Gründerzentrum Karlsruhe Hightech frisch vom Schlachthof

Rund um das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat sich ein agiles IT-Netzwerk entwickelt, das Start-ups gezielt unterstützt - ein Vorteil für den Standort.

Von Stefan Mayr

In gewisser Hinsicht ist Karlsruhe selbst ein Start-up. Die Stadt ist 300 Jahre jung, Markgraf Karl Wilhelm gründete die nach ihm benannte Siedlung anno 1715 mitten im Wald. Damit sich auch Bürger um sein neues Schloss niederlassen, lockte er mit großzügigen Privilegien: Er bot Grundstücke plus Bausteine und Sand, dazu 15 Jahre Steuerfreiheit und bürgerliche Gerichte. Mit Erfolg: 1719 hatte Karl Wilhelm fast 2000 Einwohner um sich geschart. Sein Enkel und Nachfolger Markgraf Karl Friedrich förderte das Unterrichtswesen und ließ Landstraßen und landwirtschaftliche Musterbetriebe bauen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Diesen Anfängen sind sie in Karlsruhe bis heute treu geblieben: "Wir sind eine Gründerstadt, das liegt in unserer DNA", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD).

Tatsächlich gilt Karlsruhe als Start-up-Standort Nummer eins in Baden-Württemberg. Mit großem Abstand vor der Landeshauptstadt Stuttgart, die 1719 zwar schon Herzogsresidenz war, aber heute in Sachen Start-up-Kultur neidisch Richtung Baden blicken muss. Der "Morgenstadt"-Index der Fraunhofer-Forschungsgesellschaft listet Karlsruhe als lebenswerte und innovative Stadt bundesweit auf Platz eins vor München und Jena. Stuttgart belegt Platz 16. Und das, obwohl in Karlsruhe, mit 310 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Baden-Württembergs, kein großer Konzern wie Daimler oder Bosch sitzt.

Workshop in der ehemaligen Schweinemarkthalle: Die intensive Betreuung wird von den Gründern gelobt.

(Foto: Stadt Karlsruhe)

Das Karlsruher Erfolgsrezept? Ist komplexer als anno 1719, es kommen mehrere Faktoren zusammen. Was vor 300 Jahren Grundstücke waren, sind heute die Gemäuer des ehemaligen Karlsruher Schlachthofs. Auf dem Areal hat die Stadt einen Kreativpark eingerichtet, in dem sich angehende Unternehmer austoben können - wie etwa die Brüder Christian und Karl-J. Wack. Sie sind extra aus dem Saarland hergezogen. "Der Standort ist für uns perfekt", sagt Christian, 38. "Er ist geprägt von außergewöhnlichem Flair und Ambiente, die die Kreativität fördern." Dazu komme die zentrale Lage, die Nähe zur Universität mit ihrem gut ausgebildeten Nachwuchs und ein großes Netzwerk für die IT-Branche. "Darauf kann Karlsruhe stolz sein", sagt Bruder Karl-J., 36.

Die beiden Brüder sitzen in der ehemaligen Remise an einem Besprechungstisch auf Hochstühlen. Christian trägt Kapuzenpulli, Karl-J. Businesshemd. Beide haben eine schwarze Smartwatch am Handgelenk. Sie starteten 2010, indem sie nebenberuflich Smartphone-Apps programmierten. Das machen sie inzwischen hauptberuflich, im Auftrag von Unternehmen. Ihre Firma Let's Dev beschäftigt 40 Mitarbeiter. Zu ihren Kunden gehören etwa der IT-Dienstleister Datev und die Versicherungsgruppe Barmenia.

Der Schlachthof hatte 2006 seinen Betrieb eingestellt. Die Stadt ließ ihn nicht abreißen, sondern machte ihn zum kreativitätsfördernden Quartier. Herzstück ist die ehemalige Schweinemarkthalle, die jetzt "Perfekt Futur" heißt. In ihr stehen 60 alte Seefracht-Container in verschiedenen Farben. Sie sind kreuz und quer arrangiert und teilweise gestapelt. So entstehen Dachterrassen, auf denen die Kreativen in Liegestühlen Pause machen oder arbeiten. Die Container haben Glastüren, das bringt nicht nur Licht, sondern fördert auch die Kommunikation.

240 Gründer hatten sich für einen Platz im Quartier beworben, 50 wurden genommen. Sie zahlen 100 Euro Netto-Miete kalt. Nach vier Jahren wird es teurer: 150 Euro. Nach fünf Jahren bereits 175 - dann sollte die Experimentierphase beendet sein. Aber rausgeworfen wird niemand. Eher hinüberbegleitet ins benachbarte "Wachstums- und Festigungs-Zentrum". Das ist ein klassischer Büro-Neubau mit viel Glas, Licht und flexibler Raumaufteilung. Hier können die Neustarter wachsen. Acht Jahre lang. Bei Bedarf weiterhin unterstützt von der Stadt und ihren Partnern.

"Perfekter Standort", "außergewöhnliches Ambiente": Christian und Karl-J. Wack.

