Geldanlage Die Deutschen kennen nur schwarz oder weiß

Bizarrerweise sind diese Fehleinschätzungen genauso zu beobachten, wenn die Mehrheit der Bürger, meist verdienen sie wenig oder mittel, ihr Geld im Alltag anlegen. Sie geben sich ganz und gar mit den geringen Renditen von oft überteuerten Bankprodukten und Lebensversicherungen zufrieden, obwohl sie wenigstens einen Teil ihrer Ersparnisse deutlich rentabler anlegen könnten. Doch das Risiko von Aktien und Immobilien überschätzen sie völlig. So besitzen drei Viertel der Deutschen Sparkonten, jeder zweite eine Lebensversicherung - aber weniger als jeder zehnte Aktien.

Die Deutschen, sie kennen nur schwarz oder weiß: Am Graumarkt agieren sie tollkühn und gierig, am Bankschalter verängstigt und demütig. Ein vernünftiger Mittelweg führt woanders lang.

Der Nobelpreisträger Edward Prescott weist nach, dass US-Aktien über mehr als ein Jahrhundert im Schnitt sieben Prozent Rendite im Jahr brachten. Kurzfristige Zinspapiere warfen dagegen nur ein Prozent ab - und waren nicht mal viel sicherer. Der Bonner Ökonom Moritz Schularick zeigt in 16 Ländern über 150 Jahre zwischen Aktien, Immobilien und Zinspapieren eine ähnliche Renditekluft - und entzaubert ebenfalls den Mythos, Zinsanlagen seien besonders sicher.

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Die Folgen der Graumarktskandale sind offensichtlich. Allein bei den vier größten Fällen vor P&R wird der Schaden auf zusammen über fünf Milliarden Euro geschätzt. Die Konsequenzen der alltäglich ängstlichen Anlage werden weniger diskutiert, doch sie sind noch gravierender. Die Europäische Zentralbank (EZB) beziffert das mittlere Vermögen der Deutschen auf nur 60 000 Euro, etwas mehr als halb so viel wie im Durchschnitt der Eurozone. Das ist angesichts der deutschen Wirtschaftskraft erschütternd. Und es resultiert auch aus dem Anlageverhalten: Der Anteil der Bundesbürger mit Immobilien ist nur gut halb so groß wie bei Spaniern und Italienern. Und sie investieren nur halb so viel ihres Vermögens in Aktien wie die Franzosen.

Betrachtet man dagegen die Minderheit der deutschen Hausbesitzer, verfügen sie über ebenso viel Vermögen wie Hausbesitzer anderer Länder. Und die Aktionärsquote der Deutschen mit mehr als 4000 Euro Netto-Monatsverdienst liegt doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

So spaltet sich die Nation: Nirgends in der Währungsunion klaffen Arm und Reich so weit auseinander wie in der Bundesrepublik. Ein paar reiche Haushalte besitzen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. 45 deutschen Familien gehört also so viel wie 40 Millionen Bürgern. "Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte", sagt Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, "kam im Wesentlichen bei den reichsten zehn Prozent an".

Könnte die Finanzaufsicht einschreiten?

Weil die Deutschen auch bei der Altersvorsorge Aktien und Immobilien scheuen, dürfte die Teilprivatisierung der Alterssicherung seit der Jahrtausendwende vielen ein böses Erwachen bescheren. Die Nullzinspolitik der EZB legt den Bankrott der deutschen Anlagegewohnheiten schonungslos offen.

Was also tun? Die Milliardenschäden am Graumarkt rufen ebenso wie die Geldversenkerei im Alltag nach politischer Unterstützung für die Bürger. Nun wird der Graumarkt schon seit einigen Jahren stärker kontrolliert. Vermittler müssen eine Prüfung ablegen und es müssen Prospekte erstellt werden, die dann die Finanzaufsicht Bafin begutachtet. Ob das ausreicht, daran erlauben die jüngeren Fälle Zweifel. Wenn ein Anbieter wie P&R nach den Recherchen eines Verbraucherschützers geringere Mieten einnimmt, aber weiter hohe Renditen ausschüttet und deshalb womöglich nur durch frisches Kundengeld überlebt: Dann stellt sich schon die Frage, ob die Finanzaufsicht nicht einschreiten könnte. Und ob Anlageprodukte nur erlaubt werden sollten, wenn sie vorab geprüft wurden. Dass sich nur jeder hundertste Aufsichtsbeamte um den Anlegerschutz kümmert, lässt tief blicken.

Die Aufklärung müsste allerdings schon viel früher ansetzen: in der Schule, um die Zusammenhänge von Risiko und Rendite umfassend zu vermitteln. Diese Geld-Bildung sollte später ein kostenloser jährlicher Termin bei den Verbraucherzentralen flankieren, die bei der Anlage beraten - finanziert durch eine Umlage der Finanzbranche.

Von schlechten Gewohnheiten lösen

Bessere Bildung und Beratung in Finanzangelegenheiten könnten die Deutschen auch bewegen, Ersparnisse nicht komplett in Bankeinlagen und Lebensversicherungen versauern zu lasse. Damit aber wirklich eine Neigung zu Aktien und Immobilien entsteht, müsste der Staat aber noch mehr tun. Bei der Vermögensbildung und der Altersvorsorge gezielt diese Anlagen fördern und nicht alle mit der Gießkanne. Breite Schichten bei Steuern und Abgaben entlasten, damit sie überhaupt nennenswerte Beträge anlegen können. Und über staatlich oder von den Sozialpartnern aufgelegte, privat gemanagte Fonds nachdenken, die nach dem Vorbild des norwegischen Staatsfonds Ersparnisse breit gestreut investieren.

Natürlich bleibt das Geld das Eigentum jedes Bürgers. Deshalb zeigen diese Vorschläge auch, dass der Staat immer nur eine unterstützende Rolle spielen kann. Letztlich trifft der Bürger seine Entscheidung. Die Masse der Deutschen müsste also schon willens sein, sich von schlechten Gewohnheiten zu lösen, die seit Jahrzehnten ihr Vermögen dezimieren. Und sie müssten sich um ihre Finanzgeschäfte ebenso intensiv kümmern wie, sagen wir, um den Kauf ihres Autos.

Andernfalls werden sie in Gelddingen weiter mit nur zwei Gängen durch die Landschaft stottern oder rasen. Ein Großteil der Ersparnisse wird weiter in niedrigverzinslichen Produkten versauern. Und zweifelhafte Anbieter am Graumarkt werden weiter Milliardenschäden anrichten. Anders gesagt: Die meisten Bürger werden dann weiterhin nur einen kümmerlichen Teil der Früchte ernten, die der Erfolg von Europas stärkster Wirtschaftsnation eigentlich so reichlich erzeugt.

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