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Gespräch mit Bau-Präsident Keitel:"Rückkehr zum Staatsdenken"

Bau-Präsident Hans-Peter Keitel über die Folgen der Finanzkrise und öffentliche Hilfsaktionen.

Es kommt mehr Arbeit auf Hans-Peter Keitel zu. Noch führt er den Hauptver-band der deutschen Bauindustrie. Aber schon zum Jahreswechsel soll er, wenn die Mitglieder Ende November zustimmen, Jürgen Thumann als Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) ablösen. Bis zur Bundestagswahl im Herbst 2009 bleiben dem Neuen nur wenige Monate, um den Belangen der Industrie in der Politik wieder stärker Gehör zu verschaffen. Am Bau sind Keitel zufolge derzeit noch keine Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren. Gleichwohl glaubt er zu fühlen, dass sich die Lage verschlechtern wird. Die staatliche Bürgschaft für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hält der ehemalige Vorstandschef und jetzige Aufsichtsrat des Baukonzern Hochtief für gerechtfertigt.

Der künftige BDI-Präsident Hans-Peter Keitel befürchtet schwere Auswirkungen der Finanzkrise auf die Bauwirtschaft.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Herr Keitel, in Deutschland geht die Angst um, dass die Finanzkrise in einen schweren Abschwung mündet. Für wie groß halten Sie diese Gefahr?

Hans-Peter Keitel: Für die Baubranche, die ich derzeit noch vertrete, kann ich sagen: Die Konjunkturdaten lassen noch keine Auswirkungen erkennen. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Umsatzplus von real einem Prozent, die Preissteigerungen also bereits abgezogen. Im nächsten Jahr könnte es noch ein halbes Prozent Zuwachs geben.

SZ: Und dann?

Keitel: Eine seriöse Prognose kann derzeit niemand wagen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Lage sich weiter verschlechtern wird. Dass die Finanzkrise eine solche Größenordnung und eine solche Ausbreitung nehmen würde, hatte niemand erwartet, auch ich nicht.

SZ: Mit der Hypo Real Estate wankt einer der größten gewerblichen Immobilienfinanzierer. Halten Sie es für richtig, dass der Staat sich mit Steuergeldern an der Rettung beteiligt?

Keitel: In dieser Situation schon, so sehr man in Anbetracht solcher Summen auch die Luft anhalten muss. Ich bin überzeugt, keiner tut das leichten Herzens - auch kein Politiker. Ich zitiere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: Wenn jemand auf der Intensivstation liegt, hat es keinen Sinn, über Rehabilitation zu reden, da muss notoperiert werden. Dem schließe ich mich an. Die Bundesregierung handelt auf jeden Fall verantwortungsbewusster als der amerikanische Gesetzgeber, wo das Ganze zum Wahlkampfthema verkommt. Entweder man macht so etwas schnell oder es ist zu spät.

SZ: Aber einen souveränen Eindruck machen die deutschen Politiker und Manager, wie gerade das Hin und Her in den vergangenen Tagen um die Rettung der Hypo Real Estate zeigt, auch nicht. Ist das Führungsstärke?"

Keitel: Sicherlich ist es nur schwer verständlich, warum die Manager der Hypo Real Estate die "Karten" nicht von vornherein auf den Tisch gelegt haben. Vielleicht hat es hier an der notwendigen Transparenz im eigenen Konzern gefehlt. Der Politik und der Kreditwirtschaft als Ganzes daraus aber einen Vorwurf zu machen, wäre sicher nicht fair. Immerhin ist innerhalb von wenigen Stunden eine neue Auffanglösung gefunden worden. Denn - schaut man sich die Rolle der Hypo Real Estate im Bereich der Gewerbeimmobilienfinanzierung, der Finanzierung staatlicher Investitionen und auf dem Pfandbriefmarkt an - hat es zur Rettung dieser Bank wohl keine Alternative gegeben.

SZ: Aber die Summen rauben einem doch den Atem. Da feilscht die Koalition Monate und Jahre um ein, zwei oder drei Milliarden Euro mehr für eine Investition in soziale Projekte oder die Infrastruktur. Und dann werden insgesamt 50 Milliarden Euro für eine Bank zur Verfügung gestellt, davon sind 35 Milliarden Euro verbürgt.

Keitel: Die Brandmauer, die da gezogen wurde, ist schon gewaltig. Sehr viele davon kann man nicht ziehen. Immerhin: Die 35 Milliarden Euro sind keine Investition, sondern eine Bürgschaft, und der Staat bürgt dabei für 26 Milliarden Euro.

SZ: Aber im Notfall muss der Bürge zahlen!

Keitel: Ich gehe davon aus, dass man sehr genau darüber nachgedacht hat, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Ausfallbürgschaft behaftet ist und welche Vermögenswerte vorhanden sind. Diese Lösung ist allemal besser als eine Verstaatlichung. Es behauptet ja niemand, dass es auf ein paar Milliarden Euro mehr oder weniger nicht mehr ankäme. Aber es handelte sich um eine Notlage, da war die Notoperation gerechtfertig. Der Alltag bleibt deshalb immer noch gleich schwierig und da muss ich nach wie vor sorgfältig prüfen, dass jede Million und jeder Euro vernünftig ausgegeben ist.

SZ: Die Banken müssen jetzt sparen. Gibt es in der Bauindustrie schon Engpässe bei der Finanzierung?

Keitel: Es sieht nicht so aus, als würden Kreditströme versiegen. Wir wissen aus Umfragen und Nachfragen bei Kreditinstituten und Unternehmen, dass bei den Mittelständlern die Kreditvergabe nicht anders oder schwieriger läuft als vorher. Die Kreditvolumina der Sparkassen, aber auch der privaten Banken sind im vergangenen halben Jahr sogar gestiegen.

SZ: Also alles bestens!

Keitel: Nein. Bei den steuerlich und rechtlich sehr komplexen strukturierten Finanzierungen, an denen ja meist mehrere Geldgeber beteiligt sind, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit Probleme geben. Da geht es um viel größere Beträge. Bei solchen Finanzierungen werden die Geldgeber künftig genauer hinschauen. Das ist ein normales Wettbewerbsverhalten. Wenn ich etwas auf die Finger gekriegt habe, ist mein Risikocontrolling einfach ein bisschen schärfer. Die Finanzkrise wird dazu führen, dass öffentlich-private Projekte künftig anders finanziert werden als bisher.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich die Finanzkrise auf die sogenannten Private Public Partnership Projekte auswirken wird - und was das für die Bauwirtschaft bedeutet.