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Einzelhandel:Die Not der Buchhändler

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Das elektronische Buch ist gerade gefragt, sagen die Buchhändler.

(Foto: Cem Guenes/dpa)

Kleine Läden der Branche kämpfen schon in normalen Zeiten oft genug ums Überleben, in der jetzigen Krise erst recht. Allerdings geraten in diesen Wochen auch große Buchketten in Bedrängnis.

Am Freitag hätte hier eine Lesung stattfinden sollen. Der Münchner Autor Pierre Jarawan hätte sein neues Buch vorgestellt - und womöglich viele Kunden in den Laden in Solln im Süden Münchens gelockt. Doch Buchhändlerin Anita Krugg ist allein, seit sie vorige Woche wegen Corona schließen und ihre Mitarbeiterin nach Hause schicken musste. Dabei ist der Laden voller Bücher, die Titel, die auf der ausgefallenen Leipziger Buchmesse präsentiert werden sollten, liegen hier. Es ist ein Desaster. "Seit wir geschlossen haben, ist der Umsatz um mindestens die Hälfte eingebrochen", sagt Krugg. Dass er nicht ganz auf null gerutscht ist, verdankt sie ihren Kunden. "Sie bestellen jetzt viel per Telefon und Mail." Die 47-Jährige fährt in der Früh Bestellungen aus, macht dann Telefondienst, um abends noch eine Tour zu machen - "dann falle ich tot ins Bett".

75 Prozent ihrer Käufer sind Stammkunden. "Ich freue mich über diese Solidarität und hoffe, dass wir durchhalten." Dabei sieht sie ihre Kunden wegen der Ansteckungsgefahr gar nicht mehr. Sie klingelt an der Tür, stellt die Büchersendung in den Hausflur oder hängt sie an die Gartentür. "Kurioserweise kaufen meine Kunden viele Kochbücher, wahrscheinlich probieren sie neue Rezepte aus."

Buchhändler wie Anita Krugg sind gerade besonders gefährdet, auch wenn sie sich noch mehr selbst ausbeuten als sowieso schon. "Der deutsche Buchhandel ist sehr kleinteilig strukturiert", sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Börsenverein, Alexander Skipis. "Die 6000 Buchhandlungen werden enorme Schwierigkeiten bekommen." Die Rendite im Buchhandel sei sehr gering, das finanzielle Polster klein oder gar nicht vorhanden. "Eine Schließung von einem Monat würde viele in Existenznot bringen."

Die Berliner Buchhändlerin Christiane Schulz-Rother hat da etwas mehr Glück gehabt: Ihre drei Filialen in der Bundeshauptstadt dürfen weiterhin öffnen, ein weiterer Laden in Brandenburg wegen anderer Vorgaben der Landesregierungen aber nicht. "Wir haben einen Einbruch beim Barumsatz von etwa 50 Prozent", klagt sie. Dass die Brandenburger Filiale dicht ist, "das tut richtig weh", sagt sie.

Dafür sieht sie sich etwa in der Filiale in Tegel als Anlaufstelle für Menschen, die in diesen Zeiten jemanden zum Reden suchen - mit gebotenem Abstand. "Wir sind da auch ein bisschen Seelsorger." Und was kaufen die Kunden? "Es gibt welche, die im Krimi versinken wollen, andere möchten ein anspruchsvolleres Buch, weil sie jetzt die Zeit dafür haben." Sogar James Joyce werde wieder nachgefragt. Den Schwund im Laden kann auch sie ein wenig mit ihrem Internetshop ausgleichen. "Wir erfahren da sehr viel Solidarität." Und die ganz Familie hilft mit: "Meine Kinder beliefern die Kunden per Fahrrad." Bei der Soforthilfe für Betriebe bis zu zehn Mitarbeitern geht sie leer aus. "Da fehlt der Mittelstand bisher komplett", kritisiert sie. Mit ihren 14 Mitarbeitern hat sie den März gut überstanden, nun müsse sie sehen, wie lange sie noch öffnen darf.