(Foto: Let's Dev GmbH Co & KG)

Unbürokratisch helfen und vernetzen, das ist das Konzept der Stadt. Es ging anno 1715 auf - und jetzt wieder. Alt- und Neubauten wechseln sich ab auf dem Schlachthofareal, das so groß ist wie zehn Fußballfelder und bereits von einer Trambahnlinie durchquert wird. Die blutige Vergangenheit des Areals bleibt aber unübersehbar. Der Punk Club heißt "Hackerei" und ins Atelierhaus geht man unter rostigen Fleischerhaken hindurch, an denen früher Schweinehälften über den Hof schaukelten. "Für Veganer ist es nicht leicht hier", scherzt Dirk Metzger vom städtischen "Kultur- und Kreativwirtschaftsbüro Karlsruhe" (K3), das den Schlachthof betreut. Doch die Bewerber stehen Schlange, auch Schneidermeisterin Kerstin Brandt hat hier ihr Atelier. Sie näht die roten Roben für die Karlsruher Verfassungsrichter. Zu den Mietern gehören auch arrivierte Unternehmen wie die US-Softwarefirma Citrix oder die Innovations-Ableger des Roboterbauers Kuka und des Werkzeugmaschinen-Herstellers Trumpf.

Sie suchen vor allem die Nähe zu den Studenten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), das auf dem Gebiet der IT internationales Renommee erworben hat. Es ist der wichtigste Standortfaktor für Karlsruhes Start-up-Szene. Zum KIT gehört auch das Forschungszentrum Informatik (FZI), das im Auftrag von Unternehmen Hightech entwickelt. KIT und FZI haben vor Kurzem einen humanoiden Roboter präsentiert, der sich den Umgang mit Werkzeug bei seinen menschlichen Kollegen abschauen kann. Auf Karlsruhes Straßen testen sie autonome Autos. Am KIT lehren und studieren Leute, die von Firmen aus dem Silicon Valley umworben werden. Aber nicht alle gehen.

Im Innern bietet der Alte Schlachthof nicht nur für Workshops, wie hier im Bild, eine geeignete Umgebung, auch die Raum-Bedarfe von IT-Start-Ups werden bedient.

(Foto: Michael M.Roth, MicialMedia)

Oberbürgermeister Mentrup sagt selbstbewusst: "Bei der IT-Kompetenz sind wir weit vor Stuttgart." In der Region Karlsruhe sitzen 4100 IT-Unternehmen - rund 1000 davon in der Stadt. Sie haben im Jahr 2017 gut 40 Prozent der Gewerbesteuer-einnahmen gebracht. Zu den namhaften Firmen gehören United Internet und die Schwesterfirma Strato, die in ihren großen Rechenzentren die meisten aller Internet-adressen mit der Endung .de verwalten. Doch auch andere sind erfolgreich, aber nicht so bekannt, weil sie wenig direkten Kontakt zu Endkonsumenten haben. Sie beliefern Geschäftskunden. Vermutlich ein Grund, warum Karlsruhe als Start-up-City weniger bekannt ist als Berlin. "Dazu kommt, dass sich Berliner beim Trommeln leichter tun", sagt OB Mentrup, "wir haben da eine Tendenz zur Bescheidenheit."

Dennoch ziehen ambitionierte Start-ups nicht mehr automatisch nach Berlin weiter, sondern bleiben bewusst in Karlsruhe. Wie die Brüder von Let's Dev. Auch wegen des Netzwerks Cyber-Forum, das alle IT-Unternehmen unterstützt. "Das ist einzigartig", sagt Karl-J. Wack. "Man sucht deutschlandweit vergeblich nach vergleichbaren Modellen und es ist sehr, sehr viel wert."

Bei allen Erfolgserlebnissen stößt die Stadt auch an Grenzen. In Baden fließt das Risiko-Kapital bei Weitem nicht so üppig wie anderswo. Bei der Lösung dieses Problems haben fünf KIT-Studenten gezeigt, dass Karlsruhe den Titel "Morgenstadt" zu Recht trägt. Die Männer im Alter von 24 bis 29 Jahren haben den Risikokapital-Fonds "First Momentum Ventures" gegründet. Er ist der erste seiner Art in Deutschland - von Studenten für Studenten. Innerhalb eines Jahres haben sie von Unternehmen und Privatpersonen 1,4 Millionen Euro eingesammelt, die sie nun an Start-ups weitergeben. Bis 2019 wollen sie ein Volumen von fünf Millionen Euro erreichen und damit der größte Studi-VC-Fonds Europas sein. Ein erstes Start-up haben sie sich schon ausgeguckt, es soll demnächst bis zu 100 000 Euro Anschubfinanzierung bekommen. "Wir investieren in der ganz frühen Phase, wo andere Risikofonds noch nicht einsteigen", sagt Sebastian Böhmer. "Hier klafft eine Lücke, die wir füllen."

Gipfelstürmer

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb "Gipfelstürmer" die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese dürfen im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer

Die Investoren bekommen im Gegenzug früher als gewöhnlich Zugang zu möglichen Überfliegern. "Wir bewegen uns auf Augenhöhe mit den Gründern, das ist unser Vorteil", sagt Mitgründer Alexander Kaiser. Noch sitzen sie in der sogenannten "Pioniergarage" im Erdgeschoss eines Wohnblocks. Noch sind sie vor allem in Baden unterwegs. Doch sie bauen bereits ein Netzwerk von Scouts auf. Europaweit.