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Finanzindustrie:Zu klein zum Überleben?

Planspiele: Noch im Oktober haben die UBS und die Deutsche Bank einen Zusammenschluss der Vermögensverwaltungen geprüft.

(Foto: Michael Probst/AP)

Viele Bankchefs träumen von mehr Größe. Die Deutsche Bank und die UBS führten Gespräche über einen Zusammenschluss der Vermögensverwaltungen. Doch Fusionen haben ihre Tücken.

Es hat schon eine gewisse Komik, wenn sich ein Chef einer Schweizer Großbank vor der versammelten Finanzbranche darüber beklagt, dass Banken zu klein wären. Es gehe in Europa nicht mehr darum, dass Banken zu groß zum Scheitern sind ("Too big to fail"), sondern dass sie zu klein zum Überleben sind ("Too small to survive"), referierte der UBS-Chef Sergio Ermotti Mitte November auf einer Veranstaltung des Swiss Finance Institute (SFI) in Zürich. Künftig führe kein Weg an einer weiteren Konsolidierung vorbei. Um mit Wettbewerbern aus den USA mitzuhalten, würden Kooperationen und Fusionen unausweichlich.

Was Ermotti bei der Veranstaltung in Zürich nicht sagte, ist, dass sein Institut da bereits eine Vielzahl an Gesprächen mit der Deutschen Bank über einen möglichen Zusammenschluss geführt hatte. Im September und Oktober gab es Finanzkreisen zufolge verschiedene Gespräche über den Zusammenschluss der Vermögensverwaltungen der beiden Institute. Auch eine Megafusion beider Institute stand wohl zeitweise im Raum. Dazu habe es im Juni einen Chat gegeben, heißt es in Finanzkreisen. Weder die Vermögenssparte DWS der Deutschen Bank noch die Deutsche Bank noch die UBS wollten dies kommentieren.

Der Flirt zwischen der UBS und der Deutschen Bank offenbart, wie ernst die Lage der Banken in Europa ist. Viele Großbanken leiden unter sinkenden Margen. Finanztechnologiefirmen, die günstige passive Produkte anbieten, setzen die Institute unter Druck. Bankchefs klagen über Negativzinsen und den harten Wettbewerb auf ihrem kleinen Heimatmarkt. "Die europäischen Banken hofften, dass Draghi ihnen helfen würde und die Zinsen anhebt, aber das ist nicht passiert", sagt ein renommierter Analyst, der für das Gejammer der Banker kein Verständnis hat. Banken müssten sich selbst helfen, die Kosten senken, mehr Gebühren verlangen und die Negativzinsen den Kunden weitergeben, anstatt die Schuld auf die billige Geldpolitik zu schieben. "Eine Fusion ist keine magische Lösung." Banken sind zu teuer, um zu überleben ("Too expensive to survive").

Von Bankenseite werden Zusammenschlüsse dagegen gerne als probates Mittel angepriesen, um mit Schwergewichten wie etwa der größten amerikanischen Bank JP Morgan mithalten zu können. Rückenwind gibt es aus der Politik. Finanzminister Olaf Scholz beteuert immer wieder, dass es eine große, global tätige Bank für den Mittelstand braucht, um diesen ins Ausland zu begleiten. Martin Faust, Professor von der Frankfurt School of Finance and Management, kann Bankchefs wie Sergio Ermotti gut verstehen: "Im Zahlungsverkehr, im Kreditgeschäft und in der Vermögensverwaltung kann es mit zunehmender Größe Kostenvorteile geben. Es gibt nur geringfügige Kostenunterschiede, ob ein Fonds 100 Millionen Euro oder eine Milliarde Euro verwaltet." Auch ist eine Großbank für eine Volkswirtschaft wie Deutschland mit einem exportstarken Mittelstand essenziell. Eine kleinere Bank könne die Kreditvolumina großer Unternehmen gar nicht stemmen, sagt Professor Faust: "Global tätige Unternehmen wollen auch mit einer global tätigen Bank zusammenarbeiten und nicht mit einer Vielzahl von kleinen." Gerade durch den Handelsstreit oder Ereignisse wie den Brexit steigen die Bedürfnisse von mittelständischen Unternehmen: "Banken müssen sich darauf einstellen und ihre Zusammenarbeit verbessern", sagt Faust. So müssten auch Sparkassen im Verbund mit den Landesbanken und Volksbanken bei der genossenschaftlichen DZ-Bank Leistungen einkaufen. Bei Privatbanken sei die Zusammenarbeit jedoch schwieriger.

