bedeckt München 21°
vgwortpixel

Eurofighter:Autos gegen Kampfjets

Ein Top-Manager des Magna-Konzerns profitierte von dem skandalumwitterten "Eurofighter"-Geschäft. Involviert ist auch die österreichische Regierung, die nun von zwei Airbus-Firmen Schadenersatz fordert. Der ganze Fall ist hochpolitisch.

An erster Stelle genannt zu werden, ist nicht immer eine Ehre. Und in diesem Fall erst recht nicht. Offshore-Gesellschaften, Provisionen, Beraternetzwerk, das allein klingt schon ziemlich merkwürdig. Hinzu kommt: Es geht auch noch um den skandalumwitterten Eurofighter-Deal von Airbus mit der Republik Österreich, bei dem im vergangenen Jahrzehnt hohe Millionenbeträge in dunkle Kanäle geflossen sind.

Ein Teil des Geldes, 1,3 Millionen Euro, landete bei einer Gesellschaft namens Inducon Industrieconsulting GmbH in Graz in der Steiermark, die offiziell einem dortigen Anwalt gehörte. In Wahrheit stand hinter Inducon der Ingenieur Hubert Hödl. Der wiederum zählte als Vorstand des weltweit agierenden Autokonzerns Magna Steyr lange Zeit zu den führenden und einflussreichsten Industriellen in Österreich. Magna Steyr ist für die Alpenrepublik so wichtig wie BMW, Daimler und VW zusammen genommen für Deutschland. Ein Magna-Manager war folglich superwichtig.

Hödls Name findet sich auf Seite 78 einer 133-seitigen Strafanzeige, die das österreichische Verteidigungsministerium kürzlich bei der Staatsanwaltschaft Wien gegen zwei Airbus-Firmen eingereicht hat. Der Magna-Manager ist das erste Beispiel dafür, dass und wie Provisionen an Personen gezahlt worden seien, die in einem "Naheverhältnis zu damaligen Entscheidungsträgern der Republik Österreich" gestanden hätten. Hödl, so wird suggeriert, habe Einfluss genommen zugunsten des Eurofighters. Der Magna-Mann war immerhin fast so bedeutsam wie Magna-Milliardär Frank Stronach, der zu den schillerndsten Figuren in Österreich gehört und gerade Ärger mit dem Fiskus hat. Dazu später.

Stronachs Magna-Kollege Hödl jedenfalls war einer der vielen Hintermänner beim Eurofighter-Geschäft. Jetzt kommt der Manager aus der Steiermark zu der zweifelhaften Ehre, in der Strafanzeige aufgelistet zu sein, mit der Österreich von dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern bis zu 1,1 Milliarden Euro Schadenersatz fordert, weil man beim Kauf von 15 Eurofighter-Kampfjets getäuscht und betrogen worden sei. Airbus weist das zurück. Die Attacke aus Wien sein ein "politisches Manöver", entrüstet sich der Konzern.

Der ganze Fall ist hochpolitisch, und Hödl steckt plötzlich mittendrin. Seine Rolle bei dem Deal illustriert beispielhaft, wie schräg es zuging zwischen EADS (wie Airbus damals noch hieß) und der Regierung in Wien. Nun wird alles noch einmal aufgearbeitet. Im Nationalrat, dem Parlament, steht ein zweiter Untersuchungsausschuss an. Ausgerechnet die Grünen und die rechte FPÖ, einander sonst spinnefeind, haben sich zusammen getan. Zwei grüne Frösche schmückten den Tisch, hinter dem am Freitag in Wien der Parteichef der FPÖ, Heinz-Christian Strache, und der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz saßen, um den Ausschuss anzukündigen. Der eine Frosch aufrecht, glänzend, mit orangefarbenem Bauch, der andere sitzend, mit geöffnetem Maul. Dies sollen, so die beiden Politiker scherzend, die Talismane sein, die den Ausschuss begleiten. Anfang April könnte es los gehen.

Eurofighter Boeing Österreich

Ein österreichischer Eurofighter im Landeanflug.

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)

Frösche als Aufklärer, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Ein erster Untersuchungsausschuss vor zehn Jahren war nicht besonders erfolgreich gewesen. Vieles blieb im Dunkeln. Die Abgeordneten fanden Hinweise, aber keine Beweise für die vermutete Korruption beim Eurofighter-Deal. Auch die Staatsanwälte, die in Wien sowie in München ermitteln, tun sich bislang schwer mit Schmiergeld-Belegen. Selbst die aktuelle, monatelang vorbereitete Strafanzeige enthält in dieser Hinsicht nur Indizien und Vermutungen und keine konkreten Bestechungs-Vorwürfe.

Auch nicht gegen Hödl, der zwar in ein schlechtes Licht gerückt, dem aber nichts Illegales unterstellt wird. Der Anwalt des vormaligen Magna-Managers betont auf Nachfrage: "Unser Mandant versichert uns, stets einen einwandfreien Lebenswandel geführt zu haben und einen einwandfreien Leumund zu besitzen sowie unbescholten zu sein." Hödl wäre demnach ein Muster-Manager gewesen. Davon muss er jetzt nur noch dem Untersuchungsausschuss überzeugen.

