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Geplante Reichensteuer in Frankreich:Auch berühmte linke Franzosen ziehen ins Ausland

Von dem "Chef eines Pariser Großkonzerns" heißt es, er habe drei amerikanische Topmanager rekrutiert, die es alle bevorzugt hätten, sich aus Steuergründen nicht in Frankreich niederzulassen, sondern im benachbarten Ausland. "Die füllen jetzt die Kassen anderer Staaten." Ein anderer sagt: "Unmöglich noch eine ausländische Führungskraft davon zu überzeugen, nach Frankreich zu ziehen." Die konservative Tageszeitung Le Figaro schlussfolgert, dass der Spitzensteuersatz ein hervorragender Anreiz dazu ist, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.

Was feststeht und nicht nur auf Gerüchten basiert, ist, dass viele der berühmtesten Franzosen seit Jahren im Ausland leben, um weniger Steuern zu zahlen. Vor allem die Schweiz ist ein begehrtes Refugium. Dort hat sich fast die gesamte Familie Lacoste niedergelassen, ebenso wie Rennfahrer Alain Prost, die Sänger Charles Aznavour und Johnny Hallyday sowie Schauspieler Alain Delon. Pikanterweise findet sich auch der dezidiert linke Tennis-Veteran Yannick Noah darunter. Trotzdem bleibt er einer der beliebtesten Franzosen.

Anders als diese Promis bunkern die meisten Reichen ihr Vermögen nur in den Alpen, ohne selber dorthin zu ziehen. Ein Drittel von 600 Milliarden Euro, "die Frankreich fehlen", lagere in der Schweiz, schreibt Autor Antoine Peillon in einem Buch, mit dem er dieser Tage in Frankreich Furore macht ("Ces 600 milliards qui manquent à la France"). Insgesamt hätten 200 000 Franzosen ihr Geld über Auslandskonten am Fiskus vorbeigeschleust. Das Finanzministerium schätzte 2010 die Anzahl der Auslandskonten auf 77.000. Der Rechnungshof bezifferte die Höhe der entgangenen Steuereinnahmen zuletzt auf 30 bis 40 Milliarden im Jahr. Das entspricht Peillons Schätzungen, niemand kennt aber die genaue Summe.

Peillon zieht eine ernüchternde Bilanz: Der abgewählte Staatspräsident Nicolas Sarkozy habe mehrmals beteuert, die Steueroasen seien nun endgültig ausgetrocknet. In Wirklichkeit gehe es ihnen "so gut wie nie". Der Autor kritisiert nach jahrelangen Recherchen zudem massiv einzelne Banken und Politiker. Die Schweizer UBS-Bank, sagt er, habe ihr gesamtes Geschäftsmodell auf Steuerflucht ausgerichtet. Niemand brauche aber Repressalien zu fürchten. Die Reichen seien die wichtigsten Sponsoren einzelner politischer Parteien, so wie der UMP von Sarkozy.

Immerhin hat die 75-Prozent-Steuer auch eine Debatte über soziale Gerechtigkeit und die politische Ohnmacht gegen Steuerflucht angefacht. Dabei tritt sie vielleicht nie in Kraft.

© SZ vom 08.08.2012/fran

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