale Dinge: Managementfehler, die Bezahlung der Führungsriege und immer mehr auch darum, wie nachhaltig eine Firma arbeitet - es geht also auch um eine Art Aktionärsdemokratie.

Bisher hatte ISS empfohlen, für das hybride Modell und gegen reine Online-HV zu stimmen. Einflussreiche Lobbyorganisationen wie das Deutsche Aktieninstitut und der Deutsche Investor-Relations-Verband (DIRK) waren dagegen Sturm gelaufen. Dem Namen nach erwecken die Verbände den Eindruck, es ginge ihnen um Aktionärsinteressen, im Vordergrund stehen aber in der Regel die Belange der Unternehmen.

Diese hatten bereits durchgesetzt, dass die Bundesregierung die virtuelle Hauptversammlung von 2024 an als feste Option im Aktiengesetz verankert - aber nur, wenn die Aktionäre zustimmen. Von 2023 an sind daher die Anteilseigner der meisten börsennotierten Gesellschaften in Deutschland aufgerufen, den Weg für virtuelle Hauptversammlungen über Satzungsänderungen freizumachen. Bis dahin gilt noch die Übergangsregelung aus der Pandemiezeit. Für Satzungsänderungen ist in der Regel eine Dreiviertelmehrheit vonnöten. Von Stimmrechtsberatern wie ISS und Glass Lewis kommt oft ein Viertel der Stimmen, weswegen von ihnen einiges abhängt. Frei von Interessenkonflikten sind sie allerdings nicht: ISS etwa lebt auch von Beratungsaufträgen der Unternehmen und gehört zur Deutschen Börse, die ebenfalls börsennotiert ist.

Generaldebatte die Grundlage entzogen

Große deutsche Fondshäuser wie Union Investment und Deka oder der Fondsverband BVI haben sich dagegen für die Beibehaltung der Präsenz-Veranstaltungen ausgesprochen. Sie sehen angesichts der virtuellen Hauptversammlung die Mitspracherechte der Anteilseigner beschnitten. Etwa wenn der Vorstand künftig vorgibt, dass Aktionäre ihre Fragen spätestens drei Tage vor der HV einreichen müssen und diese dann nicht auf der HV, sondern einen Tag vorher im Aktionärsportal beantwortet werden. "Einer Generaldebatte, die von Fragen und Antworten lebt, ist damit die Grundlage entzogen", sagt der Vertreter einer Fondsgesellschaft. Großaktionäre, wie Staatsfonds aus Nahost, könnten ihren Einfluss zudem auch jenseits der Hauptversammlung jederzeit geltend machen - anders als Privatanleger. Der Fondsverband BVI empfiehlt, den Unternehmen nur für zwei Jahre eine Ermächtigung für eine virtuelle HV zu geben und nicht für fünf Jahre, wie gesetzlich vorgesehen.

2022 war von den Dax-Konzernen nur die Telekom zum Präsenztreffen zurückgekehrt. Die ersten Entscheidungen über das künftige Format dürften im Februar anstehen, wenn Siemens und Thyssenkrupp zu ihren Hauptversammlungen einladen. Bei der Deutschen Bank, so ist zu hören, strebt man erneut ins Digitale.

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