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Ecclestone-Prozess:"Gefrotzel" über den "Staatsdiener"

Kurz darauf verkündet Richter Noll die Entscheidung: Ecclestone kommt gegen Zahlung von 100 Millionen Dollar frei. 99 Millionen Dollar gehen an die Staatskasse, eine Million an die Kinderhospiz-Stiftung.

Die Auflage, so Noll, beseitige das öffentliche Interesse an dem Fall. Die Schuld wiege zugleich nicht so schwer, dass sie einer Einstellung des Verfahrens entgegenstünde. Der Tatverdacht habe sich auch nicht erhärtet, selbst eine weitere Beweisaufnahme würde daran seinen Aussagen zufolge wohl nichts ändern.

Es bestünden erhebliche Zweifel, dass der Anklagte die Amtsträgerschaft von Gribkowsky erkannt habe. Ecclestone hätte dafür bewusst sein müssen, dass Gribkowsky in seiner Eigenschaft als BayernLB-Vorstand beim Verkauf der Formel-1-Anteile auch Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahrnahm. Doch die BayernLB trete nach außen hin wie eine Geschäftsbank auf. Und eine Bestechung "im geschäftlichen Verkehr", die dann in Betracht käme, wiege nunmal "wesentlich weniger schwer" als die Bestechung eines Amtsträgers, für die es bis zu zehn Jahre Haft geben kann. Korruption in der Privatwirtschaft wiegt erst dann schwerer, wenn eine dritte Partei geschädigt wird. Ob das hier der Fall war, bleibt unklar. Zeugen im Ausland zu finden und zu hören - das war dem Gericht zu aufwändig.

Vielmehr hebt das Gericht den Einsatz Ecclestones beim Verkauf der Anteile hervor, die "auf Null" standen. Zeugen der BayernLB hätten nach dem Geschäft von einem "Traumergebnis" und von einem "Lottogewinn" gesprochen. Den Preis, den die BayernLB erzielt habe, könnte das Gericht "bei der Gesamtwürdigung nicht außer Betracht" lassen. Dass Ecclestone Gribkowsky zwischendurch als civil servant, als Staatsdiener verhöhnt haben soll, nennt Noll "allgemeines Gefrotzel", das keiner konkreten Situation hätte zugeordnet werden können. Daneben berücksichtigt das Gericht das hohe Alter von Ecclestone, seine Probleme mit der deutschen Sprache, die weite Anreise und seinen Gesundheitszustand.

Ein "fühlbarer Anteil seines Vermögens"

Die Höhe der Geldzahlung, die Ecclestone nun zu leisten hat, war zuvor in den Medien verbreitet worden und hatte viele Fragen ausgelöst. Wohl deshalb versichert Noll nun, dass die Höhe der Auflage sich an den Vermögensverhältnissen des Angeklagten orientiere und keine Rückschlüsse auf die Verurteilungswahrscheinlichkeit oder die Schwere der Schuld zulasse. Ecclestone habe vielmehr glaubhaft gemacht, dass er einen "fühlbaren Anteil seines Vermögens" hergebe, ohne "überfordert" zu sein.

Und dann ist auch schon alles vorbei. Noll sagt, dass er davon ausgehe, Ecclestone nur noch im Fernsehen wiederzusehen. Ecclestone, der via Übersetzerin sehr aufmerksam allen Ausführungen des Richters folgt, bedankt sich und betont, dass er den Auflagen nachkomme, so dass er die "Herren und Damen" auch nicht mehr treffe.

Kurz darauf, der Saal hat sich schon zur Hälfte geleert, steht Ecclestone am Richtertisch, mit gefalteten Händen, wie an einer Kirchenbank, und wartet geduldig, bis Noll eine andere Unterhaltung zu Ende bringt. Dann verabschiedet er sich persönlich von Richter Noll. Später von Staatsanwalt Weiß und von seiner Übersetzerin.

Draußen, nur getrennt durch eine Tür, stehen dichtgedrängt die Journalisten, denen Verteidiger Thomas gerade noch mal erläutert, wie viel Respekt er dem Gericht entgegenbringe. Und dass sich Ecclestone nun wieder mit ganzer Kraft der Formel 1 zuwenden könne, "immerhin eine der drei großen Sportveranstaltungen der Welt".

Ecclestone schaut derweil im Saal auf die Uhr, tätschelt unruhig mit der Hand einen Tisch. Kurz darauf klopft seine junge Frau Fabiana Flosi ihm auf die Schulter. Beide wissen: Wenn die Tür aufgeht, müssen sie noch an den Journalisten vorbei: an den zahllosen Kameras und an den vielen Fragen. Dann haben sie es geschafft.

© SZ.de/luk/rus
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