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Gentechnik:Weder Teufelszeug noch Allheilmittel

Experimente mit Zitronen: An der Universität von Florida werden Zitruskeimlinge für die Geneditierungsforschung verwendet.

(Foto: Federica Narancio/AP)

Die meisten Deutschen lehnen Gentechnik im Essen ab. Doch die Technologie hat sich weiterentwickelt - und das verlangt eine Neubewertung. Vorbehalte lassen sich nur ausräumen, wenn Agrarindustrie und Gegner aus früheren Fehlern lernen.

Essay von Silvia Liebrich

Mit großen Entdeckungen ist es so eine Sache. Im besten Fall fällt der Applaus riesig aus wie etwa beim ersten Heißluftballon. Läuft es nicht so gut, bleibt der Fund erst einmal unbeachtet. So erging es dem Augustinermönch Gregor Johann Mendel, als er vor mehr als 150 Jahren gelbe und grüne Erbsen kreuzte und Erstaunliches herausfand. Was genau, das lernen inzwischen die meisten Kinder in der Schule. Mit den mendelschen Regeln der Vererbung bereitete der Gottesmann - ohne es je zu erfahren - einem neuen Wissenschaftszweigs den Weg: der Gentechnik.

Kaum eine Technologie ist heute so umstritten, vor allem, wenn es um Landwirtschaft und Ernährung geht. Mehr als zwei Drittel der Deutschen lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel entschieden ab, nur ein Fünftel befürwortet sie. In vielen anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus. Händler haben solche Produkte, die entsprechend gekennzeichnet werden müssten, deshalb weitgehend aus den Ladenregalen verbannt. Anders sieht es etwa in den USA aus, auch weil es dort keine allgemeine Kennzeichnungspflicht gibt. Verbraucher wissen schlicht nicht, was da genau auf den Teller kommt.

In Deutschland könnte der Graben zwischen Kritikern und Befürwortern kaum tiefer sein. Was die einen als Teufelszeug verdammen, feiern andere als Allheilmittel für die großen Probleme der Menschheit: die Ernährung einer wachsende Weltbevölkerung und die Folgen der Klimakrise. Klar ist: Weder das eine noch das andere ist richtig.

Die Biotechnologie, zu der die Gentechnik zählt, gilt als vielversprechendes Forschungsfeld der Zukunft, aber eben auch als Milliardenmarkt für die Agrarindustrie und Pharmakonzerne. Das weckt Begehrlichkeiten und schürt Konflikte.

In den vergangenen Jahren hat sich in der Forschung viel getan. So erlaubt es etwa die sogenannte Genschere, bestimmte DNA-Sequenzen im Erbgut einer Pflanze punktgenau zu bearbeiten. Ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zur unpräzisen Genkanone, einem Gerät, das dazu dient, DNA mithilfe von Partikeln in Zellen zu schießen.

Ein Vorteil der neuen Methoden liegt darin, dass sich damit die Entwicklung einer neuen Pflanzensorte auf fünf Jahre und weniger senken lässt. In der konventionellen Zucht können zehn bis fünfzehn Jahre vergehen bis zur Marktreife einer neuen Getreide- oder Gemüsepflanze. Verfügt etwa eine Weizensorte über Gene, die die Pflanze resistenter gegen Pilzkrankheiten macht, kann genau dieser Baustein präzise in eine andere, zum Beispiel ertragreichere Sorte eingebaut werden. Landwirte könnten so gute Ernten einfahren und müssten weniger Pestizide einsetzen. Sicher ist auch, dass Nahrungspflanzen, die besser mit Trockenstress und anderen extremen Wetterverhältnissen klarkommen, aber dennoch gute Erträge liefern, immer wichtiger werden.

Trotzdem ist Vorsicht geboten. Die neuen Gentechnikmethoden werden die grundsätzlichen Probleme der Landwirtschaft nicht automatisch lösen, etwa den zu hohen Einsatz von Pestiziden, das Überdüngen der Felder, den Raubbau an Wasserreserven sowie die Erosion der Böden. Sie haben genau das in Vergangenheit mitunter sogar gefördert. Die Landwirtschaft selbst muss sich grundlegend ändern, sie muss wieder natürlicher werden und die Grenzen respektieren, die ihr Umwelt und Klima setzen. Auch Forschung und Saatgutfirmen müssen sich an diesen Prinzipien orientieren.

