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Erneuerbare Energien:Rekord mit Haken

Gut 68 000 Megawatt braucht Deutschland zur Mittagszeit. Je mehr Solarpanels installiert werden, desto mehr Strom kommt aus Erneuerbaren.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Deutsche Solaranlagen und Windräder produzieren so viel Ökostrom wie nie - doch der Nachschub stockt.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Freitag war kein schlechter Tag für die erneuerbaren Energien. Tagsüber schien die Sonne, der Wind wehte auch. Gut 68 000 Megawatt Stromleistung braucht Deutschland zur Mittagszeit, davon kommen 42 000 aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. An schlechten Tagen, etwa am Freitag vor drei Wochen, können es aber auch mal halb so viel sein, die Erzeugung schwankt mit dem Wetter.

Doch über die ersten neun Monate des Jahres steht ein neuer Rekord: 42,9 Prozent des Bruttostromverbrauchs deckten erneuerbare Energien, so viel wie nie - und 50 Prozent mehr als Kohlekraftwerke lieferten. Für das Gesamtjahr, so prognostizieren das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg und der Stromverband BDEW, könnte der Anteil damit auf 43 Prozent steigen - gegenüber 35 Prozent im Vorjahr. Begünstigt wurde der Anstieg durch einen Rückgang des Stromverbrauchs und höhere Preise für CO₂-Zertifikate: Sie ließen den Einsatz von Kohlekraft sinken.

Die Zahlen stehen in starkem Kontrast zur aktuellen Ausbau-Statistik, wie sie die Fachagentur Windenergie an Land Anfang der Woche vorgelegt hat. Danach wurden zwischen Januar und September nur 148 Windräder errichtet, so wenig wie in den letzten 20 Jahren nicht. "Die Genehmigungslage verharrt seit nunmehr fast drei Jahren auf niedrigem Niveau, ohne dass ein Aufwärtstrend absehbar würde", beklagt die Agentur. Häufig verzögern schleppende Genehmigungsverfahren oder lokale Widerstände den Bau neuer Windparks. Wenn zu Beginn der 2020er Jahre für viele Windräder die Förderung ausläuft, droht sogar ein Rückgang - und das, obwohl die große Koalition bis 2030 einen Ökostrom-Anteil von 65 Prozent anpeilt. Es sei zwar erfreulich, dass der Anteil so sehr zugelegt habe, sagt BDEW-Chef Stefan Kapferer. "Wenn aber die Politik nicht endlich die Bremsen für den Ausbau der Windanlagen lockert, werden wir das 65-Prozent-Ziel krachend verfehlen."

Das könnte Tausende Windkraft-Jobs kosten. Nach einer Studie, die der Branchenverband VDMA Power Systems am Freitag vorlegte, könnten bis 2030 rund 17 000 der derzeit 65 000 Jobs in der Windenergie verloren gehen, sollte sich die Lage nicht bessern. "Die Realität ist allerdings noch gravierender", warnt Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Verbands. Werde Deutschland als Standort für Windräder unattraktiv, verlagere sich Produktion in attraktivere Märkte - auch die für den Export.

© SZ vom 26.10.2019

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