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Finanzminister zur Krise der EU:Streben wir eine Sonderrolle an? Dieser Gedanke ist völlig abwegig

Für neue Arbeitsplätze in Europa brauchen wir Unternehmen, die innovative, attraktive und damit gefragte Produkte anbieten. Dies können die europäischen Unternehmen aber nur dann, wenn ihnen der Staat die Rahmenbedingungen gibt, die sie benötigen, um in unserer immer stärker globalisierten Welt am Markt erfolgreich zu sein. Das gilt nicht nur für deutsche Unternehmen, sondern ebenso für französische, britische, polnische, italienische, spanische, portugiesische oder griechische.

So ist es auch eine ganz abwegige Vorstellung, die Deutschen wollten eine Sonderrolle in Europa spielen. Nein, wir wollen kein "deutsches Europa". Wir verlangen nicht von anderen, "so zu leben wie wir" - dieser Vorwurf ergibt keinen Sinn, ebenso wenig die nationalen Stereotype, die dem zugrunde liegen. Die Deutschen - freudlose Kapitalisten aus protestantischer Ethik? Erfolgreiche deutsche Wirtschaftsregionen sind katholisch geprägt. Die Italiener - nur "dolce far niente"? Nicht nur die Industrieregionen Oberitaliens würden sich das verbitten. Ganz Nordeuropa - marktbestimmt? Die von Solidarität und Umverteilung geprägten Sozialstaaten des Nordens passen nicht in dieses Zerrbild. Die Anhänger solcher Stereotype sollten aktuelle Umfragen aufhorchen lassen, nach denen sich die Menschen nicht nur im Norden, sondern auch im Süden Europas mit deutlichen Mehrheiten für Reformen und die Reduktion der Staatsausgaben und Schulden aussprechen, um die Krise zu überwinden.

Ein "deutsches Europa" - das könnten am wenigsten die Deutschen selbst ertragen. Vielmehr wollen wir Deutschland in den Dienst der wirtschaftlichen Gesundung der europäischen Gemeinschaft stellen - ohne darüber selbst schwach zu werden. Damit wäre niemandem in Europa gedient. Wir wollen ein starkes, wettbewerbsfähiges Europa. Ein Europa, in dem wir vernünftig wirtschaften und in dem wir nicht Schulden auf Schulden türmen.

Es geht um gute Rahmenbedingungen des Wirtschaftens im globalen Wettbewerb und angesichts einer für Europa herausfordernden demografischen Entwicklung. Das sind keine "deutschen Ideen", sondern Gebote einer zukunftssichernden Politik. Reformpolitik und Konsolidierung für mehr Wachstum sind europäischer Konsens. Sie beruhen auf einstimmigen Beschlüssen der Mitgliedsstaaten.

Das Vertrauen der Investoren, Unternehmer und Verbraucher und damit nachhaltiges Wachstum sind nur über eine solide Haushaltspolitik und gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu gewinnen. Alle internationalen Studien bestätigen dies, genauso wie die EZB, die EU-Kommission, die OECD und auch der IWF - in der Reihenfolge geleitet übrigens von einem Italiener, einem Portugiesen, einem Mexikaner und einer Französin.

Und die Regierungen Europas handeln auch in diesem Sinne. Es verdient unsere höchste Anerkennung, wie die europäischen Länder, die in Schwierigkeiten sind, ihre Arbeitsmärkte und Sozialsysteme reformieren, ihre Verwaltungen, ihre Rechts- und Steuersysteme modernisieren und ihre Haushalte konsolidieren. Wir sollten größten Respekt vor ihren Anstrengungen haben. Unser aller Lohn wird ein starkes und wettbewerbsfähiges Europa sein.

Wolfgang Schäuble, 70, ist seit 2009 Bundesminister der Finanzen. Der Essay erscheint an diesem Samstag in fünf weiteren europäischen Zeitungen. Die im Text diskutierte Frage, welche Rolle Deutschland in Europa hat, wird auch das 7. Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung beschäftigten. Auf Deutschlands großem Wirtschaftskongress diskutieren vom 21. bis 23. November 2013 im Hotel Adlon in Berlin 300 Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft unter dem Motto "Strategien für mehr Wachstum". Zugesagt haben mehr als 30 namhafte Referenten, darunter Italiens Ministerpräsident Enrico Letta, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, die Notenbanker Mario Draghi, Jörg Asmussen und Jens Weidmann, zahlreiche Konzernchefs aus Deutschland, Frankreich, Italien und USA, Gewerkschaftschefs aus Deutschland und Italien, Familienunternehmer und Gründer.

Anmeldungen zum Kongress und weitere Infos unter www.sz-fuehrungstreffen.de.

© SZ vom 20.07.2013/fran
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