bedeckt München 22°
vgwortpixel

Finanzkonzerne:Kulturwandel? Ach was!

Construction And City Views In Frankfurt Ahead Of German Gross Domestic Product Figures

Die Zentrale der Commerzbank in Frankfurt: Mit Werbung und Seminaren soll das Image aufpoliert werden.

(Foto: Bloomberg)

Die großen Banken versuchen, der Welt einzureden, dass sie ihr Geschäftsmodell von Grund auf geändert haben. Doch Banken sind keine Wohltätigkeitsvereine und Finanzberater keine Samariter. Staat und Kunden sollten sich ein gesundes Misstrauen bewahren.

Diese Wette kann man gar nicht verlieren: Redet ein hochrangiger Bank-Manager vor Publikum über seine Branche und sein Institut, wird er irgendwann - meist schon in der ersten Hälfte seiner Ausführungen - das Wort "Vertrauen" nutzen, und er wird dabei sehr ernst schauen. Vielleicht wird er nach der Passage eine kleine Kunstpause einlegen, um die Bedeutung des Gesagten zu unterstreichen, aber das ist nicht garantiert. Dass jenes Wort fällt, ist hingegen so sicher, dass man darauf unbesorgt wetten kann, zur Not auch mit geliehenem Geld.

Der Bankentag in Berlin in dieser Woche machte da keine Ausnahme; Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank und Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, erwähnte "Vertrauen" elfmal in seiner Rede und schlug damit Bundespräsident Joachim Gauck deutlich. Der hatte das Branchentreffen zuvor mit einer Ansprache eröffnet und darin das V-Wort lediglich viermal genutzt.

Der inflationäre Gebrauch des Begriffs ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, dass es an Vertrauen mangelt. Die Banker erklären, wie wichtig Vertrauen in ihre Institute ist und dass sie es wiedergewinnen wollen. Da haben sie noch einiges vor sich: Die Wirtschaftsprüfer von EY, früher Ernst & Young, veröffentlichten zum Bankentag eine Umfrage, derzufolge vier von zehn Deutschen sagen, dass ihr Vertrauen in die Finanzkonzerne in den vergangenen zwölf Monaten weiter gesunken sei.

Manchmal ist Misstrauen gesünder

Sieben Jahre ist es schon her, dass mit der Beinahe-Pleite der Bank IKB die Finanzkrise in Deutschland ankam. In der Folge gelobte die Branche Besserung, Institute verordneten sich einen Kulturwandel - ein anderes inflationär genutztes Wort in Banker-Reden -, aber die Bürger haben den Glauben in die Banken verloren. "Vertrauen ist eine zarte Pflanze. Ist es zerstört, kommt es sobald nicht wieder", wusste schon der eiserne Kanzler Otto von Bismarck.

Es ist logisch, dass sich Bankmanager mehr Vertrauen ihrer Kunden wünschen. Eine ganz andere Frage ist, ob dies auch aus Sicht der Kunden, der Gesamt-Wirtschaft und der Politik erstrebenswert wäre. Vertrauen ist nicht immer der beste Ratgeber, manchmal ist Misstrauen gesünder. Und das süße Gerede vom Kulturwandel ist gefährlich, denn es könnte Bürger, Regierungen und Aufseher einlullen: "Seht her, wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt" - das ist die Botschaft aus den Chefetagen der gläsernen Bankentürme. "Wir haben uns geändert, wir tragen selbst dafür Sorge, dass sich so etwas wie die Finanzkrise nicht wiederholt. Man kann uns wieder vertrauen."

Doch kann man das wirklich?

Blindes Vertrauen muss man sich erst mal leisten können

Kunden sollten sich in jedem Fall ihr Misstrauen gegenüber Banken und dem hilfsbereiten Bankberater bewahren. Auch die Aufsichtsbehörden sollten Finanzkonzernen weiter mit einer guten Portion Argwohn begegnen. Denn wenn es ein erfreuliches - aber entsetzlich teuer erkauftes - Ergebnis der Finanzkrise gibt, dann jenes, dass Politik, Kontrolleure und Kunden heute Banken im Prinzip jede Schurkerei zutrauen.

Der naive Glaube vieler Deutscher, der Bankangestellte sei ein uneigennütziger Samariter der Geldanlage, einzig am Wohle seines Gegenübers interessiert, hat sich dank der Skandale der vergangenen Jahre verflüchtigt: etwa durch das Debakel mit Lehman-Zertifikaten, die vielen anderen Gerichtsverfahren wegen Falschberatung oder die Enthüllung, dass Banken über Jahre den wichtigen Libor-Zinssatz manipulierten.

Kontrolleure und Regierungen wiederum haben durch die Krise gelernt, welch zerstörerische Kraft vertrauensselig regulierte Banken entwickeln können - und wie kostspielig die Aufräumarbeiten nach dem großen Knall sind. Blindes Vertrauen muss man sich erst mal leisten können.

Kulturwandel ist nun die neue Wunderwaffe

Die Banken-Vorstände hingegen sehen den Mangel an Vertrauen als ernstes Problem an, im Manager-Sprech würde man wohl sagen: als Herausforderung. Investorenlegende Warren Buffett hat Kreditderivate, jene undurchsichtigen Wertpapiere, welche die Finanzkrise befeuerten, einmal als "Massenvernichtungswaffen" bezeichnet. Um im militärischen Jargon zu bleiben: Kulturwandel ist nun die neue Wunderwaffe, mit der Banken wieder Vertrauen schaffen wollen. Um wieder als respektable Partner im Geschäftsleben zu gelten, um gute Beziehungen zu Kunden, Aufsehern und Politikern aufzubauen.

Ob Deutsche Bank oder Commerzbank in Frankfurt, ob Barclays, Lloyds und Royal Bank of Scotland in London - die Großen der Branche kappen riskante Geschäfte und schwören die Belegschaft auf eine andere, bessere Firmenkultur ein. Statt kurzfristigem Gewinn und Provisionen sollen wieder das Wohl des Kunden und der Dienst an der Gesellschaft - sprich: die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten - im Vordergrund stehen. Dies wird der skeptischen Öffentlichkeit gerne und oft erklärt; die Commerzbank ließ für diesen wichtigen Teil der Übung eine Hamburger Filialleiterin in teuren Werbespots durch die Stadt joggen und sich dabei selbstkritische Fragen stellen. Beim Laufen kommen einem eben manchmal die besten Ideen.