Gipfelstürmer Der Datenschatz im Keller

Ein Berliner Start-up will Stromkunden mit intelligenten Zählern zu mündigen Verbrauchern machen. Wichtig ist dabei die digitale Technik.

Von Stephan Radomsky, Berlin

Christian Bogatu will von unten her in die Häuser der Deutschen. Durch den Keller, genauer gesagt durch die Stromleitung in den Stromzähler. Da setzen Bogatu, 42, und sein Partner Daniel von Gaertner, 33, mit ihrem Start-up Fresh Energy an: Sie wollen die alten, "dummen" Stromzähler ersetzen durch intelligente Geräte. Neben grünem Strom sollen die Kunden so einen detaillierten Überblick erhalten, wann in ihrem Haushalt wie viel Strom verbraucht wird - und von wem.

Intelligente Stromzähler, sogenannte Smart Meter, gelten als ein zentraler Bau-stein für die Energiewende. Mit ihrer Hilfe, so die Vision, ließen sich die Schwankungen erneuerbarer Stromquellen wie Wind und Sonne ausgleichen, indem beispielsweise dann die Waschmaschine anspringt, wenn gerade viel Strom verfügbar ist. Zugleich sollen die Anlagen beim Stromsparen helfen, weil sie aufzeigen können, wo im Haus die größten Verbraucher sitzen.

"Wenn man Technik einsetzt, gibt es immer die Möglichkeit, damit auch Schaden anzurichten."

Das mit der Fernsteuerung der Hausgeräte ist noch Zukunftsmusik. Fresh-Energy-Chef Bogatu betont deshalb lieber den greifbaren Nutzen seines Angebots: Das Smart Meter liefere nicht nur den aktuellen Stromverbrauch auf eine Handy-App, sondern ermögliche beispielsweise auch monatlich exakte Rechnungen statt der bisherigen Abschlagszahlung. Die Nachzahlung zum Jahresende wäre damit passé.

Eigentlich haben es Bogatu und Gaertner aber gar nicht auf den Strom abgesehen. Der ist nur Mittel zum Zweck: "Wir liefern Energie wie jeder andere Versorger - aber wir wollen viel mehr", sagt Bogatu. "Im Kern geht es um die Daten, die liefern uns und den Kunden den Mehrwert."

Das Smart Meter meldet die Verbrauchsdaten des Kunden ständig an Fresh Energy. Dort werden die Informationen durch eine künstliche Intelligenz ausgewertet, die das Start-up gemeinsam mit dem IT-Konzern IBM entwickelt. Diese Erkenntnisse sind das eigentlich Interessante. Mit ihrer Hilfe will Fresh Energy zusätzliche Dienste anbieten: Verbraucht beispielsweise der alte Kühlschrank viel zu viel Strom, könnte der Kunde per App einen Hinweis bekommen - samt Angebot für ein neues Gerät. Greift er zu, bekäme Fresh Energy eine Provision. Oder ältere Menschen könnten ihre Verwandten alarmieren lassen, wenn der Stromverbrauch vom gewohnten Muster abweicht. Sie könnten ja gestürzt sein und hilflos in der Wohnung liegen. Solch einen Dienst ließe sich Fresh Energy vom Kunden bezahlen.

Intelligente Stromzähler liefern Daten, die auch per Smartphone abgerufen werden können.

(Foto: Fresh Energy)

Zudem wollen Bogatu und Gaertner ihre Technologie nicht allein für sich. Auch Stromkonzerne oder Stadtwerke können sie nutzen und unter eigener Marke vertreiben. Fresh Energy übernimmt dann gegen Gebühr die Datenverarbeitung und technische Abwicklung. Gerade liefen dazu die ersten beiden Partnerschaften mit "sehr großen Stromversorgern" an, sagt Bogatu. Namen will er noch nicht nennen.

Mit den Großen der Branche kennen sie sich aus bei Fresh Energy, das Start-up stammt selbst aus dem RWE-Konzern. Entwickelt wurde die Idee bei dessen Ökostrom-Tochter Innogy. Im November 2016 war das Produkt fertig und startete am Markt, im April 2017 wurde Fresh Energy dann von Bogatu und Gaertner ausgegründet. Bisher hält RWE mehr als 60 Prozent, derzeit laufe aber eine neue Finanzierungsrunde, durch die der RWE-Anteil auf etwa 40 Prozent sinken werde, sagt Bogatu. Und das sei richtig so: "Wenn ein Konzern zu sehr an einem Start-up festhält, ist das meistens nicht gut für den Erfolg."

Wie das geht, erst gründen und dann loslassen, weiß Bogatu selbst ziemlich gut. Mit dem Studium der Energie- und Verfahrenstechnik in der Tasche ging der Berliner ins Silicon Valley und gründete eine Firma für Logistiksicherheit. Weil es dort und in anderen Projekten anfangs aber nicht recht lief, heuerte er für fünf Jahre als Berater bei McKinsey an, bevor er sich wieder seiner Logistikfirma zuwandte - und schließlich doch Erfolg hatte. 2011 wechselte er in den Aufsichtsrat und gründete kurz darauf Kiwi. Das Start-up hat sich auf elektronische Türöffner spezialisiert, die keinen Schlüssel mehr brauchen. Auch dort ist Bogatu inzwischen vom Management in den Aufsichtsrat gewechselt.

Bis Ende des Jahres will er nun insgesamt 100 000 Endkunden auf der Plattform von Fresh Energy haben. Sie alle sollen dann aus ihren Kellern Daten liefern, Daten, die viel verraten über ihr Leben: Wann sie aufstehen, wann sie Kaffee kochen, das Haus verlassen und wieder zurückkommen, wann sie kochen, fernsehen und ins Bett gehen. Wann sie im Arbeitsalltag stecken und wann sie im Urlaub sind.

So viel intime Information weckt Ängste. Wer erfährt von den Gewohnheiten? Wer weiß, wann niemand daheim ist? Und lassen sich die Smart Meter manipulieren? "Wenn man Technik einsetzt, gibt es immer die Möglichkeit, damit auch Schaden anzurichten", gesteht Bogatu ein. Das schlimmstmögliche Szenario hat Marc Elsberg in seinem Roman "Blackout" ausgemalt: Hacker legen die Stromversorgung in ganz Europa lahm, indem sie die intelligenten Stromzähler manipulieren. Die Folgen: Unruhen, Panik, Chaos. Das Buch steht auch im Büro von Fresh Energy auf dem Regal, und Bogatu erzählt, er tausche sich regelmäßig mit Elsberg aus.

(Foto: )

Dass seine Smart Meter in solch eine Katastrophe führen könnten, bestreitet er aber. Es sei beispielsweise ausgeschlossen, dass die Geräte den Strom kappen, weil sie ein Softwareproblem haben. Außerdem funktionierten sie nur in eine Richtung: Sie sendeten ihre Daten an Fresh Energy, Befehle von außen nähmen sie nicht an. "Wir legen unsere Technik so aus, dass sie nur das kann, was die Kunden auch wollen", sagt Bogatu. Das minimiere das Risiko.

Trotzdem bleibt ein Restrisiko, das wissen sie auch bei Fresh Energy. Das Start-up arbeitet deshalb mit Programmierern zusammen, die gezielt nach Schwachstellen suchen. Bald will Bogatu dafür auch eine Belohnung ausloben - so wie bei seinem Türschloss-Start-up Kiwi. "Wir mussten dort aber noch nie signifikante Summen auszahlen", sagt er. Und bei Fresh Energy rechnet er offensichtlich auch nicht damit.