Gesunde Manager:Raus aus dem Krisen-Modus

Katrin Bitterle

Katrin Bitterle, 34, ist Führungskräfte-Coach und Mental-Trainerin für Unternehmer und Manager. Sie hat Betriebswirtschaft und Psychologie studiert und mehr als 1500 Führungskräfte unterstützt. Katrin Bitterle lebt in Zürich.

(Foto: oh)

Immer mehr Führungskräfte verzweifeln an den wirtschaftlichen Folgen von Corona. Im SZ-Gespräch erklärt die Trainerin Katrin Bitterle, wie man gut durch die Krise kommt.

Von Sibylle Haas, München

Die Corona-Krise setzt viele Firmen unter Druck, und der November-Lockdown verschärft dies noch. Führungskräfte wissen nicht, wie sie ihre Firma gut durch die nächsten Monate bringen, wie sie ihr Team motivieren und dabei noch gesund bleiben können. Führungskräfte-Coach Katrin Bitterle kennt das aus ihrem Arbeitsalltag. Selten zuvor hat sie so viele Manager und Managerinnen beraten, um sie mental krisenfest zu machen.

"Nicht alle sind so mutig wie Elmar Degenhart", sagt sie. Degenhart hat kürzlich seinen Chefposten beim Autozulieferer Continental aufgegeben und gesundheitliche Gründe dafür genannt. Die Kraftanstrengung war offenbar zu groß. Sie kenne das Phänomen gut, sagt die Trainerin, die bereits mehr als 1500 Manager im deutschsprachigem Raum sowie in Großbritannien, den USA, Australien und Hongkong unterstützt hat. Die Corona-Pandemie legt Strukturschwächen der Unternehmen gnadenlos offen. Mancher Manager ist damit überfordert. Viele seien verunsichert und inzwischen auch ausgelaugt. Doch nur wenige schafften es, dies öffentlich zuzugeben, so wie der Conti-Chef. Bitterle findet sogar, dass jemand wie Degenhart Vorbildfunktion habe.

Oft sei es die Angst vor dem Imageverlust, weshalb Führungskräfte an ihren Jobs festhielten, obwohl dies gesundheitlich gar nicht gut für sie sei. Hinzu komme in der Krise auch die Angst, nach dem Rücktritt keinen Job mehr zu finden.

Im SZ-Gespräch erzählt die 34-Jährige, wie sie Chefs und Chefinnen die Selbstzweifel nimmt und wie diese aus dem Teufelskreis der Resignation wieder herauskommen, um ihr Team zu motivieren. Am schlimmsten sei es etwa, in Selbstmitleid zu zerfließen oder sich mit Selbstvorwürfen zu quälen, warnt Bitterle. "Niemand konnte die Krise voraussehen, und dennoch sind im Management Frustration, Ärger und Hilflosigkeit da", beobachtet sie. Derlei Emotionen dürften aber nicht verdrängt werden. "Man sollte akzeptieren, dass man diese Gefühle und Gedanken hat." Sie empfiehlt, eine Helikopter-Perspektive einzunehmen und die Situation "von oben" neutral und objektiv zu betrachten. "In dem Moment, wo man Emotionen neutral und objektiv zulässt und annimmt, verändern sie sich bereits", meint Bitterle, die neben Betriebswirtschaft auch Psychologie studiert hat.

"Ziele motivieren uns, sie geben Auftrieb und Freude."

Es sei auch nicht gesund, wenn sämtliche Gespräche um die Corona-Pandemie und deren wirtschaftliche Folgen kreisten. Man könne im Team ja auch mal über den neuen Film von XYZ oder über das Buch reden, das man gerade liest. Außerdem sollten sich Manager auf Ziele fokussieren und nicht auf die gegenwärtige Krise. Sie sollten sich eher fragen, "wohin will ich mit meinem Team, welches Ziel will ich mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen erreichen", sagt Bitterle, und dann sollten alle an diesem Ziel mitarbeiten. "Ziele motivieren uns, sie geben Auftrieb und Freude", betont sie. "Wir sind Meister darin, uns das Schlimmste in allen Farben auszumalen. Wieso machen wir das nicht mal für das Positive?", fragt die Trainerin.

Ein "absolutes No-Go" ist für Bitterle der Vergleich mit anderen, seien es Konkurrenten, branchenfremde Firmen oder Manager. "Vergleichen bringt nichts und in dieser Krise schon extra nicht", betont sie. Es sei besser, sich auf die eigenen Ziele und auf die eigene Situation zu konzentrieren. Außerdem funktioniere jedes Unternehmen anders. Allein schon deshalb seien Vergleiche nichts wert. Zudem sei der eigene Blick oft verstellt: "Bei anderen sehen wir immer nur das Positive, bei uns selbst meist nur das Negative", erklärt sie und empfiehlt, sich öfter mal aus den Augen eines anderen zu betrachten.

Den eigenen Weg gehen und den Kurs ändern, wenn sich die Bedingungen ändern

Ein großes Problem vieler Manager sei der Druck, dem sie sich selbst aussetzten. "Leistungsorientierte Menschen streben nach Perfektion. Damit stehen sie sich oft selbst im Weg", so Bitterle. Sie meinen, alles richtig machen zu müssen und die gesamte Last auf sich zu nehmen. "Doch daran kann man zerbrechen und krank werden", warnt sie. Gerade in Krisenzeiten sollten Führungskräfte ihr Team stärker in die Verantwortung nehmen, Task-Forces gründen oder Hilfe von außen holen. "Die perfekte Lösung gibt es sowieso nicht, und man kann es auch nicht allen recht machen", betont sie. Besser sei es, den eigenen Weg zu gehen und sich zu erlauben, den Kurs zu ändern, wenn neue Informationen auftauchen oder Lösungswege nicht funktionieren. Gerade in der Corona-Krise müsse es möglich sein, Entscheidungen zu revidieren, da sich die Bedingungen rasch ändern können. "Erfolgreiche und glückliche Menschen haben nicht zwangsläufig weniger Probleme", weiß Bitterle, "sie gehen nur anders damit um."

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