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Facebook:Trumps Werkzeug

Facebook-Manager Andrew Bosworth

Andrew Bosworth war während der US-Wahl 2016 für Facebooks Anzeigengeschäft zuständig. Heute leitet er die Sparte für virtuelle und erweiterte Realität.

(Foto: AFP)

Manager Andrew Bosworth ist davon überzeugt, dass der US-Präsident die Wahl mit Hilfe von Facebook gewonnen hat. Eine Analyse seines Memos, das eigentlich nur für die Mitarbeiter gedacht war.

Donald Trump gibt mal wieder an. Beim privaten Abendessen habe ihm Facebook-Chef Mark Zuckerberg gratuliert, dass er "die Nummer 1 auf Facebook" sei. Das behauptet Trump - der allerdings nach Zählung der Washington Post schon mehr als 15 000 falsche Behauptungen in die Welt gesetzt hat, seit er im Amt ist. Ob der Facebook-Chef dem US-Präsidenten eine weitere Amtszeit wünscht, ist nicht bekannt. Dass sich einer von Zuckerbergs wichtigsten Mitarbeitern nach einem demokratischen Präsidenten sehnt, ist nun publik geworden. Als überzeugte Liberaler sei er "verzweifelt" und in Versuchung, alles dafür zu tun, eine zweite Amtszeit Trumps zu verhindern, schreibt Facebook-Manager Andrew Bosworth in einem internen Memo, das der New York Times zugespielt und später auch von ihm selbst verbreitet wurde. Aber er mahnt seine Mitarbeiter: Die Werkzeuge, die ihnen zur Verfügung stünden, dürften sie niemals nutzen, um Einfluss auf den Wahlausgang zu nehmen.

Bosworths "Gedanken für 2020" waren eigentlich nur für Facebook-Angestellte bestimmt. Jetzt sind sie öffentlich und ermöglichen einen seltenen Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der maßgeblichen Einfluss auf Facebooks Entscheidungen hat. Bosworth war während der US-Wahl 2016 für Facebooks Anzeigengeschäft zuständig. Heute leitet er die Sparte für virtuelle und erweiterte Realität. Er gilt als enger Vertrauter Zuckerbergs, sein Wort hat Gewicht. Deshalb lohnt es sich, das geleakte Memo genauer zu betrachten.

Warum Trump wirklich gewonnen hat

"Ich bin kein Fan von Trump", schreibt Bosworth. Er habe die maximal mögliche Summe an Hillary Clinton gespendet. Dennoch müsse man die "unglaubliche Arbeit" anerkennen, die Trump und sein Kampagnenmanager Brad Parscale geleistet hätten. "Er wurde gewählt, weil er die beste digitale Anzeigenstrategie hatte, die ich je gesehen habe." Trump habe nicht gewonnen, weil er Falschinformationen verbreitete, sondern weil er Facebooks Werkzeuge bestmöglich nutzte.

Analyse: Bosworths Behauptung lässt sich kaum überprüfen, ohne Zugang zu Facebooks internen Daten zu haben. Unbestritten ist, dass Trump 2016 viel Geld in seine Facebook-Kampagne investierte. Er setze auf emotionale Ansprache und Anzeigen, die Clinton attackierten - auch mit unwahren Behauptungen. Allein in den vergangenen Tagen schaltete er Hunderte Anzeigen, in denen er sich damit brüstete, den iranischen General Qassem Soleimani getötet zu haben: "Dank des entschiedenen Handelns unseres Anführers ist er keine Gefahr mehr für die Vereinigten Staaten." In den vergangenen 30 Tagen gab er 2,3 Millionen Dollar für Facebook-Anzeigen aus, deutlich mehr als jeder demokratische Präsidentschaftsbewerber.

Welche Rolle Russland und "Fake News" spielten

Die meisten Medien hätten den russischen Einfluss auf den Wahlausgang falsch dargestellt, schreibt Bosworth. Russland habe versucht, Wähler zu manipulieren, doch Wahlwerbung auf Facebook sei dabei nicht der Hauptfaktor gewesen. "100 000 Werbedollar können ein mächtiges Werkzeug sein, aber dafür kann man keine US-Wahl kaufen", schreibt Bosworth. "Erst recht nicht, wenn die Kandidaten selbst ein Vielfaches dieser Summe investieren." Ausländische Propaganda lasse sich nie ganz verhindern, aber Facebook habe im Kampf dagegen Fortschritte gemacht.

