Einkommensstudien von DIW und WSI Reiche bleiben reich, Arme bleiben arm

Unabhängig voneinander legen zwei Forschungsinstitute Studien vor, die zeigen, dass die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen in Deutschland groß bleibt. Damit widersprechen die Experten dem umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht der schwarz-gelben Regierung aus dem Frühjahr.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Anders als von der abgewählten schwarz-gelben Bundesregierung suggeriert schließt sich die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland nicht weiter. Darauf deuten zwei Studien hin, die unabhängig voneinander das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das WSI in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung vorgelegt haben. Das Arbeitsministerium hatte in seinem umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht Anfang März noch festgestellt: "Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab."

Nach den Erkenntnissen der DIW-Forscher Markus Grabka und Jan Göbel trifft dieser amtliche Befund nicht mehr zu. Zwar seien die Einkommensunterschiede wegen der gesunkenen Arbeitslosigkeit seit 2005 zurückgegangen. "Diese Tendenz hat sich jedoch zuletzt - im Jahr 2011 - nicht weiter fortgesetzt", heißt es in ihrer Studie. Aktuellere Daten liegen noch nicht vor. Grabka und sein Kollege sehen die Ungleichheit der Haushaltseinkommen nach wie vor "auf einem hohen Niveau".

Die DIW-Forscher fanden heraus, dass die höchsten Haushaltseinkommen im obersten Zehntel auf der Verteilungsskala von 2000 bis 2011 um 13 Prozent gewachsen seien. Unten, im vierten bis ersten Dezil, gingen sie dagegen um bis zu fünf Prozent zurück. Die Wissenschaftler kommen außerdem zu dem Schluss, dass Menschen es immer schwerer haben, in der Einkommenshierarchie nach oben aufzusteigen. "Die Chance, innerhalb eines Vierteljahres aus dem Armutsrisiko zu entkommen, ist in den vergangenen Jahren um zehn Prozentpunkte auf 46 Prozent gesunken", sagt Grabka.

Umgekehrt habe sich die Gefahr für besonders Wohlhabende verringert, nach unten abzurutschen. Diese Gruppe profitiert offenbar wieder verstärkt von wachsenden Zinsen, Dividenden und Kursgewinnen ihres angelegten Kapitals. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Im Jahr 2011 lag die Grenze für einen Ein-Personen-Haushalt bei netto 980 Euro im Monat.

Der Abstand zwischen hohen und niedrigen Löhnen hat zugenommen

Für ihre Untersuchung werteten die DIW-Forscher das sozioökonomische Panel aus, für das TNS Infratest Sozialforschung jedes Jahr gut 20.000 Menschen befragt. Diese Daten waren auch eine Grundlage für den neuen "Verteilungsbericht" des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Ein wesentliches Ergebnis dieser Studie: Der Abstand zwischen hohen und niedrigen Löhnen hat seit 2008 wieder zugenommen. Trotz des jüngsten Anstiegs der Löhne sei die geringe durchschnittliche Lohnentwicklung seit Beginn des neuen Jahrtausends noch nicht wieder wettgemacht. Das treffe vor allem Arbeitnehmer, die im Dienstleistungssektor tätig sind, und Beschäftigte, die keinen Tariflohn bekommen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich zeigt sich demnach auch in der Sparquote: So habe das einkommensstärkste Viertel der Haushalte seit 1991 neun bis zehn Prozent des verfügbaren Einkommens zurücklegen können. "Die ärmere Hälfte der Haushalte kann dagegen deutlich weniger sparen als noch Anfang der 1990er Jahre", heißt es in der Studie. Dort liegt die Sparquote bei fünf bis sechs Prozent. Da die untersten Einkommensgruppen immer weniger zurücklegen könnten, sei auch "eine private Altersvorsorge kaum möglich".