Jede Technologie birgt Chancen und Risiken

Umso wichtiger ist eine grundsätzliche Neubewertung der Gentechnik, auch um alte Denkmuster aufzubrechen, überkommene Vorurteile zu beseitigen und neue Chancen zu nutzen. Das ist im Oktober mit dem Chemie-Nobelpreis für die Entdecker der Genschere Crispr-Cas einmal mehr deutlich geworden. Enthusiastisch fiel der Jubel in der Wissenschaft und in der Agrarindustrie aus. Groß war das Entsetzen bei Gentechnikgegnern wie Umweltschützern und Bioverbänden. Die Fronten sind verhärtet.

Fest steht: Jede Technologie birgt Chancen und Risiken, und sie kann missbraucht werden. Das beste Beispiel dafür ist der schwedische Chemiker und Preisstifter Alfred Nobel. Mit der Erfindung von Dynamit wollte er Bergleuten und Rohstofffirmen die Arbeit erleichtern. Nicht verhindern konnte er, dass sein Sprengstoff auch als grausame Waffe eingesetzt wurde und wird. Der Nobelpreis muss deshalb auch als Mahnung verstanden werden.

Nicht alles, was in der Wissenschaft möglich ist, sollte auch tatsächlich so passieren. Es geht dabei auch um wichtige ethische Fragen, über die eine offene Gesellschaft debattieren muss. So eröffnet die Genschere auch in der Medizin neue Möglichkeiten. Weltweites Entsetzen löste vor wenigen Jahren die Nachricht eines chinesischen Wissenschaftlers aus, dass durch sein Zutun die ersten gentechnisch veränderten Babys zur Welt gekommen seien. Damit war selbst für Chinas Führung, die der Gentechnik sonst sehr aufgeschlossen gegenüber steht, eine rote Linie überschritten.

In der Landwirtschaft können gentechnisch veränderte Sorten unerwünschte Nebenwirkungen haben. Beispiel dafür ist etwa ein Mais mit Insektenresistenz. Er produziert ein giftiges Eiweiß, das auf bestimmte Insekten tödlich wirkt. Das Problem dabei ist, nicht nur der direkte Schädling wird vernichtet, sondern auch andere Insektenarten. Die Pflanze trägt so zum Verlust der Artenvielfalt bei. Dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert mit wild vorkommenden Sorten kreuzen könnten, ist ein weiteres Risiko. Ein Prozess, der in der Regel unumkehrbar ist.

Agrarkonzerne müssen ihre Geschäftspolitik ändern

Es steht außer Frage, dass neue Sorten, die etwa mithilfe der Genschere entstehen, gründlich geprüft werden müssen, bevor sie im großen Stil angebaut werden dürfen. Eine sorgfältige Prüfung haben militante Genetechnikgegner in der Vergangenheit in Deutschland immer wieder mit brachialer Gewalt verhindert, indem sie Versuchsfelder über Nacht verwüsteten. Firmen sahen sich schließlich gezwungen, ganze Forschungsabteilungen aus Europa abzuziehen und etwa nach Südamerika zu verlegen. Was eine direkte Kontrolle durch europäische Behörden unmöglich macht.

Vor allem aber müssen große Agrarkonzerne ihre Geschäftspolitik ändern. Sie sollten die Berührungsängste der Verbraucher ernst nehmen und sie mit guten Argumenten entkräften. Auch sie stehen in der Verantwortung. Das gilt insbesondere für den deutschen Bayer-Konzern, der mit dem Kauf des US-amerikanischen Konkurrenten Monsanto den größten Anbieter von Gentech-Saatgut übernommen hat, und mit ihm auch dessen schlechtes Image und Altlasten, wie die Milliardenklagen in den USA im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter Glyphosat.