Paul Achleitner ist davon überzeugt, dass die Größe zählt. "Size matters", sagte er auf einer Finanztagung in Liechtenstein. Als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank hätte er wohl gerne eine Fusion zwischen der Deutschen Bank und der Commerzbank gesehen. Doch die Pläne sind dieses Frühjahr gescheitert, auch weil ein solcher Zusammenschluss 30 000 Stellen gekostet hätte - weitaus mehr als der Abbau von 18 000 Stellen, den der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing im Juli mit einem radikalen Umbau- und Kostensenkungsprogramm bekannt gab. An dessen Erfolg haben Analysten Zweifel. Zu oft habe die Deutsche Bank schon Versprechungen gemacht und nicht geliefert. "Die Frage ist, kann Sewing die Kosten reduzieren und gleichzeitig die Einnahmen erhöhen?"

Mittelständische Firmen müssen dennoch vorerst keinen Engpass befürchten, meint Professor Faust: "Die Deutsche Bank bietet ein Angebot, das für fast alle Unternehmen weltweit passend ist. Ich sehe keine Gefahr für deutsche Unternehmen, auch wenn das Institut nicht mehr auf allen Märkten präsent ist." Dass eine Bank sämtliche Finanzdienstleistungen anbiete - davon müssten die deutschen Großbanken aus betriebswirtschaftlichen Gründen abrücken: "Größe ist nicht alles", relativiert Faust: "Wir haben keinen Notstand. Mittelständler können auch auf viele ausländische Banken zurückgreifen."

Ein Umstand, der in der deutschen Politik jedoch nicht so gern gesehen wird. "Bei Finanzdienstleistungen von den Vereinigten Staaten oder China abhängig zu sein, ist keine Option", schrieb Finanzminister Olaf Scholz jüngst in einem Gastbeitrag. Manchen Mittelständlern steckt auch noch die letzte Finanzkrise in den Knochen, als sich viele Auslandsbanken plötzlich wieder aus dem Markt zurückzogen. Ein Erstarken der Deutschen Bank erachten jedoch viele noch aus einem anderen Grund als wünschenswert: "Chinesische Banken könnten die Übernahme der Deutschen Bank aus der Portokasse bezahlen", sagt Michael Hünseler, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Assenagon. So ein Szenario ist zwar schwer vorstellbar. Doch die Gefahr ist da.

Bei einer Großbankenfusion würde ein noch komplexeres Institut entstehen

Die Fusion der Vermögensverwaltungssparten der UBS und der Deutschen Bank hätte dagegen durchaus Charme. "Es ist jedoch ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sich die Deutsche Bank als Juniorpartner in eine solche Fusion begeben würde", meint Hünseler. Die interne Bewertung hat Finanzkreisen zufolge gezeigt, dass die Vermögensverwaltung der UBS mehr wert ist als die DWS. Und eine Megafusion? Diese Option erscheint gänzlich unwahrscheinlich. "Die meisten UBS-Aktionäre wären fassungslos, wenn die UBS mit der Deutschen Bank fusionieren wollte", meint ein Analyst. Für wen wäre die Deutsche Bank attraktiv? "Da haben meiner Ansicht nach bisher alle abgewunken", konstatiert Hünseler.

Eins ist sicher: Eine grenzüberschreitende Bankenhochzeit würde auch die Aufsicht streng beäugen, denn die Deutsche Bank (wie auch die UBS) ist ein systemrelevantes Institut, das so bedeutend für die Volkswirtschaft ist, dass es der Staat bei einer Schieflage auffangen müsste. Das Too-big-to fail-Problem ist also keinesfalls gelöst, um auf Ermotti zurückzukommen.

Als der UBS-Chef in Zürich seine Rede hält, ist auch Daniel Zuberbühler unter den Zuhörern im Saal. Bis 2011 war er Vizepräsident des Verwaltungsrates der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma: "Ermotti ist nicht der Einzige. Europäische Großbankchefs gefallen sich darin zu sagen, 'Wir sind eigentlich zu klein'. Ich sehe das als Teil einer Kampagne, von den Too-big to-fail-Regeln wegzukommen oder diese zumindest abzumildern", sagt Zuberbühler, dem die Rede von Ermotti noch nachgegangen ist. Fusionen zwischen Großbanken seien nicht attraktiv, da dadurch viel zu komplexe Institute entstünden, sagt Zuberbühler, der in der letzten Finanzkrise die staatliche Rettungsaktion der UBS aufsichtsrechtlich begleitet hat. "Wenn eine angeschlagene Bank ein todkrankes Institut übernimmt, ist dies nie vertrauensbildend." In der Finanzkrise haben die Schweizer Behörden aus diesem Grund sowie wegen des kumulierten Systemrisikos eine Fusion zwischen der Credit Suisse und der UBS abgelehnt: "In zehn Minuten haben wir die Idee vom Tisch gefegt", erinnert sich Zuberbühler.