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Einsatz von Pestiziden:Hersteller empfahlen das Mittel zum Einsatz in Kinderzimmern

Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht: Hersteller empfahlen das Mittel sogar ausdrücklich für den Einsatz in Kinderzimmern, zum Schutz vor Ungeziefer. In Malaria verseuchten Gebieten erwies sich das Mittel als effizient im Einsatz gegen Stechmücken, die den tückischen Erreger übertragen. Millionen von Menschen in Afrika und anderen armen Ländern hat DDT vermutlich das Leben gerettet.

Die negativen Folgen des weltweit stark steigenden Einsatzes von DDT wurden von der Politik lange unterschätzt. Dabei gab es erste Verdachtsmomente über schädliche Nebenwirkungen schon relativ früh, bereits während des Zweiten Weltkriegs. Die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA merkte damals an, dass sich das Insektengift in der Nahrungsmittelkette anreichere und sich nur sehr langsam abbaue. Doch die Warnungen wurde übergangen. Die Industrie hielt dagegen und berief sich auf ihre eigenen Studien, die belegen sollten, dass DDT weitgehend harmlos sei.

Es dauerte schließlich drei Jahrzehnte bis das Mittel auf die Liste der verbotenen Stoffe gesetzt wurde, 1972 erst in den USA, 1977 dann in Deutschland, andere Länder folgten. Rachel Carson hat diese späte Genugtuung nicht mehr erlebt. Sie starb 1964 nach langer Krankheit an Krebs. Heute gilt sie als eine Mitbegründerin der amerikanischen Umweltbewegung.

Viele Landwirte müssten ihre Produktion umstellen

In knapp 180 Ländern darf DDT seit 2004 nicht mehr oder nur eingeschränkt eingesetzt werden, beispielsweise um Insekten zu bekämpfen, die Malariaerreger übertragen. Fest steht auch, dass der Stoff alles andere als harmlos ist und eine tödliche Gefahr für Vögel und andere Tierarten darstellt. Er kann ihr Erbgut schädigen und die Fortpflanzung verhindern. In der Natur baut sich das Gift nur sehr langsam ab. Klar ist ebenfalls, dass der Stoff auch Menschen schaden kann. Wie sehr, das ist unter Wissenschaftlern allerdings bis heute umstritten.

Auch bei Glyphosat streiten sich die Forscher heftig. Der Unkrautvernichter steht wie DDT im Verdacht, dass er bei Menschen Krebs auslösen oder Erbgutschäden verursachen könnte. Tatsache ist, dass sein Einsatz in Deutschland und anderen EU-Ländern erst seit der Jahrtausendwende stark zugenommen hat, erstmals zugelassen wurde es 1974 in den USA auf Antrag des Agrarkonzerns Monsanto. Inzwischen ist Glyphosat weltweit das meist verkaufte Pestizid, Herstellern bringt es Milliardenumsätze, der Anbau vieler Gentechnik-Pflanzen außerhalb Europas ist nur in Zusammenspiel mit dem Unkrautvernichter erfolgreich. In der Banker-Sprache könnte man das Ackergift wohl zu Recht als systemrelevant für die Landwirtschaft bezeichnen. Darf der Stoff nicht mehr eingesetzt werden, müssen viele Landwirte ihre Produktion umstellen.

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Dass es auch ohne geht, zeigt jedoch der Ökolandbau. In der Industrie macht sich deshalb zunehmend Nervosität breit. Grund dafür sind auch die neuen Umsatzzahlen, die der Industrieverband Agrar gerade für 2015 vorgelegt hat. Erstmals seit fünf Jahren musste die Branche in Deutschland ein Umsatzminus von einem halben Prozent auf knapp 1,6 Milliarden Euro melden. Besonders stark brach das Geschäft mit Herbiziden wie Glyphosat ein. Es ging um mehr als sechs Prozent auf fast 640 Millionen Euro zurück. Für den Verband ein Alarmsignal. Hauptgeschäftsführer Volker Koch-Achelpöhler, kritisiert die "zunehmende Politisierung von Genehmigungs- und Zulassungsverfahren" in der EU und spielt damit auf die Diskussion um Glyphosat an. Die Landwirtschaft in der EU laufe Gefahr, vom technischen Fortschritt abgehängt zu werden, warnt er im Jahresbericht.

Wer muss zahlen?

Was aber ist mit den Risiken? Welche Langzeitfolgen der Einsatz der Pestizide hat, zeigt sich manchmal erst Jahrzehnte später. Spuren des Unkrautvernichters Atrazin sind noch heute im Trinkwasser zu finden, obwohl der Stoff seit Beginn der Neunzigerjahre nicht mehr eingesetzt werden darf. Allein in Bayern sind nach Behördenangaben 20 Prozent der Landesfläche belastet, das wurde im vergangenen Jahr bei Untersuchungen deutlich.

Wer aber muss zahlen, wenn Menschen aufgrund hoher Belastungen krank werden oder die Umwelt Schaden nimmt? "Hersteller in die Verantwortung zu nehmen, ist sehr schwer", stellte der amerikanische Anwalt Kenneth Feinberg fest. Er hat einen Entschädigungsfonds für US-Veteranen im Vietnamkrieg erstritten, die durch das berüchtigte Entlaubungsmittel Agent Orange Gesundheitsschäden davongetragen haben. Eine eindeutige Schuld könne man der Industrie tatsächlich oft nicht nachweisen, weil es für Erkrankungen in der Regel viele Ursachen geben kann, sagt er. Am Ende müsse deshalb meist die Allgemeinheit für Schäden aufkommen, viele Opfer gingen leer aus.

Aufgabe der Politik ist es, solche Risiken gegen den Nutzen aufzuwägen. Vor dieser schwierigen Aufgabe stehen nun auch die EU-Mitgliedsländer, wenn sie Mitte Mai über eine Neuzulassung von Glyphosat entscheiden müssen. Der Fall DDT kann dabei zumindest eine Hilfestellung sein.

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