Monsanto hat wesentlich zum schlechten Ruf der Gentechnik beigetragen. Das Unternehmen hat die Technik vor allem zur eigenen Gewinnmaximierung genutzt, zulasten von Bauern und Umwelt. Einen großen Teil seines Umsatzes erwirtschaftete Monsanto mit Saatgut, das resistent gegen Mittel wie glyphosathaltiges Roundup ist. Der Konzern verdiente so gleich doppelt, an den Chemikalien und an teurem Saatgut. Viele Farmer, nicht nur in den USA, sind dadurch in eine fatale Abhängigkeit geraten. Sie können nicht einfach wieder auf normales Saatgut umsteigen, sie haben ihre gesamte Produktionsweise auf Gentech-Saatgut umgestellt und viel investiert.

Was die Welt wirklich braucht, ist eine Vielfalt an Saatgut, das den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln überflüssig macht, das auch unter schwierigen Bedingungen verlässliche Erträge liefert, das dem Schutz der Arten dient und nebenbei hilft, CO2 in Böden zu speichern.

Ein großer Fehler wäre es, wenn die Industrie neue Gentechnik-Methoden nutzen darf, um auf jede ihrer Neuzüchtung einen Patentschutz zu legen, allein mit dem Ziel, das Saatgut teurer zu verkaufen und womöglich Konkurrenten aus dem Geschäft zu drängen. Zwar dürfen Pflanzen in der EU nicht patentiert werden. Das gilt aber nur, wenn sie traditionell gezüchtet wurden, sobald Technologien wie die Genschere ins Spiel kommen, lässt sich dieses Verbot aushebeln.

Die traditionelle Pflanzenzucht hätte unter solchen Bedingungen vermutlich keine Zukunft mehr, viele kleine und mittelständische Züchter wären vom Aus bedroht. Sie dürfen nicht schlechter gestellt werden als die großen in der Branche. Sonst würde einer Monopolisierung des Saatgutmarktes weiter Vorschub geleistet. Schon jetzt beherrschen drei Konzerne mehr als 60 Prozent des weltweiten Marktes für kommerzielles Saatgut und Agrarchemikalien: Bayer-Monsanto, Dow-Dupont und Chemchina-Syngenta.

Damit liegt die Ernährungsgrundlage künftiger Generationen in der Hand einiger weniger mächtiger Firmen. Das birgt unkalkulierbare Risiken für die gesamte Menschheit. Der Saatgutmarkt braucht wieder mehr Vielfalt, weil genau das wichtig ist, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu sichern. Es ist Aufgabe der Politik und des Gesetzgebers, hier genau hinzuschauen und lenkend einzugreifen.

Wirtschaft und Gentechnik-Kritiker wiederum müssen bereit sein, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, wenn die umstrittene Technologie auch in Europa Akzeptanz finden soll. Der Einsatz von gentechnischen Methoden muss grundsätzlich transparent gemacht werden. Das schließt auch eine entsprechende Kennzeichnung von Lebensmitteln ein. Verbraucher müssen auch in Zukunft die Wahl haben, ob sie solche Produkte essen wollen oder nicht.

Fest steht, Forschung ist ein entscheidender Faktor, um die Menschheitsprobleme der Zukunft zu bewältigen. Denkverbote sind da nicht hilfreich, das haben auch Gentechnikgegner inzwischen verstanden. Deutlich wurde dies zuletzt beim Parteitag der Grünen. In ihrem Grundsatzprogramm sprach sich die Partei erstmals für Forschungen in der Gentechnik aus. Damit ist der Weg freigemacht für eine differenzierte sachliche Debatte.

Was der Augustinermönch Mendel zum Streit um die Gentechnik sagen würde, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Tatsächlich war Mendel einerseits ein Mann Gottes, der die Ängste und Sorgen seiner Mitmenschen ernst nahm, andererseits aber auch ein Forschergeist. Schon als Kind lernte er Obstbäume zu veredeln. Später studierte er neben Theologie auch noch Ökonomie, Weinbau und Obstbaumzucht. Vielleicht würde Mendel versuchen, die Konfliktparteien auszusöhnen. Es wäre an der Zeit dafür.

© SZ
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