Ohnehin sei in der öffentlichen Diskussion einiges durcheinandergeraten. Der Großteil der Falschinformationen, die auf Facebook im Umlauf waren, sei nicht politisch, sondern ökonomisch motiviert gewesen. Das Unternehmen hätte Facebook-Seiten, die Nutzer mit frei erfundenen Nachrichten auf Webseiten voller Werbung lockten, früher und konsequenter abstrafen sollen, meint er.

Analyse: Bosworth ist mit dieser Meinung nicht allein. Auch Facebooks ehemaliger Sicherheitschef Alex Stamos, der heute in Stanford unterrichtet und seinen Ex-Arbeitgeber teils drastisch kritisiert, stimmt zu. Viel wurde über russische Trolle geschrieben, ohne Belege für die Wirksamkeit der Propaganda, die sie verbreiteten.

Warum Cambridge Analytica überschätzt wird

Derzeit ist die dubiose Datenfirma erneut in den Schlagzeilen. Neue Dokumente sollen zeigen, dass Cambridge Analytica nicht nur die US-Wahl 2016, sondern Abstimmungen auf der ganzen Welt manipuliert habe. Bosworth hält die Aufregung für übertrieben: "Tatsächlich ist Cambridge Analytica ein totales Nicht-Ereignis", schreibt er. "Sie haben Schlangenöl verkauft. Ihre Werkzeuge haben nicht funktioniert. Alles, was sie über sich selbst behauptet haben, ist Unsinn." "Schlangenöl" mit angeblich magischen Fähigkeiten verkauften Betrüger im 19. Jahrhundert, heute steht der Begriff in der IT-Szene für teure, aber wirkungslose Software. Fast alle Details über Cambridge Analytica, die öffentlich kursieren, seien falsch. Dennoch habe Facebook es dem Unternehmen zu einfach gemacht, an Nutzerdaten zu gelangen.

Analyse: Die Schauergeschichte über "Microtargeting", "Psychometrie" und andere zwielichtige Methoden, mit denen Cambridge Analytica massenhaft Wähler beeinflusst haben soll, hält sich schon viel zu lange. Ein Großteil der Behauptungen stammt aus PR-Unterlagen der heute insolventen Firma. Es gibt viele Gründe für Trumps Wahlsieg, Cambridge Analytica ist sicher nicht der entscheidende.

Wie Facebook mit Politikern umgehen sollte

Facebook arbeitet mit Faktenprüfern zusammen, die Beiträge richtigstellen können, wenn sie Falschbehauptungen enthalten. Das gilt allerdings nicht für Politiker. Wer für ein politisches Amt kandidiert, darf auf Facebook fast alles problemlos behaupten, sogar in Anzeigen: Politiker dürfen also dafür zahlen, dass Lügen ein größeres Publikum finden. Kritiker vermuten ökonomische Motive. Als ehemaliger Leiter von Facebooks Anzeigengeschäft könne Bosworth "in diesem Fall mit Sicherheit sagen, dass die Kritiker falsch liegen". Es gehe Facebook dabei nicht um Geld.

Analyse: Hier liegt Bosworth voll auf Linie mit Zuckerberg, der oft betont, dass Facebook nicht selbst über Lüge und Wahrheit entscheiden solle, erst recht nicht bei Politikern. Die Auffassung teilen nicht alle Mitarbeiter. Der Times zufolge widersprachen Dutzende Angestellte in den Kommentaren unter Bosworths Beitrag, nachdem der seinen Text im internen Netz geteilt hatte: Für Politiker sollten dieselben Regeln gelten wie für alle Nutzer.

"Ist Facebook verantwortlich, dass Trump gewählt wurde?", fragt Bosworth. "Ich glaube, die Antwort lautet: ja." Die größte Kommunikationsplattform hat ihre Macht abgegeben - an jenen Politiker, der seinen Wahlkampf am schamlosesten auf Emotionen, Unterstellungen und persönliche Angriffe ausrichtet.

© SZ vom 09.01.2020

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