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Nach Corona:Corona macht die Menschen zu müffelnden Zeitgenossen

(Foto: Imago)

Waschen sich die Deutschen in der Pandemie weniger? Oder warum sonst wird weniger Duschgel verkauft?

Von Michael Kläsgen

Die Pandemie hat laut den Marktforschern von Nielsen den Duschgel- und Shampoo-Markt einbrechen lassen, weil sich Menschen im Home-Office "nicht mehr jeden Tag hübsch machen", wie es heißt. Bei Haarpflege-Produkten wie Schaum oder Gel habe der Umsatzverlust sogar bis zu 20 Prozent betragen. Rasierklingen und Lippenstift seien ebenfalls kaum gefragt. Kurzum: Die Bundesbürger scheinen sich im Home-Office gehen zu lassen. Bärte sprießen, Haare fetten, Bauchnabel verfusseln offenbar. Der Verdacht vom "Hygienemüffel" drängt sich auf.

Die originelle Wortkombination aus Muffel und müffeln hat der kreative Kopf eines Nachrichtenportals wahrscheinlich im Home-Office ersonnen: Der deutsche Michel, ein müffelnder Hygienemuffel, sitzt vor dem Computer und tut so, als würde er arbeiten. Wahrscheinlich ist das aber nur ein Vorwand, sich nicht waschen zu müssen. Bis zum Bad wäre es ja auch viel zu weit. Weniger Duschgel und Shampoo = weniger waschen und duschen. Diese Gleichung klingt plausibel.

Doch wer das für richtig halten will, ruft besser nicht beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft an. Dort weiß man nämlich, dass der Trinkwassergebrauch, wie das im Fachjargon heißt, im Corona-Jahr 2020 gestiegen ist, um vier auf 129 Liter pro Tag und Nase. Was man beim Verband allerdings nicht weiß, ist, wofür die Bundesbürger mehr Trinkwasser gebraucht haben. Verbandschef Weyand erwähnt das Duschen erst gar nicht, dafür aber das intensive Händewaschen. Vielleicht haben die vermeintlichen Hygienemuffel im Home-Office aber auch viel Wasser fürs Kochen, Kaffeezubereiten oder Blumengießen verbraucht. Der Verband hat da keine Ahnung, ist ja auch Privatsache. Auch Duschen ohne Shampoo ist möglich.

Einzelne Stadtwerke konnten lediglich im ersten Lockdown feststellen, dass viele Menschen länger schlafen und später duschen, als sie es vor Corona taten. Wobei es auch da große regionale Unterschiede gibt. Wenn die Hamburger aufstehen, haben die Dresdner im Prinzip schon geduscht, lässt sich das zusammenfassen.

Schade eigentlich, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Shampoo-Verbrauch und Waschverhalten belegen lässt. Sonst hätte man als Ersatz für den durch das Maskentragen widerlegten Lippstick-Effekt (umso höherer Lippenstift-Verkauf, je heftiger die Wirtschaftskrise) den Hygienemüffel-Index entwickeln können: umso intensivere olfaktorische Werte, je länger der Lockdown. Aber auch hier bleiben Zweifel.

© SZ/kö
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