Automesse in Shanghai Auch in China braucht die Elektromobilität noch Zeit

300 Kilometer pro Stunde in 15,9 Sekunden: Der Elektro-Rennwagen der Firma Nio ist flott unterwegs. Die normalen Verkäufe nicht so sehr.

(Foto: Qilai Shen/Bloomberg)
  • Das chinesische Start-up Nio, das als Vorzeigefirma für Elektroautos gilt, hat finanzielle Schwierigkeiten und muss Hunderte Stellen streichen.
  • Der Fall zeigt: Selbst in China, der großen Hoffnung der Elektroautobranche, geht es nicht so schnell voran, wie viele Manager in Europa glauben.
  • Nio droht auf dem Weg in die elektronische Zukunft auf der Strecke zu bleiben - und hofft ausgerechnet auf die Elektro-Power der deutschen Autohersteller.
Von Max Hägler, Shanghai

Auch wenn es angesichts der finanziellen Schwierigkeiten eigentlich gar nicht recht passt: Selbstbewusst sind sämtliche Auftritte dieser so jungen Elektroautofirma namens Nio, die zwar aus China stammt, aber seit ihrer Gründung vor fünf Jahren immer auch ein bisschen deutsch ist. Das Designstudio in München residiert im noblen Bogenhausen. Der Flagship-Store befindet sich in Shanghai in einem der teuersten Einkaufszentren.

Und die Präsentation auf der Automesse in dieser Metropole ist beinahe so groß wie nebenan der Auftritt des etablierten Herstellers Audi. Auf einer Leinwand flimmert die hervorragende Rundenzeit, den der Nio-Supersportwagen am Nürburgring einmal erzielt hat. Einen Merchandising-Shop haben sie sogar. Falls es ernstlich schon Fans geben sollte, dann können sie dort Stofftiere namens Oin-oin erwerben. Das ist in China ein lautmalerisches Wort für: das Schwein. Lustig gemeint und doch auch irgendwie passend: Nio, eine der Vorzeigefirmen, steckt einigermaßen im Dreck. Das räumt nun Lihong Qin ein, der Direktor ist und zusammen mit William Li Mitgründer des Autobauers: "Wir stehen unter Druck", sagt er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Erstmals in der Geschichte müssten Jobs gestrichen werden, 300 der 10 000 Stellen.

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Die Umstände des Problemfalls Nio zeigen, dass die so hoch gelobte Elektroautobranche insgesamt Schattenseiten hat. Zwar hat Volkswagen-Chef Herbert Diess gerade China zur viel versprechenden Blaupause erklärt für seinen Elektromobilitätsplan. Nirgendwo sonst seien Menschen und Politik den E-Autos so zugewandt wie in China. Mag sein. Bloß: So rasch, wie die Manager in Europa glauben, geht es selbst in China nicht. Die Regierung in Peking geht übrigens davon aus, dass im Jahr 2025 etwa ein Fünftel der Neuwagen mit Strom fahren. Immerhin oder nur - je nach Sichtweise.

Bei Nio ist auf dem Weg dahin das Geld knapp geworden: Der Nettoverlust beläuft sich auf 1,4 Milliarden US-Dollar und ist damit doppelt so hoch wie der Umsatz. In der Folge haben sie erst einmal den Traum aufgegeben, ein eigenes Werk zu bauen. Weswegen nun wiederum US-Anleger vor Gericht ziehen: Die an der New Yorker Börse gelistete Firma Nio habe Versprechen gebrochen. Aber vielleicht ist es eher so: Nio ist von der Realität eingeholt worden. So wie andere chinesische E-Autofirmen auch, die ebenfalls hoch gelobt wurden, aber bereits scheiterten, wie Faraday Future, oder die sich viel schwerer tun als gedacht, wie die Firma Lucid.

"Elektro ist immer noch ein Nischenmarkt"

Vor allem geht es darum, dass man mehr Autos verkauft, sagt Qin. Er kennt sich mit Zahlen aus, war früher Berater bei Roland Berger. Nio liegt beim Verkauf von Elektroautos in China hinter Tesla und BMW auf Platz 3 im Premiumsegment. Aber das sind nur 11 400 Autos. "Elektro ist immer noch ein Nischenmarkt", sagt Qin. Eine Million E-Autos wurden im vergangenen Jahr in China auf dem Papier verkauft, die meisten tragen im Westen nie gehörten Namen, etwa Honor, Eado oder Bao, und sie kosten teilweise nur 10 000 oder 20 000 Euro. Aber die meisten fahren auch nicht besonders weit. Viele Chinesen haben sich diese Wagen angeschafft, um an grüne Nummernschilder zu kommen, die allzeit freie Fahrt versprechen, auch bei Smogalarm. Auch um diesem Wildwuchs vorzubeugen, hat die Regierung in Peking die E-Auto-Subventionen nun halbiert. Das hat bei allen die Verkäufe zurückgehen lassen, auch bei Nio, einem seriöseren Start-up.

Wenn die Rede ist von dem angeblichen Elektroauto-Massenmarkt China, der die Welt in ein neues Mobilitätszeitalter führt, dann liegt das vor allem an Entscheidungen der Regierung: Die sorgte in dirigistischer Manier für einen vergleichsweise schnellen Aufbau von Ladesäulen, fördert Start-Ups und bestraft mittlerweile jede Autofirma, die wenige oder gar keine elektrifizierten Wagen im Angebot hat.

Doch bei den Käufern ist das so ähnlich wie überall auf der Welt: Auch in China müssen die Menschen erst von Elektro überzeugt werden. Und so hofft Nio-Direktor Qin nun, kein Witz, auf die Elektroauto-Power aus Deutschland. Es sei bemerkenswert, dass etwa VW so viel in E-Autos investiere, sagt Qin: "Gemeinsam können wir die Konsumenten zur Elektromobilität erziehen." Das Ganze müsse ein "Social Movement" werden, samt der Energiekonzerne, und da könnten die deutschen Hersteller schon eine Rolle spielen: BMW, Daimler und Volkswagen mit Audi und all den anderen Marken seien mächtig: "Wenn die wirklich in die Elektromobilität gehen, dann wird das einen großen Druck auf die Branche weltweit auslösen." Und das wiederum könne Nio helfen. Denn wenn die Firma nicht effizienter werde und vor allem mehr Fahrzeuge verkaufe, dann werde es "gefährlich", sagt Qin.

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