Dass es für größere Mittelständler keine Soforthilfen gibt, beklagt auch Nina Hugendubel, die mit ihrem Bruder bundesweit rund 100 Buchfilialen betreibt - große und kleine. Sie haben schon manche Krise durchstanden, diesmal ist es besonders dramatisch. "Ich habe mir mein Leben lang täglich die Filialumsätze angeschaut. Wenn da plötzlich eine Null steht, dann ist das erschreckend", sagt sie. Das Münchner Unternehmen hat alle Geschäfte geschlossen, auch die in Berlin, weil kaum noch Kunden gekommen seien. Viele Mitarbeiter werden wohl in Kurzarbeit gehen, nur der Webshop beschert noch Umsätze. "Ich habe den Eindruck, dass die Leute noch ein bisschen geschockt sind. Da haben Bücher momentan nicht die erste Priorität", sagt sie. Aber immerhin habe das E-Buch wieder Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich.

"Ein Kredit bringt wenig, weil man den ja zurückzahlen muss."

Bei Hugendubel geht es um 1700 Beschäftigte. "Wir müssen unsere Liquidität sichern und wollen die Zeit mit unseren Mitarbeitern überstehen." Doch nun müssen Mieten gezahlt werden. "Eine wenige Vermieter verzichten auch zeitweise auf Mietzahlungen", sagt Hugendubel. Sie hofft, dass die Hilfen jetzt kommen, fragt sich aber, wie sie die Kredite zurückzahlen soll. "Die jetzt fehlenden Umsätze werden wir nicht wieder einholen können." Alexander Skipis vom Börsenverein will gegensteuern: "Gerade mittelgroße Unternehmen, die nicht von Soforthilfen für Kleinbetriebe profitieren können, benötigen ebenfalls dringend Unterstützungsleistungen." Ein Wettlauf mit der Zeit.

Im Südwesten der Republik betreibt Christian Riethmüller die Buchkette Osiander, mit 70 Filialen von Heilbronn bis Oberstdorf. "Ein Kredit bringt wenig, weil man den ja zurückzahlen muss", sagt auch er. "Viele Händler haben ja schon vor der Krise kaum vernünftige Renditen erwirtschaftet." Riethmüller ist ein Kämpfer, 2019 erst hatte ein anderes Virus die Tübinger Firma heimgesucht: Ein Hackerangriff verursachte eine halbe Million Euro Schaden - "jetzt kommt der nächste Einschlag", sagt er. "Das ist eine extreme Situation, wenn man von einem Tag zum anderen zu einem reinen Online-Unternehmen wird." Das Internet kann auch hier nur einen Teil des Umsatzschwunds wettmachen. Riethmüller fordert ein Gesetz, das die Mietzahlungen in dieser Ausnahmesituation halbiert, aber auch Direkthilfen für Mittelständler. Manche könnten so eine Krise mehrere Monate irgendwie überstehen, "bei anderen Händlern ist sicherlich nach einem Monat Schluss".

Einzelkämpfer wie Anita Krugg lassen sich nicht unterkriegen. Sie hofft, dass der Kundenzuspruch mehr ist als eine Anfangseuphorie. "Wenn wir vier Wochen nicht öffnen dürfen, dann wird das aber richtig heftig." Von ihrem Antrag auf Soforthilfe hat sie bisher nichts gehört, erwartet sich aber auch nicht zu viel. "Das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein." Sie versteht nicht, dass Buchhandlungen schließen müssen: "Geistige Nahrung ist doch auch eine Nahrung", sagt sie frustriert. "Ich schlafe im Moment sehr schlecht und zweifele an meinem Buchladen", sinniert Krugg. "Man wird eh nicht reich, das ist eine sehr idealistische Branche." Doch ihr Idealismus treibt sie wieder weiter - schließlich warten ihre Kunden zu Hause auf sie.

© SZ vom 28.03.2020

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