Der wird bestimmt fragen, was der Magna-Manager in einem ursprünglich undurchschaubaren Netzwerk zu schaffen hatte, das von München über London, Rom und Malmö nach Graz und von dort nach Wien führte. In einem Netzwerk, das von zentraler Bedeutung für das Gelingen des Eurofighter-Geschäfts war. Österreichs Regierung hatte sich beim Kauf der Kampfjets für knapp zwei Milliarden Euro vom Airbus-Vorgänger EADS sogenannte Gegengeschäfte ausbedungen. EADS verpflichtete sich, österreichischen Firmen Aufträge im Wert von vier Milliarden Euro zu besorgen. Feuerwehrautos, Schiffskräne, Wasserfilter, was auch immer, überhaupt: Autos gegen Kampfjets.

Ein Teil der Gegengeschäfte wurde über den Autokonzern Magna abgewickelt, mit dem der österreichisch-kanadische Unternehmer Frank Stronach zum Milliardär geworden war. Mit einer eigenen Partei, dem Team Stronach, hatte es der Industrielle sogar ins Parlament geschafft. Aber schon bald zog sich der Milliardär dort wieder zurück. Er fühle sich "mehr als Kanadier" denn als Österreicher. Zur Zeit hat Stronach den Fiskus in seiner alten Heimat am Hals, weil ein Teil seiner Magna-Einkünfte an Firmen in der Schweiz, Liechtenstein und auf der Insel Jersey im Ärmelkanal geflossen und der Milliardär seiner Steuerpflicht in Österreich nicht vollständig nachgekommen sein soll. Das nur nebenbei. Beim Eurofighter hatte Stronach behauptet, Magna habe in "keiner Weise" von dem Rüstungsgeschäft profitiert. Eine etwas eigenartige Sichtweise.

Magna-Milliardär Frank Stronach.

(Foto: Helmut Fohringer/dpa)

Das Bundeskriminalamt in Wien geht von einer "kriminellen Vereinigung" aus

Immerhin ist schriftlich belegt, dass auch Magna Steyr in den Genuss von Aufträgen kam. Im Mai 2006 schrieb Magna-Vorstand Hödl einer EADS-Tochter, man habe "Gegengeschäftsbestätigungen von Magna-Firmen zum Projekt Eurofighter übermittelt". Es gelte zu beachten, dass "die Art unseres Geschäftes streng vertraulich ist. Unsere Kundenaufträge schreiben dies vor." Noch so ein Geheimnis. Hödl hatte also einerseits als Magna-Manager hauptberuflich mit Gegengeschäften zu tun, die Bestandteil des Eurofighter-Deals waren. Nebenbei betrieb der Industrielle die Firma Inducon, die sich ebenfalls um Gegengeschäfte kümmerte. Einer der Schwerpunkte: die Automobilindustrie.

Ermittlungsakten enthalten eine bemerkenswerte Zeugenaussage der damaligen Geschäftsführerin von Inducon. Die gab zu Protokoll, der "Großteil der von Herrn Hödl gefundenen Gegengeschäfte stammten von Magna". Demnach hätte Magna-Mann Hödl Magna-Geschäfte vermittelt, um zum Gelingen des Eurofighter-Deals beizutragen, und dafür privat kassiert. Das geht eigentlich gar nicht. Oder war das nur Tarnung? Hat der Magna-Mann das Geld dafür bekommen, dass er seinen Einfluss in Österreich geltend machte, damit EADS gegen heftige Konkurrenz den Eurofighter-Auftrag erhielt?

EADS hatte einer Firma aus London namens Vector, die von einem zweifelhaften italienischen Geschäftsmann betrieben wurde, 114 Millionen Euro gegeben. Offiziell, um Gegengeschäfte anzuleiern. Vector leitete das meiste Geld aus Subunternehmer aus der halben Welt weiter, oftmals Briefkastenfirmen, bei denen 90 Millionen Euro verschwanden. Das Bundeskriminalamt in Österreich geht von einer "kriminellen Vereinigung" aus. Nicht verschwunden sind immerhin die 1,3 Millionen Euro, die von Vector über eine Firma in Malmö an Inducon in Graz gingen. Aber warum dieser Umweg? Und warum Hödls Heimlichtuerei bei Inducon? Es sei der "Wunsch von Magna" gewesen, dass er bei Inducon nicht im Firmenbuch auftauchen solle, hat Hödl bei früherer Gelegenheit erklärt. Nach Recherchen des österreichischen Magazins News soll der Magna-Mann über eine Briefkastenfirma auf Zypern sogar noch mehr EADS-Geld kassiert haben.

Peter Pilz von den Grünen, die treibende Kraft beim alten wie beim neuen Untersuchungsausschuss, ist zuversichtlich. Dieses Mal würden keine Leichen mehr im Keller vergraben bleiben. Alles werde durchleuchtet: fragwürdige Zahlungsflüsse, Provisionen, mutmaßliche Schmiergelder. Das wird eine lange Zeugenliste. Mal schauen, an welcher Stelle Hödl steht.

© SZ vom 04.03.2017
Zur SZ-Startseite