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Einkommen in Deutschland:"Problematisches Maß an Ungleichheit"

Fensterputzer

Fensterputzer in Berlin: Trotz guter Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt konnte sich die Schere bei der Einkommensverteilung seit 2005 nicht weiter schließen.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Trotz guter Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hat sich die Lage der Geringverdiener hierzulande seit 2005 nicht wesentlich verbessert. Einer aktuellen Studie zufolge liegt Deutschlands Niedriglohnsektor im EU-Vergleich auf Platz sieben - "sowohl sozial als auch wirtschaftlich hochproblematisch", wie die Verantwortlichen der Untersuchung sagen.

"Der deutsche Niedriglohnsektor ist einer der größten in der EU. Ein substanzieller Mindestlohn und die Stabilisierung des Tarifsystems könnten das ändern." Was das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung auf ihrer Homepage als Quintessenz einer neuen Studie angibt, ist besorgniserregend.

22,2 Prozent aller Beschäftigten mussten nach der aktuellsten europäischen Lohnstrukturerhebung im Jahr 2010 mit einem Niedriglohn auskommen, berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Sie verdienten weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns, also im Westen knapp 11 Euro und im Osten 8,30 Euro. Damit hat die Bundesrepublik den siebtgrößten Niedriglohnsektor in der EU, zwischen sechs und acht Millionen Menschen sind betroffen. Höher war der Anteil der niedrig bezahlten Arbeitnehmer nur in den drei baltischen Staaten, in Rumänien, Polen und Zypern.

"Deutschland hat in den letzten beiden Jahrzehnten ein Maß an Ungleichheit erreicht, das sowohl sozial als auch wirtschaftlich hochproblematisch ist", sagt der Wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav Horn.

Allerdings hat sich die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung der Untersuchung zufolge seit dem Jahr 2005 nicht weiter verschärft. Vor diesem Hintergrund und der "enorm guten Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt" wäre für die letzten Jahre "ein deutlich sichtbarer Rückgang" bei den Lohndifferenzen das erwartbare Ergebnis gewesen, schreiben die Autoren der Studie. Im Jahre 2005 waren in Deutschland noch 4,9 Millionen Menschen arbeitslos, im vergangenen Jahr waren es zwei Millionen Menschen weniger.

Die Schere bei der Einkommensverteilung hätte sich demnach erheblich schließen müssen, da Arbeitslose eine bezahlte Beschäftigung gefunden haben. Dass dies nicht passiert ist, liegt nach Ansicht der Forscher auch an den extrem niedrigen Löhnen einiger Branchen.

Am geringsten ist der Niedriglohnsektor übrigens in Schweden ausgeprägt. Dort liegt der Anteil lediglich bei 2,5 Prozent aller Beschäftigten. Der EU-Durchschnitt liegt bei 17 Prozent.

© Süddeutsche.de/cag
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