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Gipfelstürmer-Salon:Was sie wollen

Eine Idee alleine reicht oft nicht, um erfolgreich zu gründen. Im Zollhof in Nürnberg erzählen Gründer ihre Geschichte.

Michael Schmutzer mag diese Telefonzellen in Großraumbüros nicht, in die sich Menschen zurückziehen sollen, um ungestört zu telefonieren. "Wenn ich das will, kann ich auch auf die Straße gehen und auf- und ablaufen", sagt er. Schmutzer ist Gründer von Design Offices, er vermietet Raum zum Arbeiten an Einzelkämpfer und an Teams. Einige bleiben Wochen, andere Monate. Den Begriff "Großraum" benutzt Schmutzer allerdings nicht. Großraum ist ein Old-Work-Wort. Er redet lieber über Co-Working, New Work und "flexible Arbeitslandschaften", in denen Menschen arbeiten und sich begegnen.

Schmutzer ist Anfang 50. Seine Lehre im Möbelhandel hat er noch in der alten Arbeitswelt gemacht. Eine Weile hat er in der Versicherungsbranche gearbeitet, dann eine Beratung für Immobilienfirmen aufgebaut. "Zwei Immobilienkrisen habe ich schon überlebt", erzählt er beim ersten Gipfelstürmer-Salon des Jahres im Nürnberger Gründerzentrum Zollhof, bei dem Gründer ihre wechselvollen Geschichten erzählen. "Erst als wir alles verloren hatten, waren wir bereit, umzudenken", sagt Schmutzer. Das war 2008. Die Immobilienblase in den USA war geplatzt, die US-Bank Lehman pleite, die Welt trudelte in eine schwere Wirtschaftskrise. Und Schmutzer gründete Design Offices. Nach 70 Millionen Euro Umsatz mit rund 500 Beschäftigten im vergangenen Jahr peilt Schmutzer für das laufende 100 Millionen Euro an.

Den Zollhof gibt es seit 2017. Die Idee hatte Benjamin Bauer, heute Geschäftsführer des Gründerzentrums: "Wir wollen Start-ups helfen, auf den Markt zu kommen, die ersten Kunden zu finden und die ersten Investments", sagt Bauer. Und vorher? "Wir hatten hier keine Gründerkultur, die entstand erst mit dem Zollhof", sagt Kwthaman Mahadevan. Er erschließt für die Firma Smart City System neue Märkte.

Das Start-up begann im Zollhof und arbeitet inzwischen von Fürth aus daran, private und öffentliche Parkplätze und -häuser besser auszulasten. Es liefert dafür die Hard- und Software. Bodensensoren erfassen, ob Stellflächen belegt oder frei sind, eine Software wertet die Daten aus. Händler können so sehen, ob ihre Parkplätze wirklich durch die Kunden voll ausgelastet sind oder sie einen Teil davon dauervermieten könnten. Städte können mit dem System Autofahrer zu freien Ladesäulen lotsen. Das Start-up beschäftigt rund 45 Mitarbeiter. Mittlerweile habe Smart City System mehr als 43 000 Stellflächen digitalisiert. "Wir machen Gewinn", sagt Mahadevan.

Anna Yona fand ihren Markt in der eigenen Familie. Beim Studium in Israel lernte sie ihren Mann Ran kennen, einen Sporttherapeuten. Ihre drei Kinder wuchsen auf dem Land bei Haifa auf, wo sie dank des milden Klimas den ganzen Tag barfuß laufen konnten. 2013 zog die Familie ins kalte Deutschland. Die Kinder brauchten Schuhe. Aber es gab keine, die sie mochten. Schuhe, die sich anfühlten, als würde man barfuß laufen. Leicht, weich und flexibel sollten sie sein, mit einer dünnen Sohle, durch die man den Boden spüren kann. 2015 gründete das Paar die Firma Wildling mit Sitz in Engelskirchen im Bergischen Land. Eigentlich sitzt die Firma aber überall. Die Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus, alle paar Wochen trifft man sich. Die Schuhe verkauft Wildling im eigenen Online-Shop. Produziert wird in Portugal. 2019 hat die Firma 140 000 Paar Schuhe verkauft und 125 Mitarbeiter beschäftigt.

Gipfelstürmer-Salon

SZ-Korrespondent Uwe Ritzer diskutiert mit Michelle Skodowski, Kwthaman Mahadevan, Anna Yona und Michael Schmutzer (v. re.) im Zollhof in Nürnberg.

(Foto: Julia Neumann/oh)

Michelle Skodowski treiben in Würzburg ganz andere Ideen um. Schon während des Studiums gründete sie 2017 mit drei Kommilitonen Botfriends. Die Firma entwickelt individuelle Chatbots und Sprachassistenten, die Fragen von Kunden an Unternehmen besser verstehen und beantworten. Botfriends will mit Hilfe künstlicher Intelligenz die Kommunikation automatisieren. Zu den Kunden zählen Porsche, Bosch und die Telekom. Mittlerweile beschäftige Botfriends gut 20 Mitarbeiter. Der Umsatz liege im "hohen sechsstelligen Bereich", sagt Skodowski. Es soll aber nicht bei den Chatbots bleiben. "Wir haben jetzt angefangen, Plattformen zu bauen, über die Firmen alle ihre Chatbots managen können und Softwarelizenzen verkaufen", erklärt Skodowski. Bislang finanziere sich Botfriends selbst. Um schneller zu wachsen, brauche es aber wohl einen Investor.

Alle auf dem Podium beschäftigt die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist, einen fremden Geldgeber an Bord zu holen. Smart City System kam bislang ohne aus. "Wir waren nicht darauf fokussiert, schnell Investoren reinzuziehen", sagt Kwthaman Mahadevan: "Wir wollten Kunden finden, die uns bezahlen." Wie viele Start-ups will auch Smart City System sein Geschäftsmodell "skalieren", also schnell wachsen und Märkte besetzen. Das geht irgendwann vielleicht nicht ohne fremdes Geld. "Aber wir sind extrem vorsichtig, wer investieren möchte", sagt Mahadevan. Wer Geld gegen Anteile gibt, will meistens mitreden.

Auf dem Küchenbuffet stehen Auszeichnungen, die das Gründerzentrum bekommen hat.

(Foto: Elisabeth Dostert)

Michael Schmutzer hat mit dem Kölner Immobilienunternehmen Art-Invest Real Estate und der Münchner Beteiligungsfirma EMH Partners bereits zwei Investoren. Und er hat noch viel vor. "Wir wollen die Nummer eins in Europa für flexible Workspaces werden." Auch Anna Yona hat auch schon Gespräche geführt: "Wir waren damals unsicher, ob das, was wir da angefangen haben, auch stemmen können." Doch die Fragen des Investors gefielen ihr nicht: Warum produziert ihr nicht in Asien? Da wäre es billiger und die Marge größer. Warum beliefert ihr nicht den Fachhandel? Sie und ihr Mann Ran hätten viel aufgeben müssen für "eine gefühlte Sicherheit". Die Yonas wollen zeigen, dass man nachhaltig Schuhe produzieren kann. Also haben sie auf einen Investor von außen verzichtet. "Eine gute Idee haben, ein Start-up gründen, einen Investor finden, einen Exit machen und du bist reich", der einfache Algorithmus, dem viele Gründer folgen, ist nicht ihr Ding.

Zum fünften Mal schreibt die SZ den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Die Finalisten pitchen im November beim SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin. Die SZ begleitet den Wettbewerb mit Salons in ausgewählten Städten. Mehr unter www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer

© SZ vom 20.02.2020
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