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Nachhaltiger Urlaub:Tourismus neu denken - und anders gestalten

Nachhaltigkeit, Bauernhof

Es muss nicht gleich der Töpfer- oder Malkurs in einem biodynamischen Agriturismo in der Toskana sein, um etwas für das Klima zu tun.

  • Immer mehr Menschen schämen sich neuerdings für ihre Flugreisen, und zwar richtig.
  • Nicht reisen ist aber auch keine Lösung: Wer den Tourismus ganz einstellen wollte, würde auch lokale Wirtschaftsstrukturen zerstören.
  • Es geht in Wirklichkeit weniger um das Ob, sondern um das Wie - und Wie-oft.

Es ist wieder diese Zeit des Jahres. Die Zeit, in der sich viele Menschen fragen: Wie komme ich bloß von Berlin nach Bali, von Flensburg nach Florenz oder von München nach Madagaskar, ohne meine ohnehin schon negative CO₂-Bilanz noch weiter zu verschlechtern? Soll ich wirklich lieber mit dem Rad durch den Bayerischen Wald fahren statt in der Dominikanischen Republik zu surfen, wirklich lieber ins Sauerland statt nach Sardinien?

Seit einiger Zeit ist in diesem Zusammenhang in neues Wort ziemlich populär: "Flugscham". Nicht, dass sich gleich alle dafür schämen würden zu fliegen. Es gibt genug Menschen, die nach wie vor am Wochenende für ein paar Euro nach Lissabon oder London fliegen und sich keinerlei Sorgen machen. Aber immer mehr Menschen schämen sich dafür, und zwar richtig. Durchaus zu Recht: Forscher der University of Sydney haben im vergangenen Jahr den Zusammenhang von Tourismus und Klima untersucht. Demnach liegt der Anteil von klimaschädlichen Treibhausgasen durch den Tourismus an den globalen Gesamtemissionen bei etwa acht Prozent.

Was deutsche Touristen damit zu tun haben? Viel. Zwei Drittel der Deutschen sind allein 2018 verreist. Egal ob per Flugzeug, Kreuzfahrtschiff, mit der Bahn oder ganz klassisch mit dem eigenem Auto: Deutsche Touristen gehören zu den Weltmeistern, wenn es darum geht, Emissionen zu produzieren. Vor ihnen kommen nur noch Urlauber aus den USA und China.

Gleichzeitig sorgen sie in den Urlaubsregionen für Milliardeneinnahmen. Wer den Tourismus ganz einstellen wollte, würde gleichzeitig auch lokale Wirtschaftsstrukturen zerstören. Besser also: den Tourismus neu denken - und anders gestalten.

Wenig zielführend sind etwa All-inclusive-Aufenthalte in mittelschlechten Großhotels, die von ihren Gästen vor allem wegen der 24-stündigen Verfügbarkeit hochprozentiger Getränke in Plastikbechern geschätzt werden. Die lokale Wirtschaft der Reiseländer profitiert kaum von dieser Art des Massentourismus: Wer all-inclusive bucht, verlässt nur selten seine Hotelwelt.

Trotzdem muss es nicht gleich der Töpfer- oder Malkurs in einem biodynamischen Agriturismo in der Toskana sein. Es ist eher die Frage des Wie und Wie oft. "Ich bin nicht prinzipiell gegen die großen Interkontinentalflüge", sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Es geht dabei auch um völkerverständigende Reisen. Die Frage ist nur, wie viele wir davon den Menschen zugestehen wollen. Das muss am Ende mit Maß und Verstand geschehen." Der Wissenschaftler berichtet von internen Diskussionen, bei denen es auch um Fragen wie diese gehe: Muss es wirklich sein, dass man von München oder Berlin für einen Vortrag nach Mexiko-Stadt fliegt? Oder lässt sich so etwas nicht auch per Skype erledigen? Eine Debatte, die übrigens nicht zufällig auch in vielen globalen Großkonzernen geführt wird.

Ähnliche Diskussionen lassen sich auch über das Fliegen führen. Nun sind einige Reiseziele tatsächlich nur mit dem Flugzeug zu erreichen - aber längst nicht alle. Italien, Slowenien, Skandinavien oder die Niederlande: alles mit Auto oder Zug machbar. Solange das CO₂-intensive Fliegen allerdings finanziell oft attraktiver ist, bleibt es auch schwierig, die Menschen vom Flughafen zum Bahnhof umzuleiten. Braucht es also doch eine Kerosinsteuer? Experte Knie ist skeptisch. "Eine Kerosinsteuer allein wird es nicht bringen. Dann kostet Berlin-New York eben 495 statt 395 Euro. Glauben Sie, dass das etwas verändert?"

Und so sind Verkehrsexperten auf der Suche nach Lösungen, irgendwo zwischen drastischen Verboten einerseits und den Exzessen von All-inclusive-Schnäppchen andererseits. Gleichzeitig steigt die Zahl der Fluggäste in Deutschland um vier bis fünf Prozent jährlich, und es sieht nicht so aus, als würde sich diese Entwicklung kurzfristig umkehren lassen. Knie hat daher eine Idee: Drei internationale Flüge sollten pro Person erlaubt sein. Pro Jahr. "Die werden dann registriert. Wer mehr fliegen will, muss sich von den Menschen Optionen kaufen, die nicht fliegen." Eine Art Bonusmeilen-System also, bei dem exzessiv Reisende denjenigen das Recht auf Fliegen abkaufen, die es nicht nutzen. So etwas könnte funktionieren. Es könnte aber auch zurückführen in jene Zeit, in der nur diejenigen verreisten, die sich das auch erlauben konnten.

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