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Großfusion:Bier braucht Heimat

Der größte Bierkonzern der Welt wird noch größer. Die Menschen aber sehnen sich in der globalisierten Welt nach Heimat, kleinere Brauereien haben eine Chance.

Ein Kommentar von Franz Kotteder

Spricht man heute mit einem x-beliebigen Koch, der nicht nur Fertig-Produkte warmmacht, über die Grundprinzipien seines Tuns am Herd, dann fallen meist die Stichworte "regional" und "saisonal". Damit gewinnt man immer Sympathien. Zumindest bei jenen, denen Fast Food und die Produktion der großen internationalen Lebensmittelkonzerne von Nestlé bis Unilever mit ihren weltweit gleich schmeckenden Erzeugnissen nicht gut genug sind. Nahrungsmittel aus der Nachbarschaft bekommen einen Wert an sich, der oft über ihren tatsächlichen Wert weit hinausgeht. Da ist viel Fantasie im Spiel. Regionalität wird eben auch als Gegenentwurf zur Gleichmacherei in einer globalisierten Wirtschaft empfunden.

Das ja auch mit Recht. Bierliebhaber wissen schon lange, wozu es führt, wenn Brauereien verschmelzen zu großen, weltweiten Konzernen. Das Ergebnis sind langweilige "Fernsehbiere" - die so heißen, weil sie landesweit in der Glotze beworben werden - von einem Durchschnittsgeschmack, der sich in Flensburg genauso gut verkaufen lässt wie in Bad Reichenhall. Die lassen sich rationell produzieren, man geht mit ihnen kein Risiko ein, und der Absatz scheint einigermaßen sicher zu sein. Das ist wichtig in einem schrumpfenden Markt. Denn der Bierkonsum geht zurück, Marktanteile gewinnt man praktisch nur noch durch Fusionen, und Wettbewerb findet bald nur noch innerhalb der Konzerne statt.

Das ist mehr als schade. Denn wo eigentlich macht Wettbewerb mehr Spaß als beim Essen und Trinken? Sind Hunger und Durst erst einmal gestillt, dann geht es um Genuss, und der wird durch Vielfalt erst schön. Biertrinker wussten das früher, als es noch jede Menge Kleinbrauereien gab, sowieso - und legten sich irgendwann auf ihre Lieblingsmarke fest. Das hieß dann in Hamburg zum Beispiel: "Holsten knallt am dollsten", oder in Wien: "Jedes Gösser gibt an Stösser." Es folgte die Phase der Konzentration und Rationalisierung, Holsten kam zu Carlsberg und Gösser zu Heineken, und ihre Biere wurden irgendwie stromlinienförmiger. Nirgendwo kann man diese Entwicklung besser beobachten als in München, das ja allein schon wegen des Oktoberfests als Hauptstadt des Bieres gilt.

Wobei das ja eigentlich ein schlechter Scherz ist. Auf der Wiesn sind bekanntlich nur Brauereien mit Sitz in München zugelassen. Die aber gehören bis auf zwei zur belgisch-brasilianischen AB Inbev oder zu einem Heineken-Schörghuber-Joint-Venture. Dort werden die Braumeister praktisch nur zum Oktoberfest mal von der Leine gelassen und dürfen dann ein Bier brauen, das den gängigen Weltmarktregeln nicht hundertprozentig entspricht. Danach heißt es wieder: Business as usual, zurück zur Einheitsware.

Einen Teil, den selbst Giganten nie für sich gewinnen können

In München gibt es freilich noch Hofbräu und Augustiner; die eine Brauerei gehört dem Land Bayern, die andere einer Stiftung. Das hat, trotz mancher Zugeständnisse an den Massengeschmack, den beide machen müssen, durchaus Vorteile. Zum Beispiel den des Wettbewerbs. Augustiner etwa scheint alles herzlich egal zu sein, was das moderne Brauwesen ausmacht. Man muss keine Investoren mit großen Dividenden beglücken, man macht keine Werbung, nicht auf Plakaten und schon gar nicht im Fernsehen. Und wenn man am Brauereigelände aus dem 19. Jahrhundert im Münchner Westend vorbeigeht, kann es tatsächlich passieren, dass man dort einen stämmigen Mann in Lederhosen ein leeres Holzfass vor sich herrollen sieht. Solche Dinge sind es, durch die "der August" gerade auch bei einem jüngeren Publikum zu dem wurde, was man eine Kultmarke nennt. Ähnlich übrigens wie das Tegernseer Helle, das man ebenfalls längst in Berliner Szeneclubs findet.

Während die großen Konzerne also immer größer werden und immer abwegigere Geschmacksrichtungen erfinden müssen, um überhaupt noch neues Publikum zu gewinnen, wächst den wenigen unabhängigen Brauereien neue Kundschaft zu. Ob jahrhundertealte Biertradition oder hippes Szene-Craft-Bier: Hauptsache, kein Massengeschmack. Es gibt eben einen - übrigens größer werdenden - Teil des Marktes, den Giganten nie für sich gewinnen können. Da empfindet man dann fast ein wenig Schadenfreude. Biertrinken ist eben nicht nur eine Frage des Durstes, sondern manchmal auch ein Plädoyer für Heimat und Wettbewerb. Und ein Akt der marktwirtschaftlichen Anarchie.

© SZ vom 14.10.2015

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