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Einzelhandel:Fleisch, dreimal so teuer

Der Discounter Penny lässt als erster Händler die wahren Preise von Lebensmitteln berechnen. Das Ergebnis dürfte Verbrauchern weniger gefallen.

Von Silvia Liebrich

Wie teuer ist Fleisch wirklich, wenn alle Kosten im Preis berücksichtigt werden? Verbraucher wissen es schlicht nicht, weil nur ein Teil davon auf der Einkaufsrechnung steht. So fehlen unter anderem Kosten, die durch Überdüngung, den Verlust von Artenvielfalt und Treibhausgase verursacht werden.

Wie realistische Preise aussehen, das will die Handelskette Penny nun mit einem Pilotversuch in Berlin Spandau deutlich machen. Dort eröffnet der Discounter diesen Mittwoch einen sogenannten Nachhaltigkeitserlebnismarkt. Das Besondere daran: Bei einigen Lebensmitteln soll neben dem tatsächlichen Verkaufspreis ein zweiter Preis am Ladenregal stehen. Und zwar jener, der nach Angaben des Händlers auf Basis der wahren Kosten, also dem True-Cost-Ansatz kalkuliert ist - durchgerechnet wurde dies am Beispiel von Apfel, Banane, Kartoffel, Tomate, Mozzarella, Gouda, Milch und gemischtem Fleisch. Es ist der erste Versuch dieser Art im Handel.

Das Ergebnis dürfte für so manchen Kunden ernüchternd sein. Normales Hackfleisch wäre beinahe dreimal so teuer, Biohack würde mehr als das Doppelte kosten. Für einen Liter einfache H-Milch wären statt 79 Cent 1,75 Euro fällig. Biofrischmilch würde 1,84 Euro kosten statt des verlangten Betrags von 1,09 Euro. Die Beispiele zeigen, dass auch Bioprodukte erheblich teurer wären, auch wenn der Aufschlag etwas geringer ausfällt als bei konventionell erzeugter Ware. "An der Kasse zahlen unsere Kunden natürlich den Verkaufspreis ohne True Costs", betont Stefan Magel, zuständiger Manager der Rewe-Gruppe, zu der Penny gehört. "Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen. Nur so können Kunden am Regal entscheiden."

Über Fleischpreise wird nicht erst seit den Corona-Ausbrüchen bei Schlachtkonzernen wie Tönnies heftig diskutiert. In der Kritik steht auch der Handel. Große Ketten liefern sich seit Jahren einen harten Wettkampf und gelten als Preisdrücker. Bei Rewe ist man sich dessen durchaus bewusst: "Wir sind als Unternehmen ohne Zweifel Teil des Problems. Ich glaube aber, dass wir mit diesem Schritt Teil der Lösung werden können", sagt Magel. Kommt der Versuch gut bei den Kunden an, kann er sich vorstellen, dass der Test auf weitere Märkte ausgeweitet wird.

Der Vorstoß von Penny mag auf den ersten Blick wie ein Marketing-Gag anmuten. Tatsächlich hat sich der Discounter für die Berechnungen Hilfe aus der Wissenschaft geholt, genauer gesagt von Tobias Gaugler von der Universität Augsburg. Der Ökonom legte vor gut zwei Jahren eine der ersten Studien über die wahren Kosten der Fleischerzeugung in Deutschland vor. Damals kam Gaugler zu dem Schluss, dass die Verbraucherpreise bei Fleisch um mehr als 50 Prozent steigen müssten, würden nicht berücksichtigte Kosten einkalkuliert. Doch wie kommt Gaugler nun dazu, dass Verbraucherpreise aus heutiger Sicht sogar um das Doppelte oder Dreifache höher liegen müssten? "Wir haben die Basis der zugrunde liegenden Daten erweitert, die alten aktualisiert und alles neu berechnet", sagt er. So wurde nun unter anderem auch die Vernichtung von Regenwald und der Verlust der Artenvielfalt durch intensive Landwirtschaft berücksichtigt. Deutlich zu Buche schlug auch der inzwischen deutlich gestiegene Preis für CO₂-Zertifikate, den etwa die Stromerzeuger für Treibhausgasemissionen zahlen müssen, die Landwirtschaft bislang aber nicht.

© SZ vom 02.09.2020

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