Griechenland:Es geht ums Rechthaben, es geht um Stolz

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Demonstrantin in Athen.

(Foto: dpa)

Das war eine Einigung mit Ach und Krach, eine Verhandlung mit geradezu kriegerischem Tonfall. Es geht in der griechischen Schuldenkrise längst um mehr als um Milliarden. Deshalb sollten alle Beteiligten schleunigst von ihrem hohen Ross herunterkommen.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Das war eine Einigung mit Ach und Krach, auf Biegen und Brechen. Oft kann man das nicht machen. Zustande kam der Kompromiss zwischen der Euro-Gruppe und Griechenland nur im Angesicht einer absehbaren Katastrophe. Man hätte sich die Pleite ausmalen können, wenn Athen in wenigen Tagen das Geld ausgegangen wäre für Lehrer, Finanzbeamte, Grenzschützer, Krankenschwestern, für Öl und Gas. In Europa gab es so etwas nur in Kriegszeiten.

Ein solches Unglück konnte sich nur wünschen, wer die Griechen dafür bestrafen will, dass sie so lange Politiker gewählt haben, denen das eigene Hemd näher war als die Zukunft ihrer Heimat. Es gibt durchaus auch Griechen, die das Chaos herbeisehnten, weil sie glauben, nur nach dem völligen Zusammenbruch könne das Land neu aufgebaut werden. Oder schlichter, weil sie Millionen ins Ausland gerettet haben, mit denen sich der große Reibach machen ließe, wenn die Politik die Macht an die Straße abgegeben hat. Das sind Visionen zum Fürchten.

Verloren hätten ohne Einigung auch die bisher so großzügigen Kreditgeber Griechenlands. Allein Deutschland hätte 60 Milliarden Euro abschreiben müssen, Italien fast 40. Ein Verzicht, bei dem jeder Finanzminister in Erklärungsnot kommt. Nun kann man argumentieren, Athen werde seine Schulden ohnehin nie begleichen, weshalb der Verlust sowieso hinzunehmen sei. Das ist aber keineswegs gewiss. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat in seinem Brief an die Euro-Gruppe auf die Forderung nach einem Schuldenschnitt verzichtet. Stattdessen ist er auf die Linie der konservativen Vorgänger eingeschwenkt, denen die Euro-Partner 2012 schon Hoffnungen auf Erleichterung bei Zins und Tilgung machten. Für diesen Rückzieher dürfte Varoufakis zu Hause noch geprügelt werden.

Die mühsame Einigung von Brüssel weist aber weit über den aktuellen Fall hinaus. Von Helmut Kohl, der gern das große Ganze im Blick hatte, stammt eine Mahnung, die im Verhältnis der europäischen Völker untereinander auch heute noch gilt. Im Umgang mit kleineren Nationen sei es ihm immer wichtig gewesen, nicht deren Stolz zu verletzen. Klein im Kohl'schen Sinne ist gewiss auch Griechenland.

Das Wort Stolz, eigentlich ein altmodischer Begriff fürs politische Geschäft, hat zuletzt wieder Karriere gemacht. Alexis Tsipras, 40 Jahre jung und als Regierungschef noch ein Lehrling, streut es so großzügig in seine Reden ein, wie ein verliebter Koch das Salz in die Suppe. Stolz, so Tsipras, könnten die Griechen sein, weil sie nun eine Regierung haben, die für ihre Sache kämpfe - auch bis zum Untergang.

Man mag solches Heldenpathos leichtsinnig oder lächerlich finden angesichts der dramatischen Lage. Aber Politik ist eben auch eine Gefühlssache, das weiß Angela Merkel im zehnten Jahr ihrer Kanzlerschaft genauso wie der Vier-Wochen-Premier Tsipras. Zu der Gefühlsmelange vieler Griechen gehören aber nun mal Wut und Enttäuschung. Die Wut richtet sich auf die eigenen Politiker, die in Brüssel und Berlin gern buckelten, aber daheim nur immer wieder ihre Freunde reich und den Staat arm machten.

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