Einkommen 2016 steigen die Löhne langsamer

In der Bauindustrie sind die Tarifabschlüsse traditionell hoch: Bauarbeiter montieren in Schwerin eine Schalung.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Wegen höherer Preise halbiert sich das Einkommensplus, erwarten Ökonomen. Das könnte die Konjunktur gefährden.

Von Alexander Hagelüken

Länger in Urlaub, teurer essen, mehr Schmuck schenken: Die Deutschen konsumieren wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Das liegt auch daran, dass sie so viel Geld zur Verfügung haben wie selten. Nach Tarif bezahlte Arbeitnehmer verdienten vergangenes Jahr 2,5 Prozent mehr, meldete am Montag das Statistische Bundesamt. Reinhard Bispinck, der für das WSI-Institut noch etwas höhere Tarifsteigerungen ermittelt, ruft einen seltenen Rekord aus. Real, also nach Abzug der Inflation, hatten 2015 die Beschäftigten 2,4 Prozent mehr in der Tasche. So ein Plus gab es seit der Jahrtausendwende noch nie.

Längst hängt die traditionell exportorientierte Volkswirtschaft von den Konsumenten ab. Denn die Welt verheißt von China über den Mittleren Osten bis nach Russland eher Krisen und Nachfragedämpfer. Die Stütze der Konjunktur waren in den vergangenen Monaten die deutschen Verbraucher. Wie sich der Verdienst dieses Jahr entwickelt, interessiert deshalb nicht nur jeden Arbeitnehmer - es ist eine ökonomische Frage. Wer sich mit Fachleuten unterhält, hört eine eindeutige Tendenz: Die Einkommen dürften wegen höherer Preise unterm Strich deutlich weniger zunehmen als 2015. "Der Realllohnzuwachs wird sich dieses Jahr halbieren", erwartet Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Industrieabschlüsse waren deutlich höher als bei den Dienstleistungen

Wie viel mehr die Deutschen verdienen, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab: Der Inflation und anstehenden Tarifverhandlungen. Der Forscher Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen WSI-Institut macht folgende Rechnung auf: 2015 stagnierten die Verbraucherpreise praktisch, zum Beispiel wegen billigen Öls. Plus 0,3 Prozent, das ist fast nichts. Für dieses Jahr geht sein Institut dagegen von gut ein Prozent Inflation aus, was sich eher im üblichen Rahmen bewegt. Bewahrheitet sich diese Prognose, schrumpft der reale Zuwachs der Tariflöhne von 2,4 auf 1,6 Prozent, selbst wenn die Gewerkschaften mit durchschnittlich 2,7 Prozent gleich hohe Abschlüsse erreichen wie 2015.

"Eine Zielmarke von drei Prozent bei den Lohnsteigerungen wäre ein vernünftiger Rahmen", fordert Bispinck deshalb - das würde den Anstieg der Inflation etwas ausgleichen. "Es wäre sinnvoll, den Tariftrend mit höheren Abschlüssen zu halten. Die deutsche Konjunktur lebt aktuell maßgeblich vom Konsum." Seit zwei, drei Jahren gelinge es den Gewerkschaften wieder, ordentliche Lohnerhöhungen durchzusetzen. Ob es den Arbeitnehmervertretern wirklich gelingt, 2016 noch höhere Abschlüsse durchzudrücken als vergangenes Jahr, da ist aber auch Bispinck skeptisch: "Diese Tarifrunde wird schwerer werden."

Wer die Lohnabschlüsse 2015 betrachtet, sieht durchaus Unterschiede. Während sich die Gehälter in der Chemie- um knapp drei und in der Metallbranche sogar um 3,4 Prozent erhöhten, blieben Dienstleistungsberufe deutlich drunter. Ob Einzelhandel, Versicherungen oder öffentlicher Dienst der Bundesländer: Überall betrug das Plus 2,5 Prozent, meist weniger. "In der Industrie gibt es seit längerem deutlich höhere Abschlüsse als in den Dienstleistungsbranchen", beobachtet Hagen Lesch vom arbeitgebernahen IW-Institut. "Da ist eine Schere, die schließt sich nicht." Kapitalintensive Industriebetriebe könnten Kostensteigerungen durch höhere Löhne leichter durch Steigerung der Produktivität auffangen als personalintensive Dienstleister, die die Produktivität nicht so leicht steigern können. Sie müssten die höhere Löhne eher über höhere Preise an den Kunden weiterzugeben versuchen, was nicht so einfach fällt.

Deshalb ist kaum damit zu rechnen, dass in den Dienstleistungsbranchen 2016 Lohnabschlüsse von drei Prozent zu sehen sind. Verdi verhandelt für den öffentlichen Dienst der Kommunen und des Bundes und versucht oft, ähnlich hohe Steigerungen zu realisieren wie bei den Arbeitnehmern der Länder, die 2015 in zwei Stufen durchschnittlich 2,2 Prozent mehr zugesichert bekamen.

Gleichzeitig war der Metallerabschluss von 3,4 Prozent vielen Arbeitgebern deutlich zu hoch, weswegen viele Ökonomen dieses Jahr eher einen niedrigeren Abschluss erwarten. "Die Konzessionsbereitschaft der Arbeitgeber wird sicherlich kleiner sein", sagt Lesch. Er fordert etwa, dass die Metallerlöhne diesmal durch Öffnungsklauseln oder variable Einmalzahlungen flexibler gestaltet werden. Zu hohe Abschlüsse gefährdeten die Tarifbindung der Betriebe. Bereits nach dem aktuellen Abschluss 2015 drohten zahlreiche Betriebe mit dem Ausstieg aus dem Tarifsystem.

Als Fazit ergibt sich, dass höhere Inflation dieses Jahr deutlich mehr von den Lohnzuwächsen aufzehren wird als 2015, die Tarifabschlüsse aber kaum höher ausfallen. Die deutschen Arbeitnehmer dürften keinen solchen Schub spüren wie vergangenes Jahr - eine Aussicht mit ökonomischer Sprengkraft.