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"Gender Data Gap":Männer, Macht und glatte Gehwege

Viele Frauen im Zuschauerraum, das gibt es nicht häufig in Davos - hier bei einem Vortrag von Jane Goodhall 2019.

(Foto: Patrick Somelet/Photographe +330)

Das Buch "Unsichtbare Frauen" der Feministin Caroline Criado-Perez passt gut zu Davos: Nur jeder vierte Teilnehmer ist weiblich.

Wenn man großzügig rundet, hat sich der Zustand der Welt auch 2020 wieder ein bisschen verbessert. Jede vierte Person, die das Weltwirtschaftsforum in Davos dieses Jahr besucht, wird eine Frau sein. Im Vorjahr war nur jeder fünfte Teilnehmer eine Teilnehmerin. Der Fortschritt sieht in Prozent ausgedrückt kleiner aus: Der Anteil der Frauen steigt laut Veranstalter von 22 auf 24 Prozent, sie bleiben also deutlich in der Minderheit. Es wird in Davos wieder Gesprächsrunden geben, in denen nur Männer mit Männern reden.

Die britische Autorin und Feministin Caroline Criado-Perez hat ein Buch geschrieben, das gut zu Davos passt. Es heißt "Unsichtbare Frauen". Die Financial Times wählte es zum Wirtschaftsbuch des Jahres 2019, im Februar erscheint es auch auf Deutsch. Criado-Perez überträgt darin den Ausspruch von Simone de Beauvoir, die Vorstellung von der Welt sei ein Produkt der Männer, in das digitalisierte, datengetriebene 21. Jahrhundert. Die männliche Perspektive sei die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, über Frauen werde nicht geredet - sie seien mitgemeint. Die Welt werde von Männern für Männer designt, schreibt Criado-Perez: "Das Fehlen der weiblichen Perspektive befördert eine unabsichtliche Verzerrung zugunsten der Männer, die sich selbst - oft ohne böse Absicht - als 'geschlechterneutral' begreifen."

Das gilt besonders, wenn in Vorstandsetagen und Regierungskabinetten zunehmend aufgrund gesammelter Daten entschieden wird. Denn oft fehlen die Daten, die für eine weibliche Perspektive relevant sind. Oder es fehlt Männern das Verständnis, wie sie zu interpretieren sind. "Eine Welt, die für alle funktionieren soll, können wir nicht ohne Frauen entwerfen", so Criado-Perez. Anders ausgedrückt: Frauen müssen mitentscheiden, Männer müssen Macht abgeben.

Criado-Perez liefert jede Menge Beispiele, ihr Buch hat 1331 Fußnoten, in der Regel Quellenhinweise auf Studien und Medienberichte. Da ist der große Techkonzern, der bemerkte, dass unter seinen Führungskräften kaum Frauen zu finden sind. Die firmeninternen Daten zeigen: Frauen würden sich selbst seltener als leitende Angestellte empfehlen, als Männer das machen. Um das auszugleichen, führte der Konzern Schulungen ein, in denen Frauen lernen sollten, stärker für sich zu werben. Und obwohl es bestimmt kein Fehler ist, das zu lernen, gilt die Reaktion des Techkonzerns als typischer Fehlschluss. Anstatt die Beförderungsmechanismen des Konzerns zu ändern, sollten die Frauen geändert werden. Criado-Perez verweist auf Umfragen, denen zufolge Männer häufig ihre Intelligenz überschätzen, während Frauen realistischer sind. Übertriebenes männliches Selbstvertrauen kann auch ein Faktor sein, warum Frauen sich bei Beförderungen weniger aufdrängen. Ein anderer Techkonzern schaffte es, in der neuen Unternehmenszentrale zwar dem Wunsch der Mitarbeiter nach einem luxuriösen Spa auf dem Firmengelände nachzukommen - vergaß aber, eine Kindertagesstätte einzubauen.

Auch der behördliche Umgang mit Schnee kann diskriminieren. Die schwedische Stadt Karlskoga hat früher im Winter zuerst die Straßen geräumt, dann die Gehwege. Die vermutlich männlichen Entscheider des Schneeräumplans fuhren ja selbst mit dem Auto ins Büro. Doch wegen der glatten Bürgersteige verletzten sich häufig Fußgänger, und unter Fußgängern gibt es überproportional viele Frauen, weil sie beispielsweise noch die Kinder in die Kita bringen. Die Verletzungen der Frauen verursachten Kosten im Gesundheitssystem. Stadtpolitikern und Behördenmitarbeitern war das nicht bewusst - ein beispielhaftes sogenanntes "Gender Data Gap". Es fehlten Informationen über geschlechtsspezifisches Verhalten im Verkehr. Seit 2011 kehrt die schwedische Stadt nun zuerst die Gehwege.

Wie einst in Karlskoga sind in Davos Straßen oft besser geräumt als Gehwege. Viele Männer verzichten auf rutschige Anzugschuhe und tragen festes Schuhwerk mit griffiger Sohle. Viele Frauen dagegen gehen mit einer Extratasche aus dem Haus. Darin sind die Schuhe, die sie drinnen anziehen.

© SZ vom 20.01.2020
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