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Erich Klemm:Abschied von Daimlers "oberschtem Arbeitnehmervertreter"

Daimler-Festakt

Nach 44 Jahren bei Daimler geht Erich Klemm in den Ruhestand.

(Foto: dpa)

Er hat bei Tarifverträgen mitdiskutiert, die Deutschland bis heute prägen: Für seinen Ruhestand hätte sich Erich Klemm, Betriebsratschef der Daimler AG, keinen besseren Tag aussuchen können. Doch geehrt wird er ausgerechnet von jemandem, dessen Karriere er eigentlich beenden wollte.

Man darf annehmen, dass es auch ein wenig geschickte Planung war vom abgebrühten Strategen Erich Klemm: Ausgerechnet zum 1. Mai, zum Tag der Arbeit, geht der oberste Arbeitnehmervertreter von Daimler in den Ruhestand. 270 000 Arbeiter und Angestellte hat der 60-Jährige vertreten, sehr wahrnehmbar: Wohl nur noch die streikenden Lufthansa-Piloten standen im vergangenen Jahrzehnt so oft in der Zeitung wie die Daimler-Schaffer.

Er hat entscheidend an Tarifverträgen mitdiskutiert, die Deutschland immer noch prägen, hat die 35 Stunden-Woche für Metaller miterkämpft. Und jetzt eben der Abschied, ausgerechnet zum Hochfest der internationalen Arbeitnehmerbewegung. Ein Symbol, das zum Leben des Gewerkschafters passt, der mit seinem akkurat gekämmten grauen Haar zurückhaltender aussieht, als er ist. Und das deutlich machen soll, welche Rolle Gewerkschaften und Betriebsräte weiterhin spielen, auch wenn ihre Mai-Kundgebungen und "Maispaziergänge" mittlerweile an Bedeutung verloren haben.

"Einer der mächtigsten" seiner Zunft

Die offizielle Abschiedsfeier von Klemm am Vorabend des Ruhestands beweist das Gegenteil: Die Arbeitnehmer, zumindest in den großen Unternehmen, arbeiten auf Augenhöhe mit den Eigentümern und Managern. Alle sind sie ins Event-Center am Randes des Mercedes-Werks Sindelfingen gekommen: Der Aufsichtsratschef Manfred Bischoff und sein mächtiger Vorgänger Hilmar Kopper, ehemals Deutsche-Bank-Chef und Dirigent der Deutschland AG, mit dem Klemm als Aufsichtsrat ebenfalls diskutierte. Dazu Vorstandschef Dieter Zetsche - einschließlich seiner sechs Kollegen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann. Und auch noch Klemms SPD-Parteifreundin, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles.

Es ist eine Versammlung, die auch noch eine spezifische unternehmensgeschichtliche Kuriosität hat: Klemm wird da vom Rednerpult aus geehrt von dem Mann, dessen Karriere er und seine Gewerkschaftskollegen eigentlich beenden wollten: Dieter Zetsche. Ein Jahr ist es jetzt her, dass sich die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat seiner Vertragsverlängerung widersetzten.

Bei Tarifverhandlungen schlief er auch mal unter dem Tisch

Nur mit einer Rochade im Vorstand und einer verkürzten Laufzeit von drei statt fünf Jahren konnte Chefkontrolleur Bischoff die Blamage seines Schützlings Zetsche abwenden und wie üblich eine einstimmige Aufsichtsratsentscheidung bekommen. Seitdem ist die sowieso schwierige Arbeitsbeziehung endgültig zerrüttet gewesen. Und jetzt dankt Zetsche seinem Gegner tatsächlich "mit Nachdruck" - wenn er auch schmunzelnd oder vielleicht auch grinsend eingesteht, dass er sich auf diesen Abschied seines Kontrahenten gefreut habe.

Sternzeichen Stier ist Klemm, "einer der mächtigsten" seiner Zunft in ganz Deutschland, wie auch er selbst, sagt Zetsche. Und die unter diesem Sternbild geborenen seien "friedliebend, aber keine Weicheier". Ja, das sagt Zetsche tatsächlich zu dem "Co-Manager" wie er ihn nennt. Autobau ist eine Männerbranche. Hier gilt sowas als versöhnliche Geste. Dazu passen die Anekdoten an diesem Abend: Klemm, das sei einer, erzählen sie, der sich bei Tarifverhandlungen gern noch nach Mitternacht ein "fettes Essen" genehmigt habe, um sich dann gegen drei Uhr früh kurz zum Schlafen unter den Tisch zu legen. Auch das ist eben Gewerkschaftsarbeit: Die Rituale der Tarifverhandlungen samt ihrer Auswüchse, die auch den Arbeitgebern Respekt abverlangen.

Ganz sanft stimmt die Daimler-Big-Band jetzt Elton John's "Don't go Breaking my Heart" an. Die Disco-Lichter blinken. Man könnte meinen, es herrsche bestes Einvernehmen.