Familienunternehmen:Warum Sennheiser die Kopfhörer-Sparte verkauft

Produktion Sennheiser electronic

Die legendären Sennheiser-Kopfhörer gehen an den Schweizer Hörakustik-Hesteller Sonova.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Der Deal mit der Schweizer Firma Sonova steht seit Mai. Die Audiospezialisten aus der Region Hannover konzentrieren sich nun auf Mikrofone und Studiotechnik.

Von Katharina Kutsche, Hannover

Der Name bleibt. Das ist wohl die wichtigste Nachricht vorab. Denn wenn alles so läuft, wie man es sich bei Sennheiser wünscht, wird ein Teil des Traditionsunternehmens zukünftig aus der Schweiz gesteuert. Die Anträge seien bei den Aufsichtsbehörden eingereicht, bis Ende 2021 plane man, den Übergang abzuschließen, teilen die Audiospezialisten aus der Region Hannover mit.

Sennheiser hat die Consumer-Electronics-Sparte verkauft - den Bereich, unter den Kopfhörer und Soundbars für den Endverbraucher fallen. Im Februar hatten die beiden Geschäftsführer Andreas und Daniel Sennheiser bekannt gegeben, dass sie nach einem Partner für die Sparte suchen. Als Familienunternehmer müsse man agil und flexibel handeln und Entscheidungen für die Zukunft treffen. "Wir glauben fest daran, dass aus der geplanten Neuaufstellung alle Geschäftsbereiche gestärkt hervorgehen werden", sagten sie damals in einer Botschaft an "Kunden, Partner und Freunde". Seit Mai ist bekannt, dass das Schweizer Unternehmen Sonova den Zuschlag bekommen hat: nicht als Partner, sondern als Käufer. Nun warten die Beteiligten auf die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden.

Wachsen könnte man überall

Die Sennheiser-Brüder hatten sich im vergangenen Jahr alle vier Sennheiser-Geschäftsbereiche strategisch angeschaut: Pro-Audio, Business Communication, Neumann Studiomikrofone und Consumer-Electronics. Starke Wachstumschancen habe man in allen Sparten gesehen, könne aber nur im Professional-Bereich langfristig eigenständig erfolgreich sein. Darunter sind Mikrofone und Headsets für Live-Musiker und Veranstaltungen, Studioausstattung und Bürokommunikation zusammengefasst.

Sonova, ein Hörakustik-Hersteller aus Stäfa am Zürichsee, zahlt einen Kaufpreis von 200 Millionen Euro. Die Finanzierung des Kaufpreises, der auch Patente abdeckt, erfolge aus vorhandenen Barmitteln. Zugesagt ist, dass die Consumer-Produkte weiter am Standort in Wennebostel gefertigt werden, unter der Anleitung der Schweizer. Die Marke Sennheiser bleibt erhalten, Sonova zahlt dafür Gebühren auf Basis eines unbefristeten Lizenzvertrags. "Wir planen, einen separaten Geschäftsbereich zu schaffen", sagte ein Sprecher des Schweizer Unternehmens. Jene neue Sparte werde Consumer Hearing heißen und ab dem 1. April 2022 von Martin Grieder geleitet, der auch in der Sonova-Geschäftsleitung vertreten sein werde.

Das Ziel: Menschen zu gutem Hören zu verhelfen

Die Schweizer setzen besonders auf True-Wireless-Kopfhörer und sprachoptimierte Hearables. Unter Hearables versteht man In-Ohr-Kopfhörer, die per Funk ans Smartphone gekoppelt sind und von dort gesteuert werden. Das ist einerseits für alle interessant, die etwa kabellos und digital beim Sport Musik hören wollen, andererseits aber auch eine Chance, Hörgeräte diskreter zu gestalten und ihre Akzeptanz zu verbessern. Oder wie es bei Sonova heißt: "Menschen auf ihrem Weg zu gutem Hören schon frühzeitig zu erreichen".

Für Sennheiser ist das ein großer Schritt. Gegründet 1945 von dem Elektroingenieur Fritz Sennheiser, gehören die Firma und sein Namensgeber zu den Pionieren in der Audiotechnik. In Wennebostel, einem 750-Seelen-Ort in der Wedemark bei Hannover, baute Fritz Sennheiser unterschiedliche Mikrofone und brachte 1968 den weltweit ersten offenen Kopfhörer auf den Markt. 1987 wurde er mit dem Oscar für Wissenschaft und Entwicklung ausgezeichnet, für das Richtrohrmikrofon MKH 816. Beide Bereiche, Kopfhörer und Mikrofone, waren lange Zeit prägend für das Unternehmen, das seit 2013 von den Enkelsöhnen des Gründers geführt wird.

In den vergangenen Jahren lief es aber gerade im Kopfhörer-Markt nicht so glatt wie zuvor. Die Konkurrenz, gerade bei kabellosen Hörern und insbesondere durch den Marktführer Apple, ist groß. Sennheiser spielt immer noch vorne mit, aber Wettbewerber wie Bose und Sony sind ebenfalls stark. Eine Umfrage des Portals Statista von 2020 ergab, dass die beliebtesten Kopfhörermarken der Deutschen Apple, JBL und Samsung heißen, Sennheiser folgt auf dem vierten Platz.

Ein Viertel der Stellen wird abgebaut

2017 baute das Familienunternehmen schon einmal Stellen ab und setzte ein Einsparziel von 25 Millionen Euro. 2020 verkündete Sennheiser ein "durchwachsenes Geschäftsjahr" 2019, in dem der Consumer-Bereich hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei. Dann kam die Corona-Pandemie. Events in Kunst, Sport und Musik, bei denen sonst die gesamte Audiotechnik von Sennheiser zum Einsatz kommt, waren kaum möglich. Zwar rüsteten sich Menschen für die Arbeit im Home-Office mit Kopfhörern, Headsets und anderen Gadgets aus, gleichzeitig war aber der stationäre Handel lange geschlossen.

Im Juli 2020 gaben die beiden Co-Chefs bekannt, 650 von 2800 Stellen abzubauen, davon 300 in Deutschland, und das alles bis 2022. Dies erfolge möglichst sozialverträglich, etwa durch Abfindungsoptionen innerhalb eines Freiwilligenprogramms, Nichtnachbesetzung von Stellen sowie Regelungen zu Altersteilzeit und Vorruhestand. "In Deutschland konnten wir so betriebsbedingte Kündigungen bisher nahezu vollständig vermeiden", erklärt eine Sprecherin.

Dabei ist die Bilanz für das erste Corona-Jahr dann doch nicht so schlimm ausgefallen wie von den Sennheisers befürchtet. 573,5 Millionen Euro Umsatz und ein Ergebnis von 3,6 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern fuhr das Unternehmen 2020 ein. Der Professional-Bereich brach um rund 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein und erbrachte knapp 308 Millionen Euro Umsatz. Die nun verkaufte Consumer-Sparte erzielte knapp 242 Millionen Euro, acht Prozent weniger als 2019.

© SZ
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