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Tech-Branche:Frauen sollen mehr bestimmen

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(Foto: Cole Burston/Bloomberg)

Das Non-Profit-Unternehmen All Raise will für mehr Gleichberechtigung sorgen - mit einem neuen Ansatz: Frauen sollen Firmen nicht nur gründen, sondern sie auch fördern.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am Montag wird die weltgrößte Technikmesse CES eröffnet, sie findet in diesem Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie nicht in Las Vegas statt, sondern ausschließlich virtuell. Beim Betrachten der wichtigsten Redner entdeckt man Erstaunliches. Gewöhnlich ist diese Liste eine Ansammlung hellhäutiger Männer, heuer jedoch sind darauf zu finden: General-Motors-Chefin Mary Barra, AMD-Geschäftsführerin Lisa Su, Best-Buy-CEO Corie Barry oder Adrienne Lofton, die bei Nike das Marketing in Nordamerika verantwortet. Genau die Hälfte der 16 Keynote-Speakers ist weiblich, und genau die Hälfte dieser Frauen ist nicht weiß.

Bevor die CES-Verantwortlichen einen Arzttermin vereinbaren, den sie nach dem gegenseitigen Schulterklopfen (kaum jemand feiert sich selbst so sehr wie die Tech-Branche) brauchen, hier ein paar andere Zahlen: Grundsätzlich sind auf Tech-Events gerade mal 25 Prozent der Redner Frauen, nur 14 Prozent sind dunkelhäutig. Eine Umfrage der Non-Profit-Vereinigung Women Who Tech ergab, dass 44 Prozent der Firmengründerinnen sexuell belästigt worden sind. Laut einer Studie des Fintech-Startups Carta halten Frauen gerade mal elf Prozent der Gründer- und Angestellten-Anteile an Tech-Start-ups, und nur etwa zwölf Prozent aller Investments fließen in Firmen, die Frauen gegründet haben.

Es wird Debatten darüber geben auf der CES, eine davon lautet: "Lektionen aus der Führungsetage". Es ist jedoch fraglich, ob die wirklich wichtige Frage gestellt werden wird: Wer verteilt denn all das Geld an Firmengründer und bestimmt damit, welche Idee überhaupt die Chance hat, zu einem möglicherweise milliardenschweren Unternehmen zu gedeihen? Die Antworten darauf sind erschreckend: Gerade mal 13 Prozent der Investoren in der Tech-Branche sind weiblich, zwei Drittel der Venture-Capital-Firmen haben keinen weiblichen Partner. Welche Lektionen soll es denn bitte aus der Führungsetage über Frauen geben, wenn dort keine Frau zu finden ist?

"Wir werden Jahrhunderte voller systematischer Unterdrückung nicht über Nacht verändern können."

"Wir gehen so aggressiv wie möglich vor, um dieses System zu ändern", sagt Pam Kostka, Chefin von All Raise. Es ist ein Non-Profit-Zusammenschluss weiblicher Investoren, der vor zwei Jahren gegründet worden ist und kürzlich elf Millionen Dollar eingesammelt hat: "Wir werden Jahrhunderte voller Stereotype und systematischer Unterdrückung nicht über Nacht verändern können, aber es gibt messbare Fortschritte." Diese 13 Prozent weiblicher Investoren zum Beispiel waren vor zwei Jahren nur neun Prozent.

"Wir haben kein Pipeline-Problem", sagt Kostka und spricht damit ein Thema an, das immer wieder debattiert wird, wenn es um Frauen in der Tech-Branche geht. Es bedeutet, vereinfacht ausgedrückt: Es gibt nicht genügend junge Frauen, die mit den so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) aufwachsen, was dazu führt, dass sich weniger Frauen für Laufbahnen in dieser Branche begeistern und dementsprechende Studiengänge und Ausbildungen wählen. Zudem gibt es Falltüren in der Pipeline, wenn sich Frauen etwa in männlich dominierten Umfeldern unwohl fühlen oder sie nach dem Gründen der Familie nicht in die Arbeitswelt zurückfinden. Kostka sagt: "Ich glaube, dass diese Bezeichnung nicht zutrifft - wir haben vielmehr ein Netzwerk-Problem."

Das Problem, nicht nur in der Tech-Branche: Viele Männer haben Führungspositionen inne, und es ist unerheblich, ob sie das auch deshalb geschafft haben, weil sie Männer sind. Sie mögen nun Frauen fördern und sich für Gleichberechtigung einsetzen - Chefs bleiben sie aber lieber mal selbst. Nur wenige machen es wie Reddit-Gründer (und, das nur nebenbei, Ehemann der Tennisspielerin Serena Williams) Alexis Ohanian, der im Juni seinen Posten im Vorstand der von ihm gegründeten Social-Networking-Seite aufgab und forderte, einen schwarzen Nachfolger für ihn zu finden. Es wurde der Afroamerikaner Michael Seibel.

All Raise versucht seit gut zweieinhalb Jahren, den Fisch vom Kopf her zu verändern, und das betrifft zum Beispiel auch solche Veranstaltungen wie die CES. Es gibt die Datenbank All Raise Visionary Voices, in der mittlerweile mehr als 1000 Frauen aufgenommen sind, die etwas zu sagen haben über die bedeutsamen Themen und Trends der Tech-Branche. Es gibt mittlerweile ein All-Raise-Netzwerk von mehr als 20 000 Frauen. Das Non-Profit-Unternehmen ist dem Silicon Valley längst entwachsen, es gibt Ableger in Boston, Los Angeles und New York. Das Netzwerk hat sich in den ersten beiden Jahren mit gut 1100 Risikokapitalgebern und einem verwalteten Vermögen von mehr als 300 Milliarden Dollar weiterentwickelt.

Frauen sollen selbst verstärkt Investorinnen werden

Das große Ziel: Frauen an den Knotenpunkten dieses Netzwerks platzieren. Es gibt deshalb nicht nur Kurse und Mentoren-Programme für Gründerinnen, sondern auch VC Cohorts: Die Initiative soll Frauen helfen, selbst Investorinnen zu werden und damit an die Schnittstellen zu gelangen, die bedeutsam sind für den Erfolg eines Startups: dort, wo die Entscheidung getroffen wird, ob Gründerinnen gefördert werden.

"Man kann nicht mehr einfach auf die Zahlen schauen und so tun, als wäre alles in Ordnung", sagte Aileen Lee, eine der Initiatorinnen von All Raise, der New York Times. Sie ist Gründerin des Risikokapitalgebers Cowboy Ventures und gilt als Erfinderin des Begriffs "Unicorn" (Einhorn) für besonders wertvolle Unternehmen. Sie war 2019 auf der Liste des Magazins Time mit den 100 einflussreichsten Personen und sagt: "Es tut sich was, auch wenn wir noch einen weiten Weg vor uns haben."

Einen Meilenstein hat All Raise bereits vorgegeben, nachdem die Zahl weiblicher Investoren binnen zwei Jahren auf 13 Prozent gestiegen ist: Im Jahr 2028 sollen es mindestens 18 Prozent sein, und es soll gefälligst niemand mehr erstaunt sein, wenn auf der Redner-Liste von Tech-Veranstaltungen mindestens so viele Frauen wie Männer zu finden sind.

© SZ
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