Geldwäsche Wenn die Kontrollen versagen

Danske, Nordea, und jetzt die Swedbank: Ausgerechnet die als so sauber geltenden skandinavischen Banken versinken im Geldwäsche-Sumpf.

Von Meike Schreiber und Markus Zydra, Frankfurt

Vor sechs Monaten war die Welt noch in Ordnung bei der Swedbank in Stockholm. Ob sie sich um das Thema Geldwäsche sorge, wurde Vorstandschefin Birgitte Bonnesen in einem Interview gefragt. Die estnische Filiale der benachbarten Danske Bank war schließlich gerade als große Drehscheibe für Geldwäsche enttarnt worden. Für Bonnesen kein Grund zur Sorge. Die Swedbank sei da "komplett anders". Man sei eine harmlose Privat- und Firmenkundenbank ohne große Risiken, dafür aber mit hervorragenden Kontrollsystemen gegen Geldwäsche.

Inzwischen weiß man: Weder ist die Lage bei der Swedbank "komplett anders", noch hatte man offenbar gute Kontrollsysteme. Bonnesen ist außerdem seit diesem Donnerstag ihren Job los; die Aktie des Geldhauses ist im Sinkflug. Am Tag der Hauptversammlung wurde sie Knall auf Fall entlassen, nachdem wichtige Großaktionäre das Vertrauen verloren hatten. "Die Entwicklungen der vergangenen Tage haben für enormen Druck auf die Bank gesorgt", sagte Aufsichtsratschef Lars Idermark. Deshalb habe die Bankführung beschlossen, Bonnesen zu entlassen. Interimschef wird der Finanzvorstand des Instituts.

Bislang dachte man, die Danske Bank sei Rekordhalter in Sachen Geldwäsche. Über deren estnische Filiale sollen Unbekannte aus Osteuropa von 2007 bis 2015 bis zu 200 Milliarden Euro gewaschen haben. Die Swedbank scheint nun in ähnliche Dimensionen vorzustoßen: Von 2010 bis 2016 soll das Institut jährlich bis zu 20 Milliarden Euro fragwürdige Gelder über ihre estnische Filiale ins internationale Finanzsystem weitergeleitet und damit gewaschen haben, hat der schwedische Fernsehsender SVT recherchiert. Die Financial Times schreibt von einer Gesamtsumme von etwa 135 Milliarden Euro.

Lange Gesichter bei der Swedbank: Interims-Chef Anders Karlsson (links) und Aufsichtsratschef Lars Idermark auf der Hauptversammlung.

(Foto: Mikael Sjoberg/Bloomberg)

Die Enthüllungen werfen ein schlechtes Licht auf den Finanzsektor in Nordeuropa. Lange Zeit galt er als mustergültig im Vergleich zu anderen europäischen Kreditinstituten. Sie stachen nicht nur durch hohe Erträge und dicke Kapitalpolster hervor, sondern waren eigentlich auch frei von großen Skandalen. Skandinavische Staaten gelten weltweit als Vorbilder bei der Rechtstreue. Doch spätestens seit 2018 herauskam, dass die dänische Danske Bank mutmaßlich für den größten bislang bekannten Geldwäscheskandal verantwortlich ist, hat das Image gelitten. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die baltischen Töchter gleich mehrerer skandinavischer Banken jahrelang Anlaufpunkt für russische Kriminelle waren, die illegale Gelder in den Westen schleusten. Auch Nordea, die größte Bank Nordeuropas, musste Verfehlungen einräumen. Diese Bank hat ebenfalls über ihre baltischen Dependancen verdächtige Gelder von Kunden weitergeleitet, die ihre Identitäten hinter Briefkastenfirmen verbargen.

Das Gesetz schreibt vor, dass Banken ihre Kunden kennen müssen. Sie müssen wissen, welche Person sich hinter einem Konto verbirgt und welche Firma. Dazu gehört auch die Überprüfung, ob es diese Firmen wirklich gibt. In ihrem Fernsehbeitrag deckten die Reporter des Senders SVT auf, dass Swedbank für Kunden mit Londoner Adresse Überweisungen ausführte - doch bei einem Besuch in der britischen Hauptstadt stellte sich heraus, dass es sich um Briefkastenfirmen handelte.

Nordeuropäische Banken haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von 1991 an sehr stark im Baltikum engagiert und den Finanzsektor nach Jahrzehnten Sozialismus dort mit aufgebaut. Die Kundenbeziehungen zu Russland blieben stark. Estland, Lettland und Litauen sind in den letzten Jahren zum Einfallstor für illegale Geldtransfers geworden.

Ist das schmutzige Geld erst einmal auf einem Konto in der EU, ist es so gut wie gewaschen

Das gilt vor allem, seit die drei baltischen Staaten Mitglied der EU und später auch der Eurozone wurden. Das europäische Geldwäschegesetz geht davon aus, dass alle Mitgliedsstaaten den gleichen Standard bei der Geldwäschebekämpfung haben. Überweisungen aus Estland gelten als genauso unbedenklich wie Überweisungen von einer Bank in Deutschland.

Birgitte Bonnesen, 62, verantwortete bei der Swedbank von 2009 bis 2011 unter anderem die interne Kontrolle gegen Geldwäsche. Im Anschluss daran leitete sie bis 2014 das Geschäft im Baltikum. 2016 wurde sie Vorstandschefin.

(Foto: Janerik Henriksson/APF)

Doch diese Annahme ist wohl falsch. Vor allem amerikanische Ermittlungsbehörden haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Kontrollen bei Banken im Baltikum nicht streng genug sind. Das liegt zum einen an der finanziellen Ausstattung. Die Aufsichtsbehörden haben zu wenige Mitarbeiter. Gerade deshalb haben Swedbank und andere Institute dort wohl ihre Tochtergesellschaften gegründet. Die laxe Überwachung liegt auch daran, dass strenge Behördenmitarbeiter bedroht werden von der russischen Mafia und um ihr Leben fürchten müssen. Darüber hinaus haben die EU-Staaten viel Freiheit bei der Umsetzung der Geldwäschegesetze. Dadurch fehlt ein einheitliches Regelwerk.

Für Geldwäscher bietet dieser Umstand große Schlupflöcher. Sie überweisen Schwarzgeld zu Banken in den EU-Staaten, wo die Überwachung am schlechtesten funktioniert. Wenn beispielsweise die estnische Filiale der Swedbank diese Gelder auf dem Kundenkonto verbucht, gilt dieses Geld praktisch als sauber. Es kann an Kreditinstitute in Deutschland oder Frankreich durchgeleitet werden, die es dann über viele Umwege in Steueroasen transferieren. Als so genannte Korrespondenzbanken müssen diese Institute die Identität der Kunden nicht mehr ganz so genau prüfen wie die Ursprungsbank. Die Spur des Geldes verliert sich. Einige Experten fordern daher, dass Länder wie Estland im europäischen Bankgeschäft als "Drittstaaten" klassifiziert werden. Europäische Banken außerhalb Estlands müssten dann bei Geldeingängen von dort viel schärfere Kontrollen